TAnnie Linder: In wichtigen Momenten ist das Small-Town-Girl zur Stelle
Annie Linder zeigte zehn Paraden gegen Metzingen. „In so kurzer Zeit hat sie sich richtig gut entwickelt“, sagt Torwarttrainerin Debbie Klijn. Foto: Jan Iso Jürgens
Sie kam erst in der Winterpause nach Buxtehude - und hat nun großen Anteil am Aufwärtstrend des BSV. Wer ist Torhüterin Annie Linder, die in kurzer Zeit zum Faktor wurde?
Buxtehude. Die Halle Nord kocht. 1500 Zuschauer stehen, klatschen, jubeln. Und mittendrin: Annie Linder. Die schwedische Torhüterin des BSV wird nach dem 32:31-Heimsieg gegen die TuS Metzingen von zahlreichen jungen Fans umringt, die Autogramme von ihr möchten. „Diese Atmosphäre hier, das ist das Beste, was ich in meiner Karriere erlebt habe“, sagt die 26-Jährige im Gespräch nach dem Spiel auf Englisch. „Das ist Wahnsinn.“
Dabei war es nicht leicht für Linder. Die Schwedin, die erst in der Winterpause nach Buxtehude gewechselt war, nachdem sich Stammtorhüterin Sophie Fasold das Kreuzband gerissen hatte, spürte noch die Nachwirkungen einer Erkältung. „Ich war ein bisschen slow, aber auf dem Feld hat es gut funktioniert“, sagt sie.
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Linder stand gegen Metzingen insgesamt rund 38 Minuten zwischen den Pfosten und zeigte zehn Paraden, eine Quote von 33,3 Prozent. Doch wie für die meisten Spielerinnen war es auch für Linder ein Spiel mit Schwankungen.
In der Schlussphase behält Linder die Nerven
Im zweiten Durchgang eilte sie etwa von der Bank zurück ins Tor, fing vor dem Kreis den Ball in der Luft ab. Da das offenbar nicht erlaubt ist, entschieden die Schiedsrichter auf Siebenmeter. „Das war kein Blackout. Ich dachte, es wäre okay, weil ich so etwas in der Champions League auch schon gemacht habe“, erklärt sie lachend. Damals blieb der Pfiff aus.

Kollektiver Jubel in der ausverkauften Halle Nord. Foto: Jan Iso Jürgens
Dann die Schlussminute. Der BSV führte nach einem Siebenmetertor von Isa Ternede mit 32:31. Als Linder den letzten Metzinger Wurf um den Pfosten lenkte und die Schlusssirene ertönte, sprang sich die Mannschaft jubelnd in die Arme. „Wir sind vom Kopf her ruhiger und stressen uns nicht mehr so sehr“, sagt Linder. Vor einigen Wochen war das noch anders. Jetzt feierte der BSV den zweiten Heimsieg in Folge und kletterte vorerst auf Rang neun.
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Dass Linder in so kurzer Zeit zu einem wichtigen Faktor geworden ist, überrascht im Verein durchaus. Erst Mitte Oktober absolvierte sie ein Probetraining, einen Monat später unterschrieb sie ihren Vertrag. „Es war ein schwieriger Zeitpunkt. Die Auswahl an Torhüterinnen war klein, aber wir mussten auf die Verletzung von Sophie reagieren“, erklärt Torwarttrainerin Debbie Klijn. Mehrere Kandidatinnen wurden getestet - darunter Annie Linder.
„In wichtigen Momenten ist sie für uns da“
In Schweden spielte sie unter anderem beim Meister IK Sävehof, sammelte Champions-League-Erfahrung und gewann mit PDO Salerno die Meisterschaft in Italien. Dort sei das Niveau jedoch schwächer gewesen. „Es war es oft leicht, weil nur die Top-Teams wirklich stark sind“, sagt sie. Vielmehr habe sie ein Umfeld gesucht, „in dem ich mich sicher fühle und das ich genießen kann“.

BSV-Torwarttrainerin Debbie Klijn. Foto: Jan Iso Jürgens
In Buxtehude blieben nur vier Wochen Zeit bis zu ihrem ersten Einsatz. „Wir mussten sie aufbauen, sie hatte zuletzt nicht viel gespielt“, sagt Klijn. Es gab viele Gespräche, viel direkten Austausch. „In so kurzer Zeit hat sie sich richtig gut entwickelt.“
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Laut Klijn ist Linder eine ruhige Person, die inzwischen deutlich offener und lockerer geworden ist und sich immer besser in die Mannschaft einbringt. „In wichtigen Momenten ist sie für uns da.“ Die Zahlen belegen das: In neun Bundesliga-Spielen kommt Linder auf 78 Paraden, ein Schnitt von 8,7 pro Spiel. Damit liegt sie ligaweit in der Spitzengruppe.
Das ist die Vertragssituation bei den Torhüterinnen
Linder selbst fühlt sich in Buxtehude angekommen. „Es ist besser, als ich gedacht habe. Ich mag die Mannschaft und genieße es hier“, sagt sie. Das Torhütergespann funktioniere, Konkurrenzdenken spiele für sie keine Rolle.
Auch sprachlich wird Linder immer sicherer. Im Team spricht sie Englisch, versteht inzwischen aber große Teile auf Deutsch. Sie hört zu, fragt nach, googelt bestimmte Wörter - und schaut Netflix-Serien auf Deutsch. Vielleicht kommt ihr dabei auch ihre Familiengeschichte zugute: „Meine Oma kommt aus Lübeck. Ich bin zu 25 Prozent Deutsch“, sagt Linder.

Annie Linder fühlt sich in Buxtehude angekommen. Foto: Jan Iso Jürgens
Wie es für sie über den Sommer hinaus weitergeht, ist offen. Ihr Vertrag läuft wie der von Sophie Fasold zum Saisonende aus, während Oliwia Kaminska auch in der kommenden Spielzeit noch Vertrag hat. Mit welchen Torhüterinnen der BSV in die neue Saison geht, ist noch nicht entschieden.
Wie geht es nach der Handball-Karriere weiter?
Laut Linder laufen die Gespräche. „Wir werden sehen“, sagt sie und ergänzt, dass sie „verschiedene Möglichkeiten“ habe. Ein Studium im Bereich Sport hat sie in der Hinterhand. „Ich könnte später im Sport arbeiten und zum Beispiel junge Spieler entwickeln oder Trainerin werden.“
Momentan sieht es so aus, als ob Linder und Buxtehude gut zusammenpassen. Sie selbst stammt aus einer kleinen Stadt in Schweden. „Ich bin ein richtiges Small-Town-Girl. Meine Eltern leben immer noch dort. Ich liebe es dort“, sagt sie und lächelt. Dann fügt sie hinzu: „Buxtehude fühlt sich ähnlich an.“ Nur die Sprache ist anders.
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