Konsequenzen

TNach Gräueltat in Stade: Landkreis überprüft Schutzkonzepte

Trauer: Blick auf die Mutter-Kind-Einrichtung in der Stader Dankersstraße.

Trauer: Blick auf die Mutter-Kind-Einrichtung in der Stader Dankersstraße. Foto: Vasel

Wie sorgt der Landkreis in der Sozialarbeit für Sicherheit? Das fragen sich nach den tödlichen Schüssen viele. Schon zuvor wurden Kollegen angespuckt, Türen eingetreten.

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Von Björn Vasel
10.07.2026, 19:45 Uhr

Stade. Sechs Menschen sind in der vergangenen Woche in einer Mutter-Kind-Einrichtung in der Dankersstraße in Stade laut Staatsanwaltschaft von einem 45-Jährigen erschossen worden. Auch der Landkreis Stade zieht jetzt - wie viele andere Jugendhilfeträger und -einrichtungen in Deutschland - Konsequenzen. Das gelte nicht nur für den Bereich der Jugendhilfe.

„Wir haben eine Fürsorgepflicht gegenüber allen Kollegen“, betont der Erste Kreisrat Thorsten Heinze im Gespräch mit dem TAGEBLATT. Das Sicherheitsempfinden vieler Mitarbeiter sei nach der Gewalttat „empfindlich gestört“, so Heinze. Der Jurist ist Vorsitzender des Arbeitsschutzausschusses, der für die Sicherheit und Gesundheit der mehr als 900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim Kreis Stade zuständig ist.

Einen absoluten Schutz könne es in der Jugend- und Familienarbeit nicht geben, sind sich Heinze und seine Kollegin Susanne Brahmst einig. Die Dezernentin für Soziales, Gesundheit, Jugend und Familie beim Landkreis Stade war am 29. Juni kurz nach den Schüssen mit Landrat Kai Seefried und Kollegen vor Ort.

Mütter und Kinder sind an einem sicheren Ort

Alle Mütter und Kinder seien mittlerweile an einem sicheren Ort. Sie wurden von den zuständigen Jugendämtern ihrer Heimatkommunen in anderen Einrichtungen untergebracht. Sie werden von Notfallseelsorgern betreut. Für alle sei die ganze Situation emotional eine Herausforderung.

Träger der Einrichtung mit Mutter-Kind-Wohngruppen und Inobhutnahme ist die Stethu-GmbH. Die Gruppe in der Dankersstraße in Stade habe bundes- und landesweit einen „sehr guten Ruf“ gehabt. Nun sind zwei der Führungskräfte tot.

Es gebe bedauerlicherweise nicht viele Einrichtungen in diesem Bereich, sagt Brahmst. Sie hofft, dass Stethu die „qualitativ hochwertige Arbeit“ fortsetzt. Nach TAGEBLATT-Informationen gibt es die Absicht, werdende Mütter und Frauen gemeinsam mit ihrem Kind in Wohngruppen weiterhin in Stade zu betreuen, begleiten und unterstützen. „Das würde mich sehr freuen“, so die Dezernentin.

Kollegen werden angespuckt, Türen werden eingetreten

Bei der sozialen Arbeit, insbesondere in der Jugendhilfe, sei der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses sehr wichtig. Angst und Sorge um die eigene Sicherheit dürfe die fachliche Arbeit nicht überlagern. Dass mehrere Schüsse in einer sozialen Einrichtung für Mütter und Kinder fallen, sei eine neue Dimension der Gewalt. Insgesamt werde der Umgang in der Gesellschaft „immer rauer“, hat Susanne Brahmst feststellen müssen.

Sie und ihre Mitarbeiter hätten es immer wieder mit Menschen zu tun, „die Kollegen anspucken oder durch das Haus rennen und Türen eintreten“. Aus diesem Grund habe die Kreisverwaltung bereits seit längerer Zeit entsprechende Maßnahmen ergriffen. So gebe es im Kreis-Jugendamt in Stade einen zentralen Eingang und Ordnungspersonal. Die Mitarbeiter könnten in einem Bedrohungs- und/oder Konfliktfall einen Notruf oder Hausalarm auch an den Arbeitsplätzen absetzen.

Jugendamt darf nicht zur Trutzburg werden

Es gebe Gefährdungsbeurteilungen für Arbeitsplätze. Jetzt würden bauliche Maßnahmen und unter anderem der Einsatz von Sicherheitspersonal geprüft.

Es gelte, das persönliche Sicherheitsgefühl zu verbessern. Doch eine Trutzburg dürfe gerade das Jugendamt nicht werden. „Wir wollen Vätern, Müttern, Jugendlichen und Kindern helfen, sie bei Erziehungsfragen beraten und unterstützen“, sagt Brahmst.

Die Aufgaben im Amt für Jugend und Familie seien breit gefächert: Schutz des Kindeswohls, Organisation von Hilfen zur Erziehung und finanzielle Unterstützung. Menschen, die Hilfe oder Rat suchen, sollten keine Hemmungen haben, ins Jugendamt zu kommen. „Wir wollen auf Menschen zugehen, Ängste nehmen und deeskalierend wirken“, das mache Sozialarbeit aus. Deshalb schwebte ihr bei der Neubauplanung auch ein Café im Jugendamt vor, aber es wurde aus Kostengründen nicht realisiert. Jetzt gelte es, das Sicherheitsgefühl der Mitarbeiter zu stärken.

„Die Zündschnur wird immer kürzer“

Ein weiterer Fokus lag bislang auf der psychischen Belastung von Mitarbeitern und Gefährdungsbeurteilungen. Deshalb gab es bereits vor Wochen auch Kontakte mit einer Trauerbegleitung. Diese habe jetzt den Mitarbeitenden zur Seite stehen können.

Wie Susanne Brahmst habe Heinze feststellen müssen, dass die „Zündschnur immer kürzer wird“ - verbunden mit verbaler Aggression und Gewalt. Doch Gespräche finden auch außerhalb des Jugendamts statt - zu Hause oder in Einrichtungen. Oft seien Menschen schwer einzuschätzen.

Enger Austausch mit der Polizei

„Der Draht zur Polizei ist deshalb eng“, sagt Heinze. Es gebe immer wieder Termine, bei denen Jugendamtsmitarbeiter von den Beamten begleitet werden oder sich im Vorfeld abstimmen.

Bereits vor der Bluttat in der Dankersstraße sei beschlossen worden, die einzelnen Sicherheitsbausteine „zu einem übergreifenden Sicherheitskonzept zusammenzuführen“, betont Heinze. Das werde mit dem Personalrat und den Mitarbeitern innerhalb der nächsten drei Monate erarbeitet, hinzu kommen Sofortmaßnahmen. Los gehe es im Jugendamt.

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