T„Jemand hat es auf uns abgesehen“: Dritte Brandstiftung bei Zevener Imbiss?
Nach mehreren Brandstiftungen stehen Emine und Serdar Bayrak vor ihrem Imbiss in Zeven – aus Verzweiflung wenden sie sich an die Öffentlichkeit. Foto: Willing
Als „Babas Grill“ in Zeven brennt, rennt Serdar Bayrak in den Qualm und versucht die Flammen zu stoppen. Danach sitzen Hilflosigkeit und Erschöpfung tief.
Zeven. Es ist die Nacht vom 18. auf den 19. März, als Serdar Bayrak durch sein eigenes Geschäft läuft und die Flammen mit bloßen Füßen austritt.
23.08 Uhr. Ein Geräusch, dann Rufe von oben. Die vierköpfige Familie aus der Wohnung über dem Laden hat den Brand bemerkt. Rauch zieht durch das Treppenhaus, beißend, dicht. Serdar schläft unten, neben dem Gastraum – die Salattheke frisch montiert, die Preisschilder gerade erst angebracht. Er wollte Präsenz zeigen. Wachsam sein. Nach allem, was war. Es hat nicht gereicht.
Er springt auf, läuft in den Rauch, sieht die Flammen – und versucht, sie zu stoppen. Einen Feuerlöscher greift er nicht. Es geht zu schnell. „Da war nur Panik und Entschlossenheit“, sagt er später. „Ich habe einfach versucht, es irgendwie unter Kontrolle zu bringen.“ Er wird nur knapp einer Rauchvergiftung entkommen. „Das war mehr als eine Warnung“, sagt Serdar.
Familie Bayrak in Zeven zwischen Gastarbeit und Gastronomie
Serdar Bayrak ist 61 Jahre alt. Einer, der immer wieder neu angefangen hat. Als er 1991 nach Zeven kommt, hat er in der Türkei Wirtschaft studiert. In Deutschland steht er zunächst an der Maschine, arbeitet als Metallarbeiter. Später wechselt er in die Gastronomie, macht sich selbstständig. Ein Weg, den viele gehen. Er geht ihn konsequent.
Blaulicht
Brandserie in Zeven hinterlässt Rätsel
Seine Frau Emine ist da längst Teil dieser Stadt. Ihre Eltern kamen in den 1970er-Jahren als Gastarbeiter nach Zeven, sie selbst folgt 1976, mit 13 Jahren. Schule, Alltag, Leben – alles spielt sich hier ab. „Wir gehören nach Zeven“, sagt sie. Auch ihre drei Kinder sind hier geboren und aufgewachsen.
Vom mobilen Imbiss zum Laden in der Bahnhofstraße
2004 beginnt alles mit einem Anhänger. Ein Döner-Imbiss auf Rädern. Einfach, direkt, nah an den Menschen. Es läuft gut. So gut, dass wenige Jahre später ein fester Standort dazukommt – ein Geschäft in der Bahnhofstraße. Nach Angaben der Bayraks entwickelt sich daraus ein stabil laufender Betrieb. Parallel bleibt der Anhänger im Einsatz – über Jahre hinweg, am Nord-West-Ring.

Vor allem Theke und Geräte wurden im Laden der Familie Bayrak durch den Brand beschädigt. Foto: Willing
Dann, 2016, der Einschnitt: gesundheitliche Probleme. Serdar muss das Geschäft verkaufen. Viele hätten an dieser Stelle aufgehört. Er nicht. Schon zuvor hatten sie eine Immobilie in der Bahnhofstraße gekauft – Nummer 66, Ecke Aueweg, nur wenige Häuser weiter. Unten und oben Wohnraum, zunächst vermietet.
2023 folgt die Entscheidung zur Nutzungsänderung: Gastronomie im Erdgeschoss, darüber weiterhin eine Wohnung. Ein Neuanfang. Noch einmal.
Zwischen Drohungen, Ermittlungen und fehlenden Beweisen
Serdar holt den Anhänger zurück und stellt ihn neben seine Immobilie in der Bahnhofstraße 66. Kürzere Wege, mehr Kontrolle. Vielleicht auch ein Stück Sicherheit. Doch stattdessen beginnen die Drohungen. Man habe ihnen klargemacht, dass sie dort nicht willkommen seien.
