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24-Stunden-Reportage

T„Krautsand ist die geilere Tour“: Heinsohns Liebe zum kleinen Bonsai

Müllwerker Bernd Heinsohn arbeitet seit 33 Jahren bei Karl Meyer

Müllwerker Bernd Heinsohn arbeitet seit 33 Jahren bei Karl Meyer Foto: Wertgen

Für eine einzige Mülltonne fährt Bernd Heinsohn Hunderte Meter über Privatwege im Krautsander Hinterland. Eine Tour, die ohne sein Mini-Fahrzeug nicht möglich wäre.

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Von Lars Wertgen
21.07.2026, 18:30 Uhr

Drochtersen. Normalerweise steuert Bernd Heinsohn einen Koloss mit mehr als 26 Tonnen Gesamtgewicht durch die Stadt. Doch für die Krautsander Tour und die engen Wege hier wäre der schlicht zu groß.

Stattdessen steigt Heinsohn in einen Fuso Canter 9C18, einen kleinen Japaner. „Wir nennen ihn Bonsai“, sagt der 55-Jährige. So kompakt wie die Miniaturbäume aus Japan, aber genauso vollwertig: ein echtes Mini-Müllfahrzeug.

Mit dem Müllwagen auf Panorama-Route

Heinsohn ist 55 Jahre alt und der Dienstälteste auf Tour bei Karl Meyer. Seit 33 Jahren fährt er als Kraftfahrer und Müllwerker durch den Kreis Stade. Dass er heute nicht im großen Müllwagen unterwegs ist, stört ihn nicht.

„Das hier ist ehrlicherweise die geilere Tour“, sagt Heinsohn. Während er bei einer Stadttour alle paar Meter anhalten müsse, habe die Fahrt durch Krautsand etwas von einer Panorama-Route. Die Tour führt durch das grüne Krautsander Hinterland, durch viel Natur, vorbei an Störchen, bei Sonnenschein.

Anders als im großen Seitenlader sitzt Heinsohn hier nicht den ganzen Tag und muss nicht über die rechte Schulter schauen. „Das geht auf den Nacken“, sagt er. Der Bonsai erfordert Handarbeit. Immer wieder ein- und aussteigen, Mülltonnen heranschieben, Säcke in die Presse werfen.

Was der Bonsai den Kolossen voraus hat

Nur knapp zwei Meter ist der Bonsai breit, kaum höher. Ähnliche Modelle kurven sonst durch die engen Straßen von Tokio und Madrid. In Europa gibt es keinen Hersteller, der solche Kompaktfahrzeuge anbietet - dabei sind sie hier dringend nötig.

Vorschriften der Berufsgenossenschaft Verkehr verbieten es Müllfahrzeugen, rückwärtszufahren - eine Reaktion auf tödliche Unfälle, die sich bundesweit immer wieder ereignet hatten. Wenden müssen die Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen, was in einigen engen Krautsander Gassen unmöglich ist.

Ein großer Mensch könnte dem Bonsai auf das Dach schauen.

Ein großer Mensch könnte dem Bonsai auf das Dach schauen. Foto: Wertgen

Früher mussten Anwohner solcher Straßen ihren Müll zu festgelegten Sammelstellen bringen. Seit Karl Meyer 2020 vier Mini-Müllfahrzeuge anschaffte, erübrigt sich das. Mit einem Maximalgewicht von weniger als neun Tonnen kommt der Bonsai sogar über die Deiche, wo schwerere Fahrzeuge nicht fahren dürfen.

Wirtschaftlich ist der Bonsai trotzdem das schwächste Glied im Fuhrpark. Rund 130.000 Euro kostet das Fahrzeug, schafft dabei aber nur zwei Tonnen Zuladung. Ein Seitenlader kostet etwa 300.000 Euro, kommt dafür auf mehr als zehn Tonnen. Steht Sperrmüll an, hat Heinsohn einen Vorschlaghammer dabei, weil die Bonsai-Presse für zu große Teile nicht stark genug ist.

Heinsohn ist gerne mit dem Mini-Müllwagen auf Krautsand unterwegs.

Heinsohn ist gerne mit dem Mini-Müllwagen auf Krautsand unterwegs. Foto: Wertgen

Die schnellste Schnecke

Gelernt hat Heinsohn einst Gas- und Wasserinstallateur. Sein Ausbilder nannte ihn „Schnecke“, weil der damals 16-Jährige nicht der Schnellste war. Der Spitzname blieb, das Tempo ist seitdem deutlich gestiegen.

