„Kinder, seid ihr alle da?“ Kaspers Frage ist so alt wie das Kasperletheater. „Jaaa“, rufen seine Zuschauer im Burgmannshof in Horneburg. Seit 17 Jahren lassen hier Lydia Brüggemann, Sabine Woroniak und Dieter Braun die Puppen spielen.
Das Trio ist ein gut eingespieltes Team. Das ist wichtig, denn in dem blauen Holzkasten, der als Kasperle-Bühne vor den Aufführungen im Frühjahr und Spätherbst im Roten Raum aufgebaut wird, sitzen sie eng zusammen. Und da jeder mehrere Handpuppen führt, muss alles gut koordiniert sein. Zwei- bis dreimal im Jahr spielen sie für bis zu 70 Kinder. Beim heutigen Stück „Großmutters Wunderkraut“ hält Dieter Braun (80) den Kasper, den König und den Räuber Schmiersack, Lydia Brüggemann (54) die Großmutter, den Zauberer Simsalabim und den Hasen, Sabine Woroniak (58) die Prinzessin Rosengold, Gretel und das Krokodil Reißbeiß.
Punkt 15.15 Uhr geht’s los. Ein Glöckchen klingelt, die Vorhänge gehen auf. Die Kinder sitzen am Boden auf Kissen und schauen gespannt hoch zur kleinen, mit Watte-Schnee bedeckten Bühne. Auch die Eltern auf Stühlen im Hintergrund werden still, als Kasperle erscheint. „Sollen wir was Schönes spielen?“, fragt er die Kinder. „Jaaa!“ Eine Schneeballschlacht mit Gretel beginnt, bei der die weißen Bälle zur Freude der Zuschauer ins Publikum fallen. Prinzessin Rosengold will einen Schneemann bauen, wird aber vom Zauberer Simsalabim in einen Hasen verwandelt.
Aufgeregt erzählen die Kinder dem Kasper, was geschehen ist. „Du musst sie retten“, ruft ein Mädchen. Bereitwillig helfen sie dann dem Helden mit der roten Zipfelmütze, das freundliche grüne Krokodil Reißbeiß zu rufen. Und als Kasper aus Versehen Großmutters Zauberkraut fallen lässt, reicht es ihm ein Mädchen sofort hoch.
Mit den Handpuppen werden Geschichten erzählt. 15 traditionelle Stücke hat „Kümmerin“ Lydia Brüggemann in ihrem Repertoire. Zwei Stücke hat Dieter Braun selbst geschrieben, darunter eins zur 500-Jahr-Feier des Burgmannshofs, in dem Kasper eine Zeitreise zu den Burgmännern unternimmt. Ansonsten lässt das Trio Kasper passend zur Jahreszeit den Herbst suchen oder mit einem Schneemann zusammentreffen, ein Abenteuer mit dem grünen Wassermann bestehen, den Umweltteufel fangen, einen Geheimauftrag erfüllen oder auf den Mond fahren. Meistens gilt es, Bösewichte wie den Zauberer Simsalabim und den Räuber Schmiersack zu überlisten. Und am Ende ist alles wieder gut.
Kasperletheater im Burgmannshof: Im Roten Zimmer im ersten Stock wird der Theaterkasten zweimal im Jahr für den Auftritt der Handpuppen aufgebaut.
Nach einer halben Stunde ist das Stück zu Ende. Die Puppenspieler treten aus ihrem Kasten hervor und verteilen Großmutters Kekse. Sofort sind sie von Kindern umringt, die die Puppen fasziniert, teils furchtsam, anfassen. Für die Puppenspieler ist der Ablauf Routine. Und doch ist es für sie immer wieder schön, mitzuerleben, wie die kleinen Kinder lebhaft mitmachen und hinterher strahlen. Und sie freuen sich, dazu beizutragen, dass eine solche Tradition nicht verloren geht.
Die Idee mit dem Kasperletheater hatte Dieter Braun vor zwei Jahrzehnten zusammen mit Claus Rehberg, als die Bücherei im Burgmannshof unter der Leitung von Annette Kokott den Freitagnachmittag als festen Aktionstermin für die Leseförderung etablieren wollte. Mit Formaten wie Bilderbuchkino, Vorlesestunde und Kinderbasteln war die Bücherei fortan ein Treffpunkt für Familien. Das Mehrgenerationenhaus als Begegnungsstätte im Burgmannshof gab es noch nicht,
Als Claus Rehberg aufhörte, wurde Lydia Brüggemann (Mutter von zwei Jungs) als Vorleserin gewonnen. Sie holte ihre Freundin Sabine Woroniak (fünf Kinder und inzwischen drei Enkel) dazu. Was mit einfachen Mitteln – ein provisorisches Laken und Plastikpuppen – in der Bücherei begann, wurde über die Jahre immer professioneller. Gerd Kokott, Annette Kokotts Mann, baute 2001 den Bühnenkasten. Mit einem Zuschuss der Jugendkonferenz und Mitteln aus dem Bücherei-Etat wurden Handpuppen gekauft – inzwischen sind es 20. Weil der Raum in der Bücherei zu klein wurde, zog das Kasperletheater in den geräumigeren Fachwerk-Raum im ersten Stock.
Auf technisches Equipment wird auch heute noch weitgehend verzichtet, die Geräusche und Requisiten werden selbst gemacht. Die Hintergründe – bei der heutigen Aufführung eine Winterlandschaft und das Wohnzimmer der Großmutter – hat Büchereileiterin Kokott gemalt. Nun müssen die Kinder wieder ein halbes Jahr warten – bis Freitag, 9. November, 15.15 Uhr. Dann klingt wieder das Glöckchen, und Kasperle ruft: „Kinder, seid ihr alle da?“