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Ermittlungen

TNeue Spur zum Göhrde-Mörder: Wichmann-Affäre in Cuxhaven wirft Fragen auf

Dieses Foto könnte der Beweis sein, dass Kurt-Werner Wichmann über einen längeren Zeitraum eine Freundin in Cuxhaven hatte.

Dieses Foto könnte der Beweis sein, dass Kurt-Werner Wichmann über einen längeren Zeitraum eine Freundin in Cuxhaven hatte. Foto: privat

Der mutmaßliche Serienmörder Kurt-Werner Wichmann hatte eine Freundin in Cuxhaven. Auch schon, als dort zwei Mädchen verschwunden sind? Ein früherer Spitzenpolizist ist schockiert.

Von Christian Döscher Freitag, 01.05.2026, 17:50 Uhr

Landkreis Cuxhaven. Eine Cuxhavenerin hat der „Nordsee Zeitung“ und auch der Polizei erzählt, dass ihre Schwiegermutter mit dem mutmaßlichen Serienmörder Kurt-Werner Wichmann ein Verhältnis gehabt hat. Sie berichtet von einer Begegnung aus dem Jahre 1980. Einige Monate später sei die Beziehung in die Brüche gegangen. Doch wie lange hat sie davor schon angedauert? Nur weil sie ihre Schwiegermutter erst 1980 mit dem Mann aus Lüneburg gesehen hat, heißt es nicht, dass die Liaison nicht schon länger angedauert hat, merkt der private Ermittler Reinhard Chedor an.

Hinweise könnte ein Foto liefern, welches Wichmann mit einem Bernhardiner zeigt, den die Schwiegertochter als den Hund ihrer Schwiegermutter erkannt haben will. Das Bild wurde in Linkenheim-Hochstetten aufgenommen. Dort hatte Wichmann bei einer Zahnarztwitwe gewohnt, die er über eine Kontaktanzeige kennengelernt hat. Gemeldet war er dort im Landkreis Karlsruhe von 1975 bis 1980, gewohnt hat er dort aber wohl nur bis 1978. Wenn es der Hund der Schwiegermutter ist, hat Wichmann die Altenwalderin also womöglich schon zu der Zeit gekannt, als die beiden Cuxhavenerinnen Angelika Kielmann und Anke Streckenbach 1978 und 1979 verschwunden sind.

Die Polizei will sich zu Einzelfällen nicht äußern

Ändert dieses Foto etwas in der Ermittlung der Polizeiinspektion Cuxhaven? „Wir nehmen alle Hinweise, die wir erhalten, ernst und arbeiten diese entsprechend ab“, bekräftigt Pressesprecher Stephan Hertz. „Zu konkreten Maßnahmen im Einzelfall äußern wir uns nicht.“ Nach Abarbeitung all dieser Hinweise und der Befragung der Hinweisgeberinnen hätten sich aber „keine objektiven Anhaltspunkte“ ergeben, die eine Verbindung von Wichmann zu „unseren Vermisstenfällen“ herstellen ließen. „Es wurden alle Asservate und Spurenträger, die zu den Ermittlungen der Cold Case Unit in der Polizeidirektion Lüneburg gehören, mit unseren Vermisstenfällen abgeglichen. Es gab keine Übereinstimmungen, also auch hier keine objektiven Belastungsmomente.“

Die Hinweise verdichten sich, dass Kurt-Werner Wichmann in Cuxhaven mehrere Ankerpunkte, also Freundinnen, hatte. Foto: Döscher

Die Hinweise verdichten sich, dass Kurt-Werner Wichmann in Cuxhaven mehrere Ankerpunkte, also Freundinnen, hatte. Foto: Döscher Foto: Döscher

Der Friedhofsgärtner Wichmann steht im Verdacht, mindestens fünf Menschen getötet zu haben. So wurde im Herbst 2017 die Leiche von Birgit Meier unter Wichmanns Garage gefunden. Sie war 1989 verschwunden. Im selben Jahr wurden zwei Paare in der Göhrde, einem Waldgebiet bei Lüneburg, per Kopfschuss getötet. Wichmanns DNA findet sich auf dem Fahrersitz eines Autos der Göhrde-Opfer. Er hat sich in Untersuchungshaft 1993 das Leben genommen.

Pressesprecher: Objektiv belastbare Beweise fehlen

Dass Wichmann im Cuxland unterwegs gewesen sei, bestreite man nicht, so die Polizei. Es sei ebenso möglich, dass er für die Vermisstenfälle verantwortlich sein könne, dafür fehle es aber an „objektiv belastbaren Beweisen“. Bis heute haben sich bei Reinhard Chedor und seinem Team mehr als 20 Frauen gemeldet, die unheimliche Begegnungen mit Wichmann im Landkreis Cuxhaven hatten.