Ein kleines Display im Fahrerhaus zeigt Heinsohn blaue Punkte an. Sie markieren die Orte, an denen heute noch Müll abgeholt werden muss. Sobald eine Tonne geleert ist, verschwindet der Punkt. Die Info benötigt Heinsohn in der Praxis nicht.

Heinsohns Spitzname scheint eine tierische Anziehung zu haben.

Heinsohns Spitzname scheint eine tierische Anziehung zu haben. Foto: Wertgen

Er könnte die Touren im Schlaf abfahren. Vor einer Auffahrt fährt Heinsohn trotzdem besonders langsam, schaut genau hin. Diesmal ist kein Müllsack zu sehen. „Den habe ich schon mal übersehen. Wir machen auch mal Fehler“, sagt Heinsohn. Der Anwohner legt seinen Müll normalerweise in einen alten Rostkarren, der sehr unscheinbar hinter einem Baum steht.

Service in Orange: Umweg für eine einzige Mülltonne

Der Weg führt über Feldwege, vorbei am Deich und an Schildern, auf denen „Privatgrundstück“ steht. „Wir haben von den Eigentümern die Erlaubnis“, erklärt Heinsohn und biegt auf einen der Privatwege ab.

Er fährt Hunderte Meter bis direkt vor die Tür eines Bauernhofs - für eine einzige Mülltonne. Service, den die Anwohner sehr schätzen dürften, aber ansonsten kaum jemand mitbekommt.

Welche Plage heute in der Mülltonne lauert

Beim Entsorgen ging es früher viel sorgloser zu, erinnert sich Heinsohn: Pestizide, Säuren, Chemikalien landeten einfach in der Tonne. Ein Kollege musste einmal wegen der Giftstoffe ins Krankenhaus. „Das ist besser geworden“, sagt Heinsohn. Eine neue Plage ist dafür hinzugekommen: Batterien und Akkus.

Mehr als 120 Brände zählte der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft 2025 bundesweit in Recyclinganlagen, auf Betriebshöfen und in Müllfahrzeugen.

Im Kreis Stade brannte es fünfmal in Entsorgungsfahrzeugen, verletzt wurde niemand. In mehreren Fällen ließ sich ein Akku eindeutig als Ursache identifizieren, bei den übrigen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, wie Karl Meyer mitteilt. „Die Zahlen steigen“, sagt John Rolff, Geschäftsführer der Kommunalentsorgung.

Eine halbe Milliarde Akkus - viel zu oft falsch entsorgt

Elektronik steckt längst nicht mehr nur in Handys, Laptops oder E-Zigaretten, sondern auch in singenden Geburtstagskarten und leuchtenden Kinderschuhen. Fast eine halbe Milliarde solcher Akkus und Batterien wurden laut Statista 2024 nach Deutschland importiert. Mehr als 40 Prozent der Altbatterien werden trotzdem falsch entsorgt, beklagt die Deutsche Umwelthilfe.

„Die Leute schmeißen etwas in die Mülltonne, was heil ist, und denken sich nichts dabei“, sagt Thomas Goossen, Prokurist und Fuhrparkleiter bei Karl Meyer. Im Müllwagen werden die Akkus aber zerdrückt und können extreme Hitzereaktionen auslösen. Unter Papier, Pappe und anderem brennbarem Material findet das Feuer ideale Bedingungen, um sich schnell auszubreiten.

Besonders die Altstädte wären gefährdet

Weil die Akkus oft tief unter Müll verborgen liegen, wird ein Brand häufig erst spät entdeckt und ist dann schwer zu löschen. „Auch eine kleine Batterie kann große Brände verursachen“, warnt Rolff.

Bislang gelang es geschulten Mitarbeitern, brennende Fahrzeuge im Zusammenspiel mit Feuerwehr und Polizei rechtzeitig umzuleiten. Was ein zu spät entdeckter Brand inmitten der engen Altstadt von Buxtehude und Stade auslösen könnte, will sich keiner ausmalen.

Für Kollegen legt Heinsohn auch mal einen Extra-Stopp ein.

Für Kollegen legt Heinsohn auch mal einen Extra-Stopp ein. Foto: Wertgen

Ein Schnacker mit Blick fürs Kollegiale

„Ein Glück hatte ich das noch nicht“, sagt Heinsohn, auf brennende Müllwagen angesprochen. Er bleibt gelassen. Die Fahrt mit ihm ist ohnehin kurzweilig. „Ich bin ein Schnacker“, sagt Heinsohn.

Dass er im Bonsai alleine unterwegs ist, macht ihm nichts aus. Er arbeitet auch gerne alleine. Ein Teamplayer ist er dennoch. Als seine Route die eines Kollegen kreuzt und er einen einzelnen Müllsack entdeckt, hält er an und nimmt ihn mit.

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