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Rückblick

THertie in Stade: Kaufhausgeschichte mit vielen Aufs und Abs

Hertie eröffnete am 1. April 1976 in der Stader Innenstadt.

Hertie eröffnete am 1. April 1976 in der Stader Innenstadt. Foto: Stadtarchiv Stade Rihsé Fotokartei

Für den Hertie-Neubau mussten vor 50 Jahren Fachwerkhäuser weichen und Leichen wurden versehentlich ausgebuddelt. In den Folgejahren bleibt es turbulent.

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Von Lena Stehr
Montag, 23.03.2026, 22:58 Uhr

Stade. Ein mangelhaftes Warenangebot und zu kleine und unmoderne Verkaufsflächen - in einer Studie der Universität Hamburg schneidet die Stadt Stade Anfang der 1970er Jahre schlecht ab. Die innerstädtischen Verhältnisse seien „miserabel“. Kein Wunder, dass der damalige Bürgermeister Kurt Stahnke 1971 während des Königsfrühstücks freudig ausplaudert, dass Hertie in Stade bauen will. Es folgt eine Geschichte mit vielen Aufs und Abs.

Ein Fremdkörper im Herzen der Stadt

Obwohl die Ansiedlung des Warenhauses wohl alternativlos für die Entwicklung des Stader Einzelhandels ist, gibt es kritische Stimmen. Sie beschreiben den Kaufhausklotz mit Riesenparkhaus als Fremdkörper. Weiterer Wermutstropfen: Mit Beginn der Bauarbeiten im Frühjahr 1975 werden an der Stockhausstraße und an der Steilen Straße mehrere historische Giebelhäuser und ein langgestreckter Fachwerkbau abgerissen. Dabei pflügen Bagger auch einen alten Mönchsfriedhof um. Als die Erde zur Mülldeponie in Riensförde gebracht wird, ragen Hunderte menschliche Gebeine aus der Erde.

28 Millionen D-Mark werden in Stade investiert

Das alles ist vergessen bei der Eröffnung des „Super-Baus“ (TAGEBLATT) am 1. April 1976. Es ist das 80. Hertie-Kaufhaus in Deutschland. Das erste Geschäft wurde 1882 in Gera eröffnet. Von Oscar Tietz, der dafür Kapital seines Onkels Hermann Tietz nutzte. In Stade werden 28 Millionen D-Mark investiert. Auf vier Etagen und 6550 Quadratmetern Verkaufsfläche sind 80.000 Artikel erhältlich. 330 Menschen sind bei Hertie in Stade beschäftigt.

Das Kaufhaus bietet ein Vollsortiment von Mode und Kurzwaren über Blumen und Tabakwaren bis zu Unterhaltungselektronik. In der Lebensmittelabteilung im Untergeschoss gibt es fast 200 Sorten Wurst und circa 250 Sorten Käse zu kaufen. Dazu kommen ein eigenes Restaurant mit mehr als 200 Sitzplätzen und ein Reisebüro.

Hertie in Stade ist seiner Zeit voraus

Hertie ist 20 Jahre fester Bestandteil Stades - und seiner Zeit voraus. Schon 1980 werden Kunden motiviert, ihre Plastiktüten mehrmals zu benutzen oder eigene Tüten mitzubringen. Das Kaufhaus in Stade hat zudem Produkte mit Fair-Plaketten im Verkauf, um Kleinbauernverbände zu unterstützen.

1984 wird Hertie in Stade für beispielhafte Leistungen in der Berufsausbildung junger Menschen ausgezeichnet. Seit Beginn der innerbetrieblichen Ausbildung 1976 betreut Hertie 138 Auszubildende, 97 Prozent beenden ihre Ausbildung erfolgreich.

Aus Hertie wird Karstadt - und wieder Hertie

Die Umsätze des Kaufhauskonzerns gehen allerdings Mitte der 1980er Jahre massiv zurück. Zahlreiche Warenhäuser schließen. Im November 1993 verkauft die gemeinnützige Hertie-Stiftung die Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH an die Karstadt AG. Am 1. Oktober 1996 wird auch aus dem Stader Hertie-Kaufhaus Karstadt - die Hausfarbe wechselt von Rot auf Blau.

2007 die Rolle rückwärts: Am 1. März feiern Bürgermeister Andreas Rieckhof und Filialleiter Rüdiger Müller die Rückkehr von Hertie. „Zum Glück gibt’s Hertie“, heißt der neue Slogan. Doch es ist der Anfang vom Ende.

Der britische Hertie-Haupteigentümer Dawnay Day gerät während der internationalen Finanzkrise ins Schlingern. Er hatte die 73 kleinen Karstadt-Häuser gekauft und sich die Hertie-Namensrechte gesichert. 4100 Mitarbeiter sind bundesweit betroffen, als Hertie Ende Juli 2008 Insolvenz anmeldet.

Am 8. August 2009 ist das Hertie-Kaufhaus in Stade zum letzten Mal geöffnet. Obwohl es schwarze Zahlen schreibt und 2500 Menschen mit Unterschriftenlisten für den Erhalt kämpfen. Um die 100 Mitarbeiter sind damals noch im Hertie-Haus angestellt.

Matrix realisiert den Neuen Pferdemarkt

Nach dreieinhalb Jahren Leerstand in Stade wird das Hertie-Haus im Dezember 2012 an die Hamburger Matrix Immobilien GmbH verkauft. Hinter Matrix stecken Olaf Heinzmann und Martin Schaer, der aus Stade stammt. Nach langen Verhandlungen mit der Stadt rollen 2016 endlich die Bagger an, um das alte Gebäude abzureißen. 18.000 Tonnen Bauschutt fallen an.

Das Hertie-Kaufhaus in Stade öffnete am 1. April 1976 und schloss am 8. August 2009.

Das Hertie-Kaufhaus in Stade öffnete am 1. April 1976 und schloss am 8. August 2009. Foto: Kathrin Wiellowicz, IHK

2018 ist die Neuerrichtung des Geschäftshauses „Neuer Pferdemarkt“ mit knapp 7000 Quadratmetern Verkaufsfläche abgeschlossen. Mit Rewe zieht auch wieder ein Lebensmittelhändler ins Stadtzentrum. Dazu gesellen sich verschiedene Filialisten. Das benachbarte Parkhaus wird im Mai 2019 eröffnet. Die Stadt Stade hat es für 17,7 Millionen Euro bauen lassen.

Als Hertie gebaut wurde, parkten noch Autos vor dem Zeughaus.

Als Hertie gebaut wurde, parkten noch Autos vor dem Zeughaus. Foto: Stadtarchiv Stade Rihsé Fotokartei

Das leerstehende Hertie-Gebäude wurde nach der Insolvenz des Konzerns zum Schandfleck mitten in der Stadt.

Das leerstehende Hertie-Gebäude wurde nach der Insolvenz des Konzerns zum Schandfleck mitten in der Stadt. Foto: Kathrin Wiellowicz, IHK

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