Neuer Pferdemarkt eröffnet
Die Stader Innenstadt hat einen neuen Anziehungspunkt: Am Mittwochvormittag wurde das Geschäftshaus „Neuer Pferdemarkt“ in Betrieb genommen. Das symbolische rote Band wurde durchschnitten, 13 Läden öffneten zum ersten Mal ihre Türen.
Das Wetter zeigte den Eröffnungsgästen die kalte Schulter: vier Grad und Regen. Deutlich freundlicher war die Stimmung bei den Offiziellen, während sie das rote Band durchschnitten und Reden hielten. „Die Lage ist besser als das Wetter“, stellte Bürgermeisterin Silvia Nieber fest. Sie freue sich sehr über das neue Geschäftshaus. Stadtbaurat Lars Kolk hofft auf einen Frequenzbringer, der neue Kunden nach Stade holt. Das Einkaufszentrum stärke den Einzelhandelsstandort mit Strahlkraft in die Region.
Auch Matrix-Geschäftsführer Olaf Heinzmann zeigte sich „glücklich und froh, dass es endlich so weit ist“. Die Matrix-Immobilien-Gruppe hat mehr als 30 Millionen Euro in das neue Geschäftshaus investiert. Sein Partner Martin Schaer, der aus Stade kommt, gab sich optimistisch: „Es sieht ganz so aus, dass es ein Erfolg wird.“ Von einem „erfreulichen Tag“ sprach Wolfgang Richter, Geschäftsführer bei der Firma Baresel, die den Neuen Pferdemarkt gebaut hat.
Also trotz Regens alles eitel Sonnenschein? Nicht ganz. Richter sprach es an: Der Bau war eine schwere Geburt. Der Höhenunterschied zwischen Steiler Straße, Stockhausstraße und Pferdemarkt musste ausgeglichen werden. Baufirmen waren selbst für Generalunternehmer Baresel schwer zu finden. Das trieb die Preise hoch. Richter sprach von „Schmerzmitteln“, die geflossen sind.
Und dann ist da noch die Geschichte mit dem Parkhaus, mit dessen Errichtung jetzt erst angefangen wird, das aber ursprünglich als Zwilling gemeinsam mit dem Geschäftshaus auf die Welt kommen sollte. Nicht angesprochen wurde die Kostenexplosion bei dem Parkhaus, das wohl zum Jahresende fertig wird und 500 Autos Platz bieten soll. Ursprünglich war von acht Millionen Euro die Rede, jetzt muss die Stadt Stade dafür 13 Millionen Euro bezahlen.
Heinzmann und Schaer nutzten die Gelegenheit und erklärten den offiziellen Gästen ihr Konzept für das neue Geschäftshaus. Bewusst wurde auf eine „introvertierte Lösung“ verzichtet, also eine Einkaufspassage, die eher solitär für sich steht. Es sollte Teil der Altstadt werden und die Fußgängerzone erweitern. Es entstand der gen Süden ausgerichtete Vorplatz mit Freitreppe und Sitzgelegenheiten. Die Geschäfte sind – wie in der Altstadt üblich – an der Häuserfront erkennbar und zu betreten, keines versteckt sich im Inneren.
Eine Spezialität der Stader Lösung sind die beiden Erdgeschosse, die sich durch die schwierige Topografie in der City ergaben. Matrix will dadurch dunkle Untergeschosse vermeiden. Auf dem einen befindet sich zum Beispiel der lang ersehnte Lebensmittelmarkt Rewe, auf dem anderen TK-Maxx, das gestern Vormittag zur Eröffnung um 9.30 Uhr von gut 200 Kunden gestürmt wurde.
Noch nicht belebt sind vier Mieteinheiten. Ein Kiosk und ein Bäcker auf dem unteren Erdgeschoss sollen bald einziehen, ein kleiner Laden auf der oberen Ebene ist frei, Verhandlungen liefen, so die Matrix-Sprecher. In der obersten Etage Richtung Steile Straße ist auch noch Platz. Hier war ursprünglich Gastronomie geplant, jetzt wird wohl eine Arzt-Praxis eingerichtet werden.
