TSamtgemeinderat Lühe klagt über Untätigkeit beim Hochwasserschutz
Die Feuerwehr musste im Dezember 2023 beim Lühe-Hochwasser ausrücken. Foto: Vasel
Beim Thema Hochwasserschutz an der Aue/Lühe liegen die Nerven blank. Bürgermeister und Rat der Samtgemeinde Lühe sprechen von Untätigkeit. Die Kritik stößt sauer auf.
Steinkirchen. Beim Weihnachtshochwasser 2023 standen in Neuenkirchen und Guderhandviertel an der Oberen Lühe viele Keller im Deichvorland unter Wasser. Beim Hochwassergipfel einigten sich Altländer und Landkreis Stade auf ein Gutachten.
Die Experten des Büros BWS aus Hamburg stellten im Mai 2025 fest: Die Lühe leidet unterhalb von Horneburg unter Verstopfung. Um Deich und Vorland vor zu häufigen Überschwemmungen zu schützen, müsste der Fluss vom Bund tiefergelegt werden.
Samtgemeinderat Lühe klagt über Untätigkeit
Doch bislang ist keine Ausbaggerung der Bundeswasserstraße geplant. Im Rat der Samtgemeinde Lühe platzte den Bürgermeistern von Guderhandviertel und Neuenkirchen, Marco Hartlef (CDU) beziehungsweise Gerd Grunwald (Grüne), der Kragen. Hartlef hatte den Maritimen Koordinator der Bundesregierung, Dr. Christoph Ploß (CDU), eingeschaltet. Immer wieder habe er nachgefragt, wie weit die Sache sei. „Ich soll nicht nerven mit meinem Hochwasser“, habe ihm Ploß‘ Büro mitgeteilt.
„Es interessiert diese Leute in Berlin überhaupt nicht, dass wir hier nasse Füße kriegen“, so Hartlef. Die Suppe müssten die Politiker vor Ort auslöffeln. Sie müssten sich von den Bürgen immer wieder den Spruch anhören: „Ihr tut nichts, und es passiert nichts.“ Das gelte es zu ändern, sekundierte Gerd Grunwald. Nach der Flut hätten viele der Hauseigentümer ihr Eigentum gesichert - etwa mit einem Schott vor der Tür zum Keller. Sie lebten weiter „in einer Gefahrenzone“.
Grunwald: „Das Wasser wird noch schneller runterlaufen“
Dass Kreis und Deichrichter immer wieder erzählten, dass Anrainer im Überschwemmungsgebiet zwischen den Deichen sich selbst bis zu einer Höhe von 2,60 Meter schützen müssten, könne er schon nicht mehr hören. Grunwald warf Unterhaltungsverband und Kreishaus vor, mit der im Herbst in Horneburg gestarteten Ausbaggerung der Aue - eine Hochwasser- und Naturschutzmaßnahme - die Altländer zu gefährden. „Das Wasser wird noch schneller runterlaufen“, warnte der Grüne.

Hochwasserschutz: An der Aue wird Ende 2025 gebaggert, unterhalb von Horneburg kommt der Bund an der Lühe seiner Aufgabe nicht nach. Foto: Vasel
Auch Samtgemeindebürgermeister Timo Gerke (parteilos) schloss sich der Kritik an. Weder der vom Kreis Stade initiierte Hochwasserschutzgipfel noch der Hochwasserschutzverband Aue/Lühe hätten bislang beim Schutz der Oberen Lühe etwas bewegt. „Da sitzen ganz viele Leute, die interessiert das nicht.“ Um das zu ertragen, müsse er vor Sitzungen wie dem nicht öffentlichen Gipfel am Freitag „vorher wieder irgendwas einwerfen“, so Gerke.
Rat fordert Verband auf, „seinen Aufgaben nachzukommen“
Er und Grunwald plädierten dafür, dass am Oberlauf (Aue) die Rückhaltung verbessert wird - unter anderem durch einen 115 Hektar großen Mini-Stausee vor der K47-Brücke bei Kakerbeck auf der Geest. Des Weiteren plädierten sie, wie Deich- und Hochwasserschutzverband, für die Ausbaggerung der Lühe und ein Spitzenschöpfwerk am Lühe-Sperrwerk. Das könnte die Wassermassen bei Starkregen in die Elbe pumpen, wenn die Stemmtore wegen einer Sturmflut dicht sind.
Grunwalds Vorstoß, eine Patenschaft zu gründen, lief ins Leere. Hauke Eckhoff (CDU), Nicola Hahn (SPD) und Jürgen Michaelis (SPD) verwiesen auf den Verband. Letztlich forderte der Rat den Hochwasserschutzverband Aue/ Lühe dazu auf, „seinen Satzungsaufgaben nachzukommen und für eine Entlastung der Lühe zu sorgen“.
Landrat und Oberdeichrichter weisen Kritik zurück
Die Kritik aus Steinkirchen stößt im Kreishaus sauer auf. „Herr Gerke kann diese Angelegenheit gerne in eigener Zuständigkeit weiterbearbeiten“, sagt Landrat Kai Seefried. Die Fachgespräche („Gipfel“) sollen „alle Akteure zusammenbringen, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten“.
Der von Gerke & Co. erhobene Vorwurf, der Verband sei untätig, „ist Blödsinn“, sagt Oberdeichrichter Wilhelm Ulferts, Chef des Hochwasserverbands. Statt populistisch Politik mit Ängsten zu machen, sollten Fakten sprechen.
Oberste Priorität habe der Bullenbruchpolder. Das habe der Verband, auch mit der Stimme der Altländer, so beschlossen. Mitglieder sind Apensen, Harsefeld, Horneburg, Lühe, Jork, Buxtehude, die Unterhaltungsverbände Altes Land und Obere Aue sowie die Deichverbände.

Hochwasserentlastungspolder: Am Poggenpohl wird im September 2025 der Boden zu Vorbelastung der Deichtrasse am Ilsmoorbach auf die Dumper verladen. Foto: Vasel
2029 soll der 15 Millionen Euro teure Hochwasserentlastungspolder fertig sein, in diesem Jahr werden Schöpfwerkbau und Kleiabbau für die Mini-Deiche in Angriff genommen. Die K36 wird zum Deich. Ulferts: „Der Bullenbruchpolder ist der Schlüssel für einen wirksamen Hochwasserschutz an der Lühe.“ Ab 2,30 Meter über Normalhöhennull fließe das Wasser über den Überlauf in Horneburg bei Starkregen hinein. Das entlaste die Altländer.
“Verband kommt seiner Aufgabe nach“
„Lühe kann als Mitglied über die Schwerpunktsetzung mit entscheiden“, so Kreisbaurätin Madeleine Pönitz. Sie habe den Kreistagsabgeordneten Gerd Grunwald (Grüne, Neuenkirchen) und Heinzfrieder Dürkes (SPD, Guderhandviertel) gesagt, dass der Hochwasserschutzverband zuständig sei. Sie habe empfohlen, dass ein Lühe-Konzept erstellt werden sollte - wie an der Este. Dort werden Abfluss und Schadenpotenzial von einem Ingenieurbüro untersucht.
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Auf dieser Grundlage könnten Projekte entwickelt werden, für die der Verband dann Fördermittel beim Land einwerben könne. Die Aue-Entsandung begrüßt die Kreisbaurätin. Der Sand könne sich im Unterlauf nicht mehr ablagern. Pönitz betont: „Der Verband kommt seiner Aufgabe nach.“
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