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Theaterkritik

TNetflix-Hit auf der Buxtehuder Bühne: Achtsam mordet es sich am besten

Ruhig durchatmen? In manchen Momenten für den dauergestressten Anwalt Björn Diemel (Ralph Opferkuch) schwer möglich.

Ruhig durchatmen? In manchen Momenten für den dauergestressten Anwalt Björn Diemel (Ralph Opferkuch) schwer möglich. Foto: Buchmann

Der Kriminal-Roman „Das Kind in mir will achtsam morden“ erzählt die skurrile Geschichte um den wohl achtsamsten Serienmörder weiter. Wie funktioniert das auf der Bühne?

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Von Steffen Buchmann
Freitag, 30.01.2026, 14:50 Uhr

Buxtehude. Tief durchatmen, sonst stirbt wieder jemand! Spätestens durch die Netflix-Erfolgsserie „Achtsam Morden“ mit Tom Schilling kennen Krimi-Fans die Geschichte des dauergestressten Rechtsanwalts Björn Diemel und sein Faible, nervige Mobster buchstäblich durch den Fleischwolf zu drehen.

Die zweite Staffel soll im Mai bei Netflix starten, eine dritte Staffel ist ebenfalls schon geplant. Um das Warten zu verkürzen, konnte das Buxtehuder Publikum bereits am Mittwochabend bei der Theater-Fortsetzung „Das Kind in mir will achtsam morden“ vorkosten.

Diemels innere Dämonen nach außen gekehrt

Der ehemalige Strafverteidiger hat sein Leben inzwischen wieder im Griff. Er nimmt sich mehr Zeit für seine Tochter, die den Kindergarten unter seiner Altbauwohnung besucht.

Parallel kümmert sich Diemel um die Amtsgeschäfte zweier Mafia-Clans: Den einen Boss hat er ermordet und der andere sitzt eingesperrt im Keller des Kindergartens. Doch zur Ruhe kommt Diemel nicht, denn sein inneres Kind kann das Morden einfach nicht lassen.

Ein Vorhang, drei Schauspieler: Mehr brauchte es nicht, um die Krimikomödie auf die Bühne zu bringen. Von links: Thomas Gerber, Ralph Opferkuch, Anne Diemer.

Ein Vorhang, drei Schauspieler: Mehr brauchte es nicht, um die Krimikomödie auf die Bühne zu bringen. Von links: Thomas Gerber, Ralph Opferkuch, Anne Diemer. Foto: Buchmann

Plastikvorhang, Sitzwürfel, falscher Schnurrbart: Für die Bühnenadaption von Karsten Dusses gleichnamigem Krimiroman setzt Regisseur Ulrich Cyran auf Minimalismus. Alles auf der Halepaghen-Bühne bekommt ständig eine neue Funktion, auch die Schauspieler.

Minimale Requisiten, maximale Ironie

Anne Diemer und Thomas Gerber wechseln minütlich durch die verschiedensten Rollen. In einem Moment flirtet Diemer als Kindergarten-Mutti Laura mit dem Anwalt, im nächsten bekommt sie als Tochter Emilie einen Heulkrampf, weil ihr Fruchtquetschie laut Öko-Erzieherin Frauke die Erde umbringt. Diemers einziges Hilfsmittel für die Verwandlung: ein Haargummi.

Anne Diemer übernimmt im Stück mehrere Rollen. Jetzt gerade trägt ihr Bühnenvater Björn Diemel sie als Tochter Emilie huckepack.

Anne Diemer übernimmt im Stück mehrere Rollen. Jetzt gerade trägt ihr Bühnenvater Björn Diemel sie als Tochter Emilie huckepack. Foto: Buchmann

Ralph Opferkuch bildet das verbindende Element des schlichten Sprechtheaters. Als Ich-Erzähler durchzieht er das schwarzhumorige Stück mit der notwendigen Ironie. Mal mit den Händen in den Hosentaschen, mal wild wirbelnd um den grauen Sitzblock.

Coach Breitner (Thomas Gerber) gibt Ex-Anwalt Björn Diemel (Ralph Opferkuch) Ratschläge, um sein inneres Kind zu finden.

Coach Breitner (Thomas Gerber) gibt Ex-Anwalt Björn Diemel (Ralph Opferkuch) Ratschläge, um sein inneres Kind zu finden. Foto: Buchmann

Das Gedankenkarussell nimmt Fahrt auf, Diemels innere Dämonen treten ans Tageslicht. Schicht für Schicht atmet sich Diemel unter dem wachsamen Auge von Coach Breitner (Thomas Gerber mit Klangschale) tiefer in sich hinein. Sein Ziel: Das innere Kind heilen, das ihn immer wieder zum Morden anstachelt.

Gewaltfantasien werden Realität

Die Krimi-Komödie dreht sich weniger um detektivische Fährtensuche, sondern versteht sich als spitzzüngiger Kommentar auf die aktuelle Ratgeber-Kultur rund um Achtsamkeitstraining, Traumabewältigung und Weltretter-Syndrom.

Das Gedankenkarussel dreht seine Runden - genauso wie Ralph Opferkuch um diesen grauen Sitzblock.

Das Gedankenkarussel dreht seine Runden - genauso wie Ralph Opferkuch um diesen grauen Sitzblock. Foto: Buchmann

Opferkuch spielt herrlich mit der kaltschnäuzigen Morbidität seiner Figur. Etwa, wenn er darüber nachdenkt, den lärmenden Assis im Park gegenüber die Ohren abzuschneiden - und später, überrascht vom Ergebnis, an einem Gummiohr lutscht. Oder seine süffisante Abrechnung mit überempfindlichen Kindergarten-Müttern, die dem Umweltschutz zuliebe die Ölheizung ausrangieren wollen.

Kurzweilig, mitunter verwirrend

Das Team der Burgfestspiele Bad Vilbel und Euro-Studio Landgraf versteht es mit „Das Kind in mir will achtsam morden“, Dusses Werk kurzweilig für die Bühne zu adaptieren. Getreu der Vorlage bleibt das Stück eher laut als tiefgängig, was aber den humorvollen Charme ausmacht.

Das Ensemble legt die Figuren weniger erzählerisch an, sondern bringt sie je nach Funktion auf die Bühne - beispielsweise den Mafioso Walter, der immer dann hämisch mit Schutzbrille und grünen Handschuhen auftritt, wenn es ans Eingemachte geht.

Wer die Krimi-Komödie ohne oder mit angestaubtem Vorwissen sieht, den könnte das sprunghafte Spiel etwa mit den abstrakten Einflüsterern aus Diemels Gedankenkarussell verwirren. Doch wie Coach Breitners körperlose Stimme sagt: „Fehlende Informationen müssen nicht belasten.“ Und das innere Kind in jedem schaut dem illustren Bühnentreiben breit grinsend zu.

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