Dann brennt der Anhänger. Serdar baut ihn wieder auf. Kurz darauf brennt er erneut. Beim zweiten Mal greift das Feuer sogar auf das angrenzende, bewohnte Gebäude über. Ein Täter wird im ersten Fall ermittelt – ein Mann aus einer Stadt in der Umgebung, nach Angaben der Bayraks. Identifiziert worden sei er durch ein verlorenes Handy und Fingerabdrücke. Für alles Weitere gebe es keine Beweise, sagen sie selbst. Keine Verbindung, nur Vermutungen, die im Raum stehen.
„Nach dem zweiten Brand war der Anhänger nicht mehr zu retten“, sagt Emine. Doch der Traum besteht – also machen sie weiter. Wieder.
Neustart im März: „Babas Grill“ steht kurz vor der Eröffnung
Sie konzentrieren sich auf das Ladengeschäft und renovieren die Immobilie selbst. Halten alle Auflagen ein, investieren Geld, Zeit und Kraft. Viel Eigenleistung, sagt Emine. Sehr viel. Ein neuer Name: „Babas Grill“. Ein neuer Anfang: März 2026. Die Geräte sind gerade eingebaut, die Verkaufsschilder hängen, die Salattheke glänzt. Alles ist bereit. Fast.
Dann kommt die Nacht. Die Kameras sind aus, die Alarmanlage ebenfalls. Bauarbeiten, letzte Anpassungen. Ein Zeitpunkt, der kaum zufällig wirkt. „Der Täter muss den Moment genau abgepasst haben“, sagt Serdar. Gezündet wird gezielt die Theke, die Geräte. Stühle und übriges Inventar bleiben unberührt. „Er wollte verhindern, dass ich arbeiten kann“, sagt Serdar. „Er hat in Kauf genommen, dass eine junge Familie zu Schaden kommt.“ Die Ermittlungen laufen. Antworten gibt es bisher nicht.
Angst, Erschöpfung und eine Stadt, die Anteil nimmt
Seitdem ist nichts mehr wie vorher. „Wir können nicht mehr schlafen“, sagt Emine. Beide sind in psychiatrischer Betreuung. Die Worte kommen leise, stockend. Ratlos. Hilflos. Verzweifelt. Was muss passieren, damit das aufhört?
Es ist nicht nur die Angst. Es ist auch die Existenz. Ein Geschäft, das noch nicht eröffnet hat und schon wieder zerstört ist. Rechnungen, die weiterlaufen. Und trotzdem sagen sie: Sie machen weiter. Vielleicht anders. Vielleicht mit einer neuen Idee. Aber sie machen weiter.
In Zeven wird darüber gesprochen. In den sozialen Netzwerken kocht die Stimmung hoch. „Das müssen doch immer die gleichen sein“, schreiben einige. Andere stellen sich hinter Serdar und nennen ihn die „unangefochtene Nummer eins“. „Zevens bester Dönermann“, heißt es in einem Kommentar.
Brandserie in Zeven fordert Feuerwehr im Dauereinsatz
Zwischen Wut und Solidarität liegt eine Stadt, die in den vergangenen Wochen immer wieder Feuer gesehen hat. Im Eschenweg brennen Rauchmelder in Kellern. Mitte Februar stehen in der Straße Hinter der Bahn Fahrzeuge, ein Carport und ein Wohnhaus in Flammen. Noch in derselben Nacht brennen auch in der Straße Meyerhöfen ein Schuppen und ein Holzstapel. Die Feuerwehr ist im Dauereinsatz.
Die Polizei sieht bislang keine Hinweise auf einen Zusammenhang mit der Brandstiftung in „Babas Grill“. Die Bayraks glauben das auch nicht. „Dreifache Brandstiftung, da hat jemand es gezielt auf uns abgesehen“, sagt Emine.
Wenn Serdar heute durch die verkohlten Reste hinter seiner Theke geht, sieht er nicht nur, was zerstört wurde. Er sieht, was er wieder aufbauen muss. Zum dritten Mal. Er ist 61 Jahre alt. Viele würden sagen: Es reicht. Er sagt: „Ich liebe meinen Job.“
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