Silvia Nieber ging in ihrer Rede auf die Vorgeschichte ein. Als sie neu in der Stadt war, wurde sie auf fast jedem Termin auf das geschlossene Hertie-Haus und eine Nachnutzung angesprochen. Viele hätten von einem Schandfleck im Herzen der Stadt gesprochen. Sieben Jahre stand das Hertie-Haus ungenutzt da.
Viele hätten sich zudem einen Lebensmittelmarkt an dem prominenten Standort gewünscht. Diese Wünsche wurden jetzt umgesetzt. Nieber sprach von einer „großartigen Investition“, die dem Einzelhandelskonzept der Stadt entspreche, indem es die City stärkt. Nieber hofft auf einen zusätzlichen Magneten mit hoher Anziehungskraft.
Auffällig am Neuen Pferdemarkt – und das passt auch in das Gesamtgefüge der Stader Innenstadt – sind die unterschiedlichen Öffnungszeiten der einzelnen Geschäfte. Die Bandbreite der Startzeiten reicht von 7 bis 9.30 Uhr.
Erste Geschäfte haben sich derweil auf die neuen Nachbarn eingestellt. Kirsten Quell vom „Fiddler’s Green“ hat im Zeughaus eine „Männerabgabestation“ eingerichtet. Während die Frauen in Ruhe shoppen, gibt‘s bei ihr während der Wartezeit eine Tasse Kaffee. Oder so.
Kommentar: Ein Gewinn für die Stadt
Von Lars Strüning
Für Stade ist der 28. März 2018 ein Freudentag. Das neue Geschäftshaus am nördlichen Ende des Pferdemarktes ist ein Gewinn für die Innenstadt. Der Platz, der zwischen Zeughaus, Sparkasse und Einkaufszentrum entstanden ist, hat hohe Aufenthaltsqualität. Der Blick weitet sich. Städtebaulich hat die City einen großen Schritt gemacht. Die Investoren haben gute Arbeit geleistet. Auch wenn der Bau gerade von den Seiten sehr massiv in der kleinteiligen Altstadt wirkt: Wer jetzt noch in guter Stader Tradition am Neuen herummäkelt, der sollte daran zurückdenken, wie es hier vorher aussah, als das Hertie-Haus sieben Jahre vor sich hin gammelte und nur den Tauben eine Freude bot. Stade ist als Einkaufsstadt attraktiver geworden, selbst wenn dem einen oder anderen der Mieter-Mix nicht gefällt.
Am neuen City-Management und dem Kaufleute-Verein Aktuelles Stade liegt es, mit dem neuen Pfund zu wuchern. Ihre erste Aufgabe: Die Öffnungszeiten synchronisieren. Ein Dauerbrenner in der Stadt. Der Wildwuchs ist für die Kunden kaum zu durchschauen.
Zum Parkhaus. Auch dieses Projekt wird sehnsüchtig erwartet – und am Ende kritisiert werden. Kaum einem wird bewusst sein, wie massiv dieser Baukörper in die Lücke gepresst wird – in gleicher Höhe wie der Neue Pferdemarkt. Die Stockhausstraße wird eine Schlucht werden. Die Baustelle wird so oder so in die Geschichte der Stadt eingehen; als ein unrühmliches Kapitel. Die Stadt – Verwaltung und Rat – haben sich kräftig vertan. Was sie für gut acht Millionen Euro hätten haben können, bezahlen sie jetzt mit 13 Millionen Euro, weil sie es in Eigenregie erstellen wollten. Was für eine Fehlentscheidung. Was für eine Selbstüberschätzung.
Die Chronologie
1975 Zwischen Stockhausstraße und Steiler Straße wird im Frühjahr der alte Baubestand abgerissen.
1976 Am 1. April wird Hertie in Betrieb genommen. 28 Millionen Mark hat der Bau gekostet, 8100 Quadratmeter Verkaufsfläche wurden geschaffen, 330 Mitarbeiter eingestellt.
1996 Aus Hertie wird Karstadt.
2007 Karstadt wird wieder zu Hertie.
2009 Hertie schließt am 9. August. 2013 Matrix kauft Anfang des Jahres die Hertie-Immobilie.
2016 Abriss des alten Hertie-Hauses und des Parkhauses; Beginn des Bauvorhabens Neuer Pferdemarkt.
2018 Das Geschäftshaus Neuer Pferdemarkt geht am 28. März in Betrieb.