Im Interview mit dem TAGEBLATT verrät die Schauspielerin Heidi Mahler Details über das Verhältnis zu ihrer berühmten Mutter, ihrer Kindheit in Hamburg und der Faszination, auf der Bühne zu stehen.
Sie proben gerade am Ohnsorg-Theater. Um was genau geht es?
Der Klassiker „Tratsch im Treppenhaus“, den wir voriges Jahr im Theater gespielt haben, wird fürs Fernsehen aufgezeichnet. Sendetermin ist der 31. Dezember 2016. Früher wurde dieser Klassiker mit meiner Mutter auch immer zu Silvester gezeigt. Jetzt sollen die alte und neue Version nebeneinandergestellt werden.
Wie würden Sie Ihre Rolle am Ohnsorg-Theater beschreiben?
Ich sah mich als Angestellte des Ohnsorg-Theaters und spielte alles das, was man mir anbot. Jetzt spiele ich ja nur noch eine Rolle im Jahr.
Sie sind 72 Jahre und könnten sich wie viele andere Menschen in diesem Alter zur Ruhe setzen und ein schönes Leben machen. Stattdessen arbeiten Sie ...
... ich hab‘ ein schönes Leben auf dem Theater. Solange mir das Theaterspielen Spaß macht, ist das eigentlich das Schönste, was es gibt.
Gibt es einen persönlichen Schauspieltraum, den Sie sich gern erfüllen würden?
Nein, ich habe wunderbare Rollen gespielt. Ich bin immer interessiert an neuen Dingen, aber kann nicht sagen: Das muss ich unbedingt noch spielen.
Was fasziniert nach so vielen Jahren und Jahrzehnten noch am Schauspielern?
Es ist immer wieder neu. Jedes Mal fängt man wieder bei Null an und muss sich das Stück und die Rolle erarbeiten. Das ist nie Routine, das ist das Interessante.
Wie wichtig ist das Publikum für Sie?
Ja, das Stück lebt natürlich nur mit dem Publikum zusammen. Wenn das funktioniert, ist es das Schönste.
Glauben Sie, dass das Ohnsorg-Theater auch in Zukunft noch zeitgemäß sein wird?
Ach, das wurde ja schon totgesagt, bevor ich am Theater anfing. Und dabei ist es so lebendig, hat viel Zulauf und erneuert sich immer wieder selbst. Es gibt ja auch keine andere Volksbühne hier in Hamburg.
Wie gefällt Ihnen, dass sich das Ohnsorg-Theater mit Stücken wie „Honig im Kopf“ neu orientiert und jüngeres Publikum gewinnen will?
Das macht Herr Seeler (der Intendant; d. Red.) ja schon lange. Ich finde diese neue Richtung interessant, aber man darf nicht vergessen, dass es ein Volkstheater ist.
Glauben Sie, dass Plattdüütsch langsam aussterben könnte?
Ich glaube das nicht. Es gibt so viele Laienspielbühnen, die plattdeutsch spielen. Die Lust, diese Sprache zu sprechen, ist unbedingt da. Da sehe ich kein Ende.
Sie leben nicht mehr in Hamburg, sondern mit ihrem Mann in der Eifel. Wie oft sind Sie noch hier?
Einmal pro Spielzeit, also immer etwa drei Monate lang.
Vermissen Sie Ihr Hamburg?
Nein, wenn ich drei Monate hier bin, ist das gut. Das ist eine ganz tolle Lösung.
Was halten Sie denn vom modernen Hamburg? Hamburg verändert sich sehr ...
... und das muss es ja auch. Die Menschen sind heute anders. Es verändert sich alles, es gibt keinen Stillstand, und das ist auch richtig so. Man sollte aber das Schöne und Alte erhalten, wenn es geht.
Welches ist denn Ihr liebster Stadtteil?
Ich bin am liebsten am Elbstrand und in der Gegend rund um die Alster, in Winterhude und Eppendorf mit den hübschen alten Straßen.
Sie sind in Bahrenfeld aufgewachsen. Was haben Sie daran für Erinnerungen?
Wir haben in der Zöllnerstraße gewohnt. Da haben wir auf der Straße Völkerball gespielt. Wenn mal ein Auto kam, war das eine Sensation. Ich habe eine wunderbare Kindheit gehabt.
Wurde bei Ihnen zu Hause Platt gesprochen?
