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Ostsee

Wal soll Korsett aus Sandsäcken bekommen – Sender angebracht

Teils war ein mehrköpfiges Team direkt beim Wal im Einsatz.

Teils war ein mehrköpfiges Team direkt beim Wal im Einsatz. Foto: Jens Büttner/dpa

Nach dem Streit ist vor dem nächsten Rettungsanlauf: Um Buckelwal „Timmy“ herrscht drumherum Betriebsamkeit, nur der Wal liegt fest. Das Tagesprotokoll.

Von dpa Dienstag, 21.04.2026, 18:35 Uhr

Wismar. Um den in der Bucht der Ostsee-Insel Poel festliegenden Wal soll eine Art Korsett aus sechs oder mehr großen Sandsäcken aufgebaut werden, damit er nicht weiter in die Flachwasserzone rutscht. In der vergangenen Nacht habe sich das Tier infolge des Drucks von Wind und Wellengang etwa 80 Meter im „Rückwärtsgang“ bewegt, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD).

Die sogenannten Big Bags sollen demnach im Rücken des Wals aufgestellt werden. Sie sollen verhindern, dass er sich noch weiter von der möglicherweise rettenden Fahrrinne entfernt. „Er braucht ja nicht viel, um in tieferes Wasser zu kommen“, sagte Backhaus.

Die Idee für das Setzen der Big Bags kam dem Minister zufolge von Helfern der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), die inzwischen eine Leitungsfunktion innerhalb der privaten Wal-Rettungsaktion eingenommen habe. „Sie hat eine Struktur geschaffen, mit der wir gut arbeiten können“, sagte Backhaus.

Buckelwal mit Sender versehen - Makrelenfütterung geplant

An Wal „Timmy“ ist mittlerweile ein Sender befestigt worden. Im Laufe des Abends soll den Angaben zufolge zudem versucht werden, dem Wal eine „Animationsfütterung“ anzubieten. Dabei gehe es um 2,5 Kilogramm Makrele. Normalerweise nehme ein Wal etwa eine Tonne Nahrung am Tag auf, so Backhaus.

Dem Wal gehe es den Umständen entsprechend, und er sei schwimmfähig. Allerdings sei er relativ kurzatmig. Das habe man auch in der Nacht bemerken können. „Wir begleiten ihn“, betonte der Minister, der das Tier in der Nacht an Bord eines Bootes beobachtet hatte.

Viel Bewegung drumherum, aber Wal verharrt

Das Tier selbst hat seine Position im flachen Wasser nicht wieder verlassen. Am Vormittag arbeitete zeitweise ein mehrköpfiges Team hüfthoch im Wasser stehend direkt am Wal, wie in Live-Streams zu sehen war. Immer wieder hielt ein Helfer eine Art Rohr an einem Schlauch beim Wal ins Wasser, offenbar als Teil des Versuches, ihn freizuspülen.

Es werde Saug- und Spülgerät eingesetzt, um den Wal zu entlasten, hatte Umweltminister Backhaus zuvor nach einer Lagebesprechung im Hafen von Kirchdorf erklärt. Wegen des gesunkenen Wasserstands ragte das Tier weiter aus dem Wasser und sein Gewicht drückte stärker auf seine inneren Organe.

Aus Kreisen der privaten Initiative hieß es, durch den Einsatz von Saugrobotern sei eine Kuhle geschaffen worden. Eine Seite des Wals werde blockiert. Ziel sei es, das Tier später in tiefere Gewässer zu leiten, „raus aus dem Nadelöhr“.

Arbeitsplattform beim Wal

Am frühen Nachmittag war auf Live-Streams zu sehen, wie die vor Ort eingesetzte schwimmende Arbeitsplattform mit einem Bagger dichter an den Wal heranfuhr. Von der Plattform führte ein dicker Schlauch ins Wasser beim Wal, während auf der anderen Seite Wasser und augenscheinlich auch Schlick herausgespült wurde.

Der Wal war - nachdem er drei Wochen an einer Stelle gelegen hatte - am Montagmorgen bei steigendem Wasserstand plötzlich losgeschwommen. Von Booten aus war versucht worden, ihn Richtung Ostsee zu treiben. Nach zwei Stunden stoppte das womöglich schwer erschöpfte Tier aber am Übergang der Bucht namens Kirchsee in den Rest der Wismarbucht, wo deutlich tieferes Fahrwasser Richtung Ostsee führt.

Wal soll Nahrung angeboten werden

Die Lage des Buckelwals hat sich nach Einschätzung des Berliner Walforschers und Meeresbiologen Fabian Ritter seit Montag eher verschlechtert. „Der ragt tatsächlich deutlich weiter aus dem Wasser. Das ist keine gute Sache“, sagte Ritter der Deutschen Presse-Agentur.

