TFamilie Haller in Angst – Wenn der Nachbar das eigene Leben terrorisiert
Nachbarschaftsstreitigkeiten beginnen oft mit Kleinigkeiten. Ungeklärt können sie für die Beteiligten zur Belastungsprobe werden. Foto: Diagentur/dpa/tmn
Mit gerodeten Büschen fing es an, dann setzte sich die Eskalationsspirale in Gang. Am Ende steht nachts jemand Fremdes im Haus.
„Ich habe erlebt, was falsche Anschuldigungen und psychischer Missbrauch mit einem Menschen machen können. Ich möchte darüber reden, weil ich denen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, Mut machen möchte. Mut, den es braucht, um aus dieser Gewaltspirale auszusteigen“, sagt Michael Haller. Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.
Es geht um einen Nachbarschaftsstreit zwischen zwei Familien, der sich in Nordenham zugetragen hat. Der Hergang wird in groben Zügen wiedergegeben. Anke und Michael Haller berichten, welche Schritte sie unternommen haben, um den Konflikt zu lösen.
Familie Haller möchte ihren Traum vom Leben auf dem Land verwirklichen. 2016 kauften sie einen Resthof. Der Sandweg, der von der Straße zu ihrem Haus führt, gehört ebenfalls dazu. Das Paar zieht mit ihren damals zwei Kindern ein. Sie schaffen sich Pferde und Kleintiere an. 2019 verkaufen die Nachbarn ihr Haus. Irene und Clemens Schmidt werden die neuen Besitzer.
Man lernt sich kennen, alles ist in Ordnung. Die Auffahrt der Hallers führt am Grundstück der Nachbarn vorbei. Die Schmidts müssen, um zu ihrem Haus zu kommen, einen Abschnitt des Sandweges befahren. Auf ihren Wunsch hin werden rechtliche Fragen zu dessen Nutzung in einem notariellen Schreiben festgehalten.
Kontaktversuche zur Klärung des Streits werden abgelehnt
Eines Tages sind die Büsche und kleinen Bäume linksseitig der Zuwegung gerodet. Die Schmidts haben sie ohne Rücksprache mit den Eigentümern entfernt. Anke und Michael Haller beschließen, nach einem klärenden Gespräch, ihren Ärger zur Seite zu schieben.
„Danach war unser Verhältnis für etwa anderthalb Jahre fast freundschaftlich“, sagt Michael Haller. Mit der Zeit gibt es zunehmend Spannungen, zuletzt kommt es zu einem heftigen Streit. Kontaktversuche, zu dessen Beilegung, seien von den Schmidts abgelehnt worden.
Die Nachbarn lassen sich eine eigene Auffahrt anlegen. Schwere Maschinen kommen zum Einsatz, die über die Zufahrt der Hallers fahren und Spuren hinterlassen. Der Aufforderung, für den Schaden aufzukommen, wird nicht entsprochen. Die Hallers beantragen ein Streitschlichtungsgespräch bei der Stadt Nordenham.
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Ein Schlichtungsverfahren nutzt die Sicht einer dritten Person
Ein Streitschlichtungsverfahren verläuft außergerichtlich und freiwillig. Eine neutrale dritte Person vermittelt zwischen den Parteien, um eine einvernehmliche, rechtsbindende Lösung zu finden. Die Kosten für das Verfahren variieren, in Nordenham wird eine Aufwandspauschale von 50 Euro berechnet.
Der Vorschlag, dass die Schmidts den verbindenden Teil der Auffahrt schließen und künftig nur noch die eigene Zufahrt nutzen, wird von beiden Seiten angenommen. Michael Haller ist nach eigenen Angaben zu diesem Zeitpunkt aufgrund der psychischen Belastung durch wiederkehrende Konflikte für mehrere Wochen in einer Klinik.
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Die Hallers schaffen sich Federvieh an, das gelegentlich auf die Weiden der Nachbarn ausbüxt. Das führt erneut zu Ärger. In einem weiteren Schlichtungsgespräch wird festgelegt, dass sich die Schmidts bei den Hallers melden sollen, wenn die Tiere auftauchen, und die Familie sie umgehend zurückholen sowie den Zaun nachbessern muss.
