Sanna Englund: „Ich bin eigentlich ein sehr schüchterner Mensch“
Die Schauspielerin Sanna Englund.
Wenn Schauspielerin Sanna Englund mal nicht für „Notruf Hafenkante“ dreht und mit ihren Hunden in Hamburg in Zivil unterwegs ist, wird sie inzwischen oft erkannt, auch von „echten“ Polizisten. Die grüßen dann schon mal aus dem Streifenwagen mit „Hallo Kollegin“.
Von Manfred Ertel
Sanna Englund: Mitgezählt habe ich nicht, aber ich weiß, dass ich gerade Text gelernt habe für Folge 347 und gestern für Folge 344. Welche aktuell gerade im Programm zu sehen ist, weiß ich tatsächlich nicht so genau. Das müsste eine sein, die ungefähr immer 20 bis 25 Folgen davor abgedreht wurde.
Das Urgestein sagt man immer zu uns.
Komischerweise überhaupt nicht, ich fühle mich sogar jünger als vor 13 Jahren, als wir angefangen haben. Wir sagen immer, „Notruf Hafenkante“ und unsere Arbeit sind wie ein Jungbrunnen, zumindest kopfmäßig.
Das ist Empfindungssache. Es gibt Schauspieler, die empfinden es als einschränkend, einengend. Was natürlich auch sein kann, weil man andere Projekte und Angebote schwer wahrnehmen kann. Für mich persönlich ist es ein ganz großes Geschenk, wie ein Sechser im Lotto. Man ist beschäftigt, man hat sein sicheres Einkommen. Für mich ist es schön, über so lange Zeit in einer so familiären Atmosphäre arbeiten und drehen zu dürfen. Die Routine empfinde ich nicht als Einschränkung, sondern als bewegend und inspirierend. Und wenn man dann auch noch von einem großen Publikum geschätzt wird, ist das toll.
Sicherlich, erst mal zeitlich. Wenn es mal eine größere Drehpause gibt, dann braucht man diese Pause bei dem Pensum, was wir haben, auch, um sich mal wieder selbst zu finden. Und rollentechnisch bin ich seit vielen Jahren die toughe Polizistin, und manch einer sieht mich deshalb vielleicht gerade weniger in zarteren romantischen Charakteren. Aber so ist es dann eben. Wenn die Zeiten mal vorbei sind, muss man sich sowieso neu ordnen und neu definieren.
Für mich ist alles gleich, ob Kino, Vorabend, Telenovela oder der große Spielfilm zur Hauptsendezeit. Ich spiele eine Rolle und bereite mich in jedem Format in gleicher Weise darauf vor und gebe das volle Herzblut hinein, hoffe ich jedenfalls. Ich bin sehr glücklich mit meiner Rolle, außerdem hat die sich über die Jahre auch entwickelt. Ich hatte immer wieder neue Herausforderungen, ich musste mich immer wieder neu finden.
Das war von Anfang an das Besondere an dieser Serienarbeit, dass wir mit den Dramaturgen und Autoren in ständigem Kontakt stehen. Wir treffen uns mindestens einmal im Jahr zum gemeinsamen Brainstorming und können jederzeit Ideen und Wünsche für die eigene Figur vorbringen. Und zum größten Teil wurden meine Wünsche auch aufgegriffen.
Ich hatte mir für die Melanie mal einen harten gesundheitlichen Einschnitt überlegt, dass es bei ihr einen Krebsverdacht gab, der sie bei der Arbeit beschäftigte. Oder auch das Thema, dass sich Melanie mal nicht in einen Mann verliebt, sondern in eine Frau. Das wurde dann leider nicht so lange und in so großen Bögen erzählt, wie ursprünglich geplant, das fand ich etwas schade, obwohl das Publikum damals unglaublich positiv und interessiert auf die Geschichte reagiert hat. Wir gehen trotz Vorabend schon viele gewagte Schritte.
Etwa 60 Prozent des Jahres, wir drehen im Jahr immer so ungefähr 20 bis 25 Folgen. Aber ich bin und bleibe immer Sanna Englund, die sich dann auf ihre Rolle vorbereitet.
Nein, ich habe das oft überlegt und werde auch immer wieder gefragt. Und muss immer wieder neu drüber nachdenken. Es fühlt sich eher an wie eine enge Freundschaft oder Schwester.
(lacht) Ich werde am Set oft Melanie gerufen, wenn sie da die Namen mal nicht auseinanderhalten können. Da reagiere ich schon drauf. Aber auf der Straße würde ich mich nicht umdrehen, nee.