Nein! Witzig, nicht? Meine Eltern wollten, dass wir Kinder vernünftig hochdeutsch sprechen. Meine arme Mutter hatte in der Grundschule Schwierigkeiten, weil sie zu Hause nur plattdeutsch gesprochen hatte. Sie kam dann in ein Lyceum, wo man hochnäsig war und meine Mutter immer noch Probleme hatte mit ihrem Plattdeutsch.
Wo haben Sie Platt gelernt?
Das ging ganz nebenbei. Ich habe meinen Eltern die Rollen abgehört. Wir waren ja auch schon als Kinder viel im Theater.
Wollten Sie mal was anderes werden als Schauspielerin?
Nein. Als Kind träumt ja von allem Möglichen, aber für mich stand von vornherein fest, dass ich Schauspielerin werde.
Und im Rückblick?
Man kann sich alles Mögliche vorstellen. Aber da ich durch die Schauspielerei so viele Möglichkeiten habe, andere Berufe auszuüben, habe ich nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben.
Sie haben lange an der Seite Ihrer berühmten Mutter, Heidi Kabel, gespielt. Und heute spielen Sie viele Rollen, die sie damals gespielt hat. War die Beliebtheit Ihrer Mutter Ihnen auch mal eine Last?
Nein, nie. Ich fand das toll und ich fand das auch sehr richtig, dass sie so beliebt war, weil sie eben sehr nett war und eine tolle Schauspielerin.
Und wie emanzipiert man sich als Heidi Mahler von einer so prominenten Mutter?
Ich habe mich nicht emanzipieren müssen. Es war alles ganz natürlich. Ich musste nicht kämpfen, ich habe ganz andere Rollen gespielt, als meine Mutter noch lebte. Da gab es keine Schwierigkeiten.
Es gibt viele Schauspielerinnen, für die es schon mit 50 schwieriger wird, Rollen zu bekommen. Sie scheinen alterslos zu sein. Wie macht man das?
Ich spiele jetzt ganz andere Rollen als mit 20 oder 30. Und ich finde normal, dass man altersgemäße Rollen spielt. Ich habe keine Schwierigkeiten mit meinem Alter.
Ist das Alter ein Privileg?
Ich empfinde es als Privileg, dass ich gesund bin. Das finde ich außergewöhnlich und mein Arzt ist auch ganz begeistert.
Frau Mahler, bitte vervollständigen Sie folgende Satzanfänge: Disziplin ist ...
... etwas sehr Wichtiges, gerade im Schauspielerberuf.
Mein Lieblingsplatz in Hamburg ...
... ist Hamburg.
Wenn ich Königin von Hamburg wäre, würde ich ...
...dafür sorgen, dass die wunderschönen alten Häuser in den alten Straßen und die Parks erhalten bleiben, die Alster erhalten wird, wie sie ist und nicht alles dem Verkehr und merkwürdigen Modernisierungen untergeordnet wird.
Mein Lieblingsessen ...
... sind Kartoffelpuffer.
Die schönste Erholung für mich ist ...
... in meinem Garten zu arbeiten.
Familie ist ...
...etwas Wunderbares, woraus man sehr viel Kraft schöpfen kann.
In meiner Freizeit ...
...bin ich gern draußen in der Natur.
Glück ist ...
...eine heile Umwelt.
Mein großes Ziel in den kommenden Jahren ist ...
...(lacht) gesund zu bleiben.
Heidi Mahler wurde am 31. Januar 1944 geboren. Sie ist die Tochter von Heidi Kabel und dem Ohnsorg-Theater-Intendanten Hans Mahler.
Im Alter von 17 Jahren begann sie eine Ausbildung an der Hochschule für Schauspiel und bildende Künste bei Eduard Marks. Ihre erste Rolle am Ohnsorg-Theater spielte sie 1964 in „De vergnögte Tankstell“. Daneben wirkte sie immer wieder bei Hörspielen des Norddeutschen Rundfunks und Radio Bremen mit. Mahlers erster Ehemann war der Pilot Klaus Wischmann, den sie am 1. August 1969 geheiratet hatte. In zweiter Ehe war sie von 1981 bis 1985 mit dem Schauspieler Jürgen Pooch verheiratet. Seit 1986 lebt sie in dritter Ehe mit dem Schauspieler und Regisseur Michael Koch zusammen.