Fremde werden involviert, die Kommunikation läuft über Anwälte
Kurz darauf, so schildert die Familie, sei ein Mann bei ihnen erschienen und habe erklärt, er habe mit den Schmidts gesprochen. Die Vögel sollten verschwinden, andernfalls würden sie „minimiert“. Laut Michael Haller soll er gesagt haben, er käme „einmal und sage es freundlich, ein zweites Mal und beim dritten Mal…“
Die Hallers fühlen sich bedroht. Wie sollen sie mit der Situation umgehen? Wo gibt es Rat? Sie schalten die Polizei ein und lassen über einen Anwalt bei den Nachbarn nachfragen, ob der Mann tatsächlich beauftragt worden sei. Innerhalb weniger Stunden bekommen sie ein Antwortschreiben des Gegenanwalts. Darin wird Michael Haller unter anderem Stalking und sexuelle Belästigung der Nachbarin vorgeworfen.
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Das Familienleben leidet
Die Vorwürfe belasten das Leben der Familie schwer. Angst macht sich breit. „Meine Gedanken kreisten. Was hat zu diesen Vorwürfen geführt? Kann ich das jemandem erzählen? Was passiert dann? Ein Gefühl von Einsamkeit entstand. Plötzlich fühlte sich mein Leben fremdbestimmt an und ich war abhängig von den Aussagen anderer“, beschreibt Michael Haller. Die Verzweiflung über eine Situation, die außer Kontrolle geraten ist, ist bei jedem Satz spürbar. Das Problem bei Mobbing und psychischen Angriffen ist oft die Schwierigkeit, den Vorfall nachzuweisen - es sind scheinbar „nur“ Worte.
Die Opferhilfe, der Weiße Ring, bietet Anke Haller und den Kindern kostenlos unterstützende Gespräche an. Auch mit seinem Therapeuten spricht Michael Haller über das Gefühl der Ohnmacht. Er lernt dort, den Weg nach außen zu gehen, sich Hilfe zu holen und Grenzen zu setzen. Auch das Verfahren gegen ihn wird eingestellt. „Der Rückhalt durch meine Familie und unsere Freunde hat mich zurück ins Leben gebracht“, sagt er.
Der Fall geht vor Gericht, die Polizei ist alarmiert
Der Präventionsberater der Stadt Nordenham, Daniel Schönig, berät die Familie zu möglichen Sicherheitsvorrichtungen rund ums Haus – Kameras, Tore, Sichtschutzzäune, Lichtkonzepte, um den Kontakt zwischen den Parteien zu minimieren.
Zwei Wochen später trifft die 19-jährige Tochter nachts beim Verlassen des Hauses auf einen unbekannten Mann. Der Eindringling verschwindet, aber auf der Hauswand hat er Beleidigungen geschmiert. Die Hallers stellen eine Anzeige gegen Unbekannt. „Seit dem Vorfall fühle ich mich allein nicht mehr sicher im Haus“, sagt die Tochter. Die Familie appelliert an die Täter, zu erkennen, welchen Schaden sie anrichten. Gewalt, in welcher Form auch immer, hinterlässt tiefe Spuren.
Die Hallers betonen aber auch, dass sie den Menschen dankbar sind, die in der schweren Zeit nicht weggesehen, sondern nachgefragt und das Gespräch mit ihnen gesucht haben.
Nachbarschaftsstreit dokumentieren
- Protokoll führen: Notieren Sie alle Vorfälle mit Datum, Uhrzeit, Zeugen und Art der Provokation. Die Liste dient als Beweismittel für Vermieter, Polizei oder Anwalt.
- Vermieter informieren: Ist die Hausverwaltung oder der Vermieter informiert, ist dieser bei Mietminderung, beispielsweise durch Lärm, verpflichtet, einzugreifen.
- Schlichtung/Mediation: Ein neutraler Mediator der Stadt Nordenham kann vermitteln, wenn der Streit festgefahren ist. Die Kosten liegen bei 50 Euro.
- Rechtliche Schritte: Bei Beleidigung, Bedrohungen oder Mobbing kann ein Anwalt eine strafbewehrte Unterlassungserklärung erwirken oder eine Anzeige bei der Polizei erstatten.
- Schutz vor Gewalt: Bei direkten Angriffen kann ein Kontakt- und Annäherungsverbot beantragt werden. Der Weiße Ring bietet Unterstützung.
- Wichtig: Vermeiden Sie, sich auf das Niveau der Provokateure herabzulassen. Bleiben Sie ruhig und holen Sie sich Hilfe von außen.
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