In einer ersten, knapp gehaltenen Antwort schreibt Polizei-Pressesprecher Carsten Bode nicht nur, dass die Hinweise ernst genommen worden sind, sie seien auch „ausermittelt“. „Allein ein Aufenthalt einer Person, die bereits strafrechtlich in Erscheinung getreten war, in einem gewissen Bereich oder in einem Stadtgebiet, den wir im Fall des Wichmann gar nicht abstreiten, begründet keine Täterschaft, und da kommt es auch nicht auf die Anzahl der Aufenthalte an.“

Chedor macht auf versuchte Vergewaltigung aufmerksam

Chedor, früher langjähriger Chef des Landeskriminalamtes Hamburg, ist fassungslos. „Bei weit über 20 Frauen, die Wichmann im Cuxland in seine Gewalt bringen wollte oder in seiner Gewalt hatte, von Aufenthalten zu sprechen und einen Tatverdacht abzustreiten, ist schon eine Zumutung. Vorsichtig ausgedrückt.“ Er weist in dem Zusammenhang noch einmal auf zwei bekannte Fälle hin. Wichmann habe auch Anhalterinnen an der Stelle aufgenommen, an der Angelika Kielmann und Anke Streckenbach zuletzt gesehen wurden. „Anonym“, eine Freundin von Kielmann, war vorher nur knapp einer Vergewaltigung entkommen. Auch zwei Frauen, die Wichmann mit einem zweiten Mann Mitte der 70er Jahre vor der Disco „Goldener Drache“ in Cuxhaven-Altenwalde aufgenommen hat, haben viel Glück gehabt.

Neu ist eine Zeugin, die erzählt, dass Wichmann 1990 in Bad Bederkesa versucht hat, in ihr Auto einzudringen. Auf einem Parkplatz wenige Meter von der kleinen Diskothek Momo entfernt. Als die Frau an einem Abend im Jahr 1990 gegen 21.30 Uhr den Motor startet, wird die Tür von außen geöffnet und ein Mann will über die Fahrerseite in das Fahrzeug eindringen. Die Hinweisgeberin, eine, wie sie selbst sagt, kräftige Frau, zieht die Tür zu und drückt mit dem Ellenbogen den Sicherungsknopf der Fahrzeugtür herunter. Der Mann, mutmaßlich Wichmann, entfernt sich schließlich vom Auto der Frau und fährt mit einem weißen Mercedes davon. Auf dem Weg vom Momo zur Disko Roes ist in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1986 die Abiturientin Irene Warnke verschwunden. Die Ringstedterin wurde eine Woche später ermordet aufgefunden.

Ankerpunkte: LKA weist mit Fallanalyse den Weg

Chedor: „Hier kommen also außer dem Aufenthalt erhebliche weitere verdachtserhöhende Umstände hinzu.“ Außerdem rechtfertige sich der Tatverdacht schon aus der operativen Fallanalyse des Landeskriminalamtes Niedersachsen. Die Beamten gehen davon aus, dass Wichmann für weitere Sexual- und Tötungsdelikte im hohen zweistelligen Bereich infrage kommt. Vorgeschlagen werden „weitere (Umfeld-)Ermittlungen zu Kurt-Werner Wichmann, insbesondere hinsichtlich potenzieller Ankerpunkte im Bereich der Handlungsorte“. Den Grund liefern sie auch mit: „Kriminologische Studien gehen davon aus, dass eine Vielzahl von Serientätern ihre Taten in geografischer Nähe sogenannter Ankerpunkte begeht.“

„Kontaktanzeige“: In Erotikkontaktmagazinen und Zeitungen sucht Wichmann immer wieder auch nach bisexuellen Kontakten.

„Kontaktanzeige“: In Erotikkontaktmagazinen und Zeitungen sucht Wichmann immer wieder auch nach bisexuellen Kontakten. Foto: privat

Und es gibt ganz offensichtlich Hinweise auf weitere Ankerpunkte in Cuxhaven. „Wir geben nicht auf“, versichert Chedor. So ist ein Foto, mit dem sich Wichmann in einem Erotikkontaktmagazin präsentiert, wahrscheinlich in Cuxhaven aufgenommen worden.

Ihren Garten haben zwei Hinweisgeberinnen erkannt, die als Kinder auch engen Kontakt zu einem der verschwundenen Disco-Mädchen hatten. (bal)

Chedor ermittelt

Mehr als elf Jahre hat Reinhard Chedor das Landeskriminalamt in Hamburg geleitet. In dieser Zeit war er als Chef der Kriminalpolizei für die gesamte Verbrechensbekämpfung in Hamburg zuständig. Er hatte für 1.850 Menschen die Personalverantwortung.

Reinhard Chedor.

Reinhard Chedor. Foto: Döscher

Zunächst war er Leiter des Rauschgiftdezernats, bevor er die Führung der Abteilung Einsatz- und Ermittlungsunterstützung und in dieser Funktion auch das Mobile Einsatzkommando übernahm. Er leitete polizeiliche Sonderlagen, unter anderem Geiselnahmen, Entführungen und große Erpressungen. Zu seinen herausragenden Ermittlungserfolgen gehörte die Tatserie des sogenannten Heidemörders Thomas Holst.

Einer der ganz wenigen Fälle, die auch Chedor nicht abschließend lösen konnte: das Verschwinden der kleinen Hilal, deren Spur sich am 27. Januar 1999 in Hamburg-Lurup verliert. Auch noch Jahre nach der Pensionierung im Jahr 2012 arbeitet er unermüdlich an der Aufklärung spektakulärer Morde. So konnte das Verschwinden von Birgit Meier, der Schwester des früheren LKA-Chefs Wolfgang Sielaff, geklärt werden.

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