Helfer bemühen sich, den festsitzenden Buckelwal vor Poel freizuspülen.

Helfer bemühen sich, den festsitzenden Buckelwal vor Poel freizuspülen. Foto: Jens Büttner/dpa

Der Wasserstand vor Poel war im Vergleich zum Vortag gesunken. „Jeder Zentimeter bringt ihn in eine Situation, wo er mehr unter seinem eigenen Gewicht leidet.“ Das Tier scheine nun auf Grund zu liegen und nicht weg zu können, sagte Ritter.

Am Dienstagmorgen waren deutlicher als zuvor die Brustflossen des Wals, die sogenannten Flipper zu sehen. Das Tier bewegte diese immer wieder. Die nun deutlicher sichtbaren Bewegungen könne man unterschiedlich interpretieren, sagte Ritter: als Auswirkung davon, dass das Tier weiter aus dem Wasser ragt, oder dass es eine gewisse Bewegungsfreiheit hat.

Experte rät, das Tier in Ruhe zu lassen

Wie akut bedrohlich die aktuelle Position für den Wal ist, hänge von mehreren Faktoren ab: „Wie ist der Untergrund beschaffen? Wie liegt er auf? Wie stark ist da die Strömung und so weiter. Welche inneren Verletzungen hat er? Aber ja, ein Wal, der liegt, hat ein Problem mit seinem eigenen Gewicht.“ Er plädierte erneut dafür, das Tier in Ruhe zu lassen, um es nicht weiterem möglichen Stress auszusetzen.

Laut Prognosen des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) werden auch für die kommenden Tage in der Region niedrigere Pegel erwartet als zu Beginn der Woche.

Unruhe im Team

Unterdessen verließen nach der gescheiterten Hilfsaktion vom Vortag mehrere Teammitglieder die private Initiative, teils nur zeitweise. Christiane Freifrau von Gregory, die als Pressesprecherin auftrat, trat zunächst zurück und begründete das damit, dass eine konstruktive und professionelle Zusammenarbeit unter den derzeitigen Rahmenbedingungen „für uns“ nicht mehr möglich sei. Wenig später erklärte sie ihre Rückkehr. Unklarheiten seien geklärt worden.

Auch schweres Gerät soll erneut eingesetzt werden (Archivbild).

Auch schweres Gerät soll erneut eingesetzt werden (Archivbild). Foto: Jens Büttner/dpa

Die leitende Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert wurde am Montag mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus gebracht, wie Backhaus sagte. Auch eine weitere Tierärztin fällt demnach aus. „Ich habe natürlich auch mit großer Sorge zur Kenntnis genommen, dass die aus Hawaii eingeflogene Tierärztin abgereist ist“, sagte Backhaus am Morgen. Zuvor hatten Medien berichtet, dass Jenna Wallace wegen Differenzen im Team abgereist sei. Nach Angaben der Initiative beteiligt sich neu die Tierärztin Kirsten Tönnies.

Erste Sichtungen bereits vor rund sieben Wochen

Erste Sichtungen des Wals hatte es Anfang März gegeben. Am 3. März tauchte der Buckelwal im Hafen von Wismar auf und lockt Schaulustige an die Kaikante. Gegen Abend schwamm er wieder Richtung Ostsee. In den Tagen darauf wurde er vor der Ostseeküste Schleswig-Holsteins sowie der Küste Mecklenburg-Vorpommerns gesehen. Das Tier hatte sich Experten zufolge wiederholt in Netzen verfangen. Einsatzkräfte und Meeresschützer der Organisation Sea Shepherd hatten es von einem Teil des Materials befreit.

Am 23. März strandete der Wal das erste Mal auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand in der Lübecker Bucht. Umfangreiche Rettungsversuche starteten, das Tier schwamm schließlich selbst los. Wenige Tage später strandete es auf einer Sandbank in der Wismarbucht. Bei steigendem Wasserstand schwamm der Wal in der Nacht kurzzeitig weiter, lag kurz darauf in der Wismarbucht wieder auf, schwamm erneut weiter. Seit 31. März saß er dann erneut fest, diesmal in der Kirchsee-Bucht. Am Montag folgte die fünfte Strandung.

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Die Wasserstände in der Wismarer Bucht sinken heute wieder.

Die Wasserstände in der Wismarer Bucht sinken heute wieder. Foto: Jens Büttner/dpa

Zum Teil mit bloßen Händen bespritzen Helfer den Wal mit Wasser.

Zum Teil mit bloßen Händen bespritzen Helfer den Wal mit Wasser. Foto: Jens Büttner/dpa

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