TLehrermangel in der Praxis: Wie Schulen im Kreis Stade die Löcher stopfen
Damit der Unterricht nicht zu oft ausfällt, müssen besser versorgte Schulen im Kreis Stade Lehrer an andere ausleihen. Foto: Annette Riedl/dpa
Der Lehrkräftemangel ist im Kreis Stade Dauerzustand. Besser versorgte Schulen müssen Lehrkräfte ausleihen, damit andere Schulen überhaupt arbeiten können. Das bringt Unruhe.
Landkreis. Die Nachricht kam kurzfristig: Zum 1. Dezember sollte das Athenaeum in Stade die Grundschule Bützfleth mit zehn Unterrichtsstunden unterstützen. Dazu müssen mitten im Schuljahr Lehrkräfte abgezogen und versetzt werden.
Viele Stellen konnten nicht besetzt werden
Dabei hatte die Kultusministerin Julia Willie Hamburg zu Beginn des Schuljahrs verkündet, dass „erneut deutlich mehr Lehrkräfte zur Verfügung“ stehen. Für ganz Niedersachsen betrachtet ist das wohl so. Aber nicht im Landkreis Stade, der seit Jahren Schlusslicht bei der Unterrichtsversorgung ist: Nur 40 von 63 offenen Stellen konnten besetzt werden.
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Priorität haben die Grundschulen, wo eine Versorgung von 100 Prozent angestebt ist, erklärt das Regionale Landesamt für Schule und Bildung (RLSB). Im Kreis Stade sei dies angesichts der Bewerberlage „nur bedingt gelungen“. In der Praxis bedeutet das: Besser versorgte Schulen müssen aktuell 1400 Stunden an die Grundschulen abordnen. Landkreisweit sind es laut RLSB 2400 Stunden zwischen verschiedenen Schulformen. Viele Lehrkräfte müssen reisen.
Grundschule Bützfleth auf Abordnungen angewiesen
„Ohne das geht es hier nicht mehr“, sagt Sabine Wolff-Stamer, die Leiterin der Grundschule Bützfleth (Unterrichtsversorgung: 86,8 Prozent). Sie und ihr Kollege Martin Niestroj vom Athenaeum (Unterrichtsversorgung: 101,4 Prozent) haben sich vergangene Woche getroffen, um zu besprechen, wie sie den Schulalltag jetzt organisieren.

Sabine Wolff-Stamer, Schulleiterin der Grundschule Bützfleth. Foto: Richter
„Oberstufenlehrkräfte müssen ja eingearbeitet werden, wenn sie plötzlich Erstklässler unterrichten sollen“, erklärt Wolff-Stamer. Zudem sollen sich die neuen Kollegen gut aufgenommen fühlen und sinnvoll eingesetzt werden - ein Französischlehrer beispielsweise wurde im Bereich Deutsch als Fremdsprache untergebracht.
Für die Kinder sei der häufige Wechsel der Bezugspersonen allerdings schwierig: „Beziehungsarbeit ist das A und O für gute Lernerfolge.“ Das sei wissenschaftlich gut belegt. Wenn ihr jemand mit dem Fach Deutsch nur für zwei Tage in der Woche zugewiesen werde, bleibe ihr aber nichts anderes übrig, als für den Rest der Woche eine andere Lehrkraft für die betroffene Klasse einzuteilen.
20 Minuten Fahrt zwischen den Schulen
„Wir wissen, dass die Not groß ist und helfen gerne. Aber zu Beginn eines Schuljahres wäre das besser zu organisieren“, sagt Athenaeums-Schulleiter Niestroj. Nach Bützfleth werden zwei Lehrkräfte abgeordnet. Die Fahrt dauert etwa 20 Minuten - in der großen Pause ist das gerade so zu schaffen. Die Grund- und Oberschule Nordkehdingen (Unterrichtsversorgung: 76,8 Prozent) hat es zumindest in dieser Hinsicht leichter: Sie ordnet intern im gleichen Hause an die Grundschule ab.

Martin Niestroj, Schulleiter des Gymnasiums Athenaeum. Foto: Richter
Die Unterrichtsversorgung im Landkreis Stade liegt im Durchschnitt aller allgemeinbildenden Schulen bei 90,9 Prozent - laut der Statistik, die das RLSB freigibt. Die stammt vom 15. August 2024. Die Zahlen vom August 2025 würden „noch gründlich geprüft“ und zum Halbjahreswechsel 2026 herausgegeben.
Weil die Gymnasien noch am besten dastehen, sind sie zurzeit besonders betroffen. „Wir wissen, dass wir ab Februar 2026 noch 65 Stunden zusätzlich abgeben müssen“, berichtet Niestroj. Damit würden sich die Abordnungen auf etwa 150 Stunden summieren. Die Einsatzorte reichen von der Grundschule über IGS und KGS bis zu Krankenhausunterricht.
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„An den weiterführenden Schulen ist der Pflichtunterricht gesichert“, teilt das RLSB mit. Aber was bedeutet das für die Schüler? Bei Arbeitsgemeinschaften, im musisch-kreativen Bereich, bei Sportangeboten und Nebenfächern wird oft gekürzt. Athenaeums-Lehrer Dr. Lars Hellwinkel sieht das kritisch: Das Schulleben leide, wenn außerunterrichtliche Aktivitäten immer weniger werden und beispielsweise Chor und Orchester nur mit Mühen aufrecht erhalten bleiben.
Talentförderung wird schwierig
Sorgen bereiten ihm vor allem die Lehrerwechsel. Gerade bei den jüngeren Klassen ermögliche erst die persönliche Bindung einen guten Einstieg in die neue Schule mit neuen Anforderungen und neuen Mitschülern. Für einige der fünften Klassen sei dies nun schon nach vier Monaten vorbei.
Die Talente leistungsorientierter Schüler zu fördern, sei nur noch bedingt möglich, wenn die Lerngruppen mangels Lehrkräften immer größer würden. „Der Lehrer wird zum Verwalter und die Schullandschaft zum Verschiebebahnhof, zum Leidwesen unserer Kinder“, sagt Hellwinkel.
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Was tun? Im ländlichen Raum ist es schwierig, Lehrerstellen zu besetzen. Die Samtgemeinde Fredenbeck überlegt, eine Kampagne mit Imagefilmen zu starten - beim Anwerben von Ärzten war so etwas erfolgreich. Und der Landkreis will ein Lehrkräfteservicebüro eröffnen, das sich nicht nur um Marketing kümmert, sondern Studenten während ihrer Praktikumszeiten auch kostenlos nahe gelegene Wohnmöglichkeiten vermittelt. Knapp 100.000 Euro sollen 2026 dafür fließen.
Die Bützflether Schulleiterin Sabine Wolff-Stamer sieht einen anderen Knackpunkt: Die Besoldungsstufe A13 wurde zwar für alle einheitlich eingeführt. Aber Grundschullehrkräfte müssen dafür 28 Stunden unterrichten, Gymnasiallehrkräfte nur 23,5 Stunden. Zudem haben sie bessere Aufstiegsmöglichkeiten bis zu A15. Ihr Vorschlag: „Warum bezahlen wir nicht alle gleich? Es müssen wieder mehr Leute Grundschullehramt studieren.“
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