Dörthe Neumann zeigt Oliver Grundmann den Umgang mit Milchgeschirr. Foto Kordländer
Es war schon ein ungewöhnliches Bild, den Bundestagsabgeordneten Oliver Grundmann einmal nicht im schnieken Anzug und mit Krawatte zu sehen.
Stattdessen trug er legere Arbeitskleidung, eine Schürze, Handschuhe und Gummistiefel. Was man eben in einem Kuhstall beim Melken trägt. Grundmann absolvierte jetzt auf dem Hof Neumann in Fredenbeck ein Praktikum.
„Ich möchte hier einmal die Arbeitswelt der Landwirte direkt auf einem Hof kennenlernen“, sagte der Politiker, der sich gerade auf einer Sommertour durch seinen Wahlkreis befindet. Dazu habe er sich einen Milchbetrieb ausgesucht. „Lehrling Philipp ist heute mein Chef“, meinte er schmunzelnd, als er den Kühen in der Futterkrippe Silage und Heu vorlegte. Der Höhepunkt für ihn an diesem Tag war das Melken. Im Milchstand zeigten ihm Landwirts-Ehepaar Cord und Dörthe Neumann die hohe Kunst, den Kühen die Milch abzuzapfen: Kühe in den Stand treiben, das Euter sauber waschen, die Zitzenbecher der Melkanlage ansetzen, die Zitzen nach dem Melken desinfizieren, das Milchgeschirr mit einer Wasserdusche sauber spritzen und dann wieder die Zitzenbecher ansetzen. In dieser Melkrunde insgesamt 149 Mal.
Mehrmals am Tag kam Grundmann doch ins Schwitzen. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Arbeit der Landwirte so schwer ist“, stellte er fest. Dazu warf er ein: „Und das für so wenig Erlös.“ Er zeigte Verständnis, dass die Landwirte über das geringe Milchgeld, das sie von den Molkereien bekommen, klagen. Derzeit liegt der Literpreis um die 20 Cent. „Mir erschließen sich jetzt die Problemlagen.“ Doch beeindruckt ist Grundmann nach seinem Anpacker-Praktikum über den besonderen Reiz der Arbeit in der Landwirtschaft. „Das ist zwar ein harter Job, aber auf den Feldern und im Stall sieht man auch, wie etwas heranwächst“, sagte er abends in einer Diskussionsrunde mit jungen Landwirten aus dem Kreis Stade, sowie mit Kreislandwirt Johann Knabbe und dem Vizepräsidenten des niedersächsischen Landvolkverbandes, Heinz Korte aus Bremervörde. „365 Tage im Jahr arbeiten und sich dann noch von vielen Bürgern unberechtigter, massiver Kritik aussetzen zu lassen, das ist schon hart“, unterstrich Grundmann.
„Heute sind es fast nur noch die Standards, die die Ware in den Einkaufszentren dominieren“, machte Kreislandwirt Knabbe deutlich. Es dürfe den Kritikern nicht gelingen, einen Keil zwischen die Landwirtschaft und die Bürger zu schieben. „Wir dürfen uns bei Kritik nicht zurückziehen.“ Daher werde auch im Stader Bauernverband die Öffentlichkeitsarbeit intensiviert.
Heinz Korte berichtete, dass er anstrebe, Aufsichtsratsvorsitzender des deutschen Milchkontors, das ist eine der größten deutschen Molkereien, zu werden. Die Junglandwirte sind der Meinung, dass der Bürger im Laden durchaus bereit sei, mehr Geld für die Milch zu bezahlen.
In der nächsten Woche wird Grundmann seine Tour fortsetzen. Am Montag absolviert er ein Praktikum in der Tischlerei Klintworth in Helmste. Abends ist ein Vortrag bei der Firma Lindemann in Stade vorgesehen. Weitere Themen sind dann im Raum Bremervörde Mittelstand, Ehrenamt und medizinische Versorgung.