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Chemieindustrie

TWer hilft Dow, AOS und Co.? Viele Vorschläge und zwei Mutmacher

Blick auf den Chemie-Park mit dem Stader Seehafen: Links die Baustelle für das LNG-Terminal, darüber die Flächen der AOS.

Blick auf den Chemie-Park mit dem Stader Seehafen: Links die Baustelle für das LNG-Terminal, darüber die Flächen der AOS. Foto: Martin Elsen

Nach dem angekündigten Arbeitsplatzabbau bei der Dow in Stade: Wie kann der darbenden Chemieindustrie geholfen werden? Ideen gibt es viele - und zwei Hoffnungsträger.

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Von Lars Strüning
Freitag, 05.06.2026, 18:45 Uhr

Stade. Es war Zufall, doch die für die chemische Industrie zuständige Gewerkschaft IG BCE, Landesbezirk Nord, hätte den Zeitpunkt kaum besser treffen können für ihren landesweiten Auftakt zur PR-Kampagne „Jetzt! Zukunft erhalten“. Im von der Dow betriebenen Von-Stemmen-Hof am Rande des Stader Chemieparks lud sie zur Diskussion ein.

Dow beispielhaft für den Industriestandort Deutschland

Das Thema: kein geringeres als die Rettung des Industriestandorts Deutschland. Als plastisches Beispiel, wie die bescheidene Lage gerade aussieht, passte der Dow-Plan, in Stade 110 Jobs wegfallen zu lassen, gut ins Bild.

Chemie-Talk im Von-Stemmen-Hof der Dow. Die Gewerkschaft IG BCE hatte eingeladen.

Chemie-Talk im Von-Stemmen-Hof der Dow. Die Gewerkschaft IG BCE hatte eingeladen. Foto: Strüning

Ralf Becker ist Vorsitzender der IG BCE Nord. Er blickte auf die negative Entwicklung in ganz Deutschland. 2025 seien 150.000 Industriearbeitsplätze weggefallen, zurzeit verschwänden monatlich 10.000 bis 15.000 Jobs. Besonders betroffen: energieintensive Unternehmen wie Dow, AOS oder Olin auf Bützflethersand.

Ziel: Jobs, Steuern, Wohlstand und Demokratie sichern

Die aktuelle Situationsbeschreibung klingt nicht gut, aber wie dagegensteuern, wie Arbeitsplätze, Gewerbesteuern, Wohlstand und damit auch die Demokratie sichern? Da waren sich die Gesprächspartner in weiten Teilen einig. Zwei lokale Nachrichten machen zudem Hoffnung.

Beckers Idee: Deutsche Unternehmen müssten mit Grundstoffen der deutschen Industrie arbeiten, wie die aus dem Stader Chemiepark, und sollten nicht auf günstige Importe aus China setzen.
Oliver Elsen
ist Betriebsratsvorsitzender bei der AOS mit ihren 500 Arbeitskräften. „Wir sind nicht mehr wettbewerbsfähig“, sagte er. Der Grund: hohe Energiekosten. AOS verbrauche 25.000 Kubikmeter Gas - pro Stunde. Ein Einfamilienhaus kommt auf gut 1000 Kubikmeter - im Jahr. Klar, dass da die Energiepreise eine entscheidende Rolle bei der Wirtschaftlichkeit spielen. Wie auch bei der Dow.

Dow verbraucht fünf Billionen Watt Strom pro Jahr

Der Standort Stade gilt als der zweitgrößte Stromverbraucher in der Republik nach der Deutschen Bahn. Fünf Terawatt benötigt die Dow pro Jahr für ihre Produktion, das sind fünf Billionen Watt; in ganz Deutschland werden 500 Terawatt verbraucht. Die hohen Energiepreise und billige Produkte vor allem aus China schnüren den Stader Betrieben auf Dauer die Luft ab.

Oliver Elsen hat klare Forderungen an die Politik: keine weiteren Belastungen durch Umweltauflagen wie CO2-Zertifikate. Keine neuen Regulierungen zu Grenzwerten. Die Zeiten hätten sich verändert, starre Regelungen helfen nicht. Elsen: „Die Welt wird nicht sauberer, wenn wir unsere Betriebe abschalten müssen.“

Grant Hendrik Tonne (SPD) ist Niedersachsens Wirtschaftsminister. Die Industrie benötige eine Atempause, sagte er in einer Videobotschaft. Er forderte vom Bund „Sicherheit beim Industriestrompreis“, eine Senkung müsse deutliche Entlastungen bringen.

Lars Kolk ist Stades Erster Stadtrat. „Wir brauchen dringend Entlastungen durch beschleunigte Verfahren und durch Entbürokratisierung“, so Kolk. Da müsse grundsätzlich die Axt angelegt werden. Er nahm sich aber auch gesellschaftliche Entwicklungen vor, sprach von einer „Wohlstandsverwahrlosung“.

Bei vielen Bauvorhaben gründet sich eine Bürgerinitiative

Persönliches Wohl stehe deutlich vor Gemeinwohl, gegen nahezu jede Idee der Verwaltung gründe sich eine Bürgerinitiative, gerade bei Bauvorhaben, obwohl Wohnungen dringend benötigt werden.

Melanie Reinecke (CDU) aus Stade ist Landtagsabgeordnete. Sie nimmt die rot-grüne Regierung in die Pflicht, verlangt für die Landesbauordnung den Verzicht auf Vorschriften, gerade für Unternehmensinvestitionen: „Das Land muss da wesentlich radikaler vorgehen.“

Stefan Engel ist Koordinator bei der Wirtschaftsförderung des Landkreises Stade für die Entwicklung des Chemieparks. Er wendete den Blick den positiven Seiten zu. Das Industriegebiet sei gut aufgestellt: Hafenausbau, LNG-Terminalbau, neue Industrien, Stromanschluss und Wasserstoffnetz sprächen für den Standort. Fehlten noch Industriegleis und Autobahn.

Engel behält Job, gute Chancen für das Industriegleis in Stade

Auf Nachfrage hatte er eine gute Nachricht. Sein vorwiegend vom Land finanzierter Job wäre Ende des Jahres ausgelaufen, jetzt scheint einer Vertragsverlängerung nichts im Wege zu stehen. Die heimischen Betriebe springen ein bei der Finanzierung.

Dazu passt auch die Info von Lars Kolk. Die Gespräche mit dem Land zur Verlegung des Industriegleises hätten eine positive Wendung genommen. Die Stadt wollte den Bau mit einst 15 Millionen Euro übernehmen. Die Kosten heute: zwischen 40 und 50 Millionen. Stade wird sich also noch strecken müssen - und benötigt das Land als Partner.

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