Schwierige Frage. Wir erleben die 50-Prozent-Frauenquote jetzt zum Beispiel in unserer Regieabteilung und haben das Glück, dass wir mit unheimlich guten und motivierten jungen Frauen als Regisseurinnen arbeiten dürfen. Das finde ich ganz toll. Das wäre vielleicht ohne die Frauenquote nicht so gelaufen. Aber manchmal sind wir auch etwas eingeschränkt durch die Quote, weil die Frauen, die unsere Serien führen sollen, gerade nicht verfügbar sind oder andere Termine haben. Wenn man dann gezwungen ist, irgendwelche Kompromisse einzugehen und nicht einfach einen anderen Mann nehmen kann, der parat steht und mit dem wir gute Erfahrungen gemacht haben, dann finde ich so eine Pflichtquote vielleicht zu eng gedacht.
Ja, eindeutig. Ich habe einen unfassbaren Respekt vor der Arbeit von Polizisten. Ich merke oft schon beim Drehen, okay, ich habe jetzt Glück, dass es ein Drehbuch gibt und ich weiß, wie diese Situation ausgeht. Wenn ich mir dann vorstelle, wie ich als echte Polizistin in Situationen geraten kann, von denen ich nicht weiß, wie sie ausgehen könnten, empfinde ich auf jeden Fall schon eine gewisse Bewunderung für Menschen, die Polizeiarbeit machen.
(lacht) Ich habe mich gebessert und versuche schon, mich im Verkehr zu benehmen. Das wäre ja auch peinlich, wenn ich ständig auffallen würde. Aber natürlich passieren mir auch schon manchmal kleine Dinge, aber mehr aus Schusseligkeit.
Das habe ich tatsächlich noch nie in Erwägung gezogen. Dabei habe ich Hamburg schon immer geliebt. Ich habe mir auch aktiv gewünscht, in Hamburg zu drehen, bevor diese Serie überhaupt begonnen hat. Damals habe ich natürlich auch darüber nachgedacht, ob es nicht sinnvoll wäre, ganz hierher zu ziehen. Aber dann habe ich irgendwie gedacht, nee, das will ich nicht.
Ich fühlte mich damals in Berlin einfach ein bisschen näher dran an meiner Branche, meine Agenturen waren meistens in Berlin, sehr viele Kollegen und Freunde auch. Das hat sich in den letzten Jahren etwas geändert, und ich bin jetzt ja auch aufs Land gezogen. Wenn ich eine Familie gegründet hätte, so im klassischen Sinne, dann hätte ich mich wohl für Hamburg entscheiden können.
In Berlin war ich privater, ja, in Bayern ist es komplett das Gegenteil, da werde ich öfter erkannt und angesprochen als in Hamburg. Es ist erstaunlich, und ich hätte nicht gedacht, wie beliebt diese Serie in Bayern ist, ob jung oder alt, ob junge Mädchen zum Beispiel im Supermarkt oder ältere Herrschaften, alle sagen: Oh, ist die Serie schön, und dieses Hamburg, das sehen wir so gerne. Tja, wir sind sehr beliebt da unten.
Ja, das mache ich tatsächlich (lacht). Das passt eigentlich gar nicht zu einer Schauspielerin, dass ich gar nicht gern im Mittelpunkt stehe. Dass ich überhaupt nicht mein Privatleben öffne, sondern mich gerne einigele. Ich bin sehr glücklich, dass ich bisher so konstant und viel arbeiten durfte, ohne mich auf diesen Starrummel oder diese Öffentlichkeitsarbeit einlassen zu müssen.
Klar, wenn es sein muss, bin ich schon Profi und habe dann letztendlich auch Spaß dabei. Aber ich suche die Öffentlichkeit nicht so aktiv und ich bin froh, dass ich es nicht muss. Ich bin eigentlich ein sehr schüchterner Mensch, ich habe große Schwierigkeiten, mich selbst zu verkaufen (lacht). In meiner Rolle kann ich mich vor großem Publikum auswälzen, als Sanna Englund bin ich dann eher unsicher.
Bitte ergänzen Sie ...
Abschalten vom Dreh kann ich am besten ... in der Natur, ich brauche Bäume, Wald und Wiesen und Bewegung, dann bin ich glücklich.
Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist ... gegenüber von der Elbphilharmonie, das Brachland mit Blick auf Hamburg.
Wenn über „Bullen“ geschimpft wird, denke ich ... an männliche Kühe. (lacht)
Die Küche ist für mich ... mein Experimentierlabor, ich versuche da fein zu kochen.
Krimis finde ich ... spannende Pflichtlektüre.
Mein Lieblingsautor ... John Le Carré, immer „abgrundtief“ schlau und spannend.
Labskaus und Fischbrötchen ... esse ich sehr gern, typisch für Hamburg, beides ganz toll.
Zur Person
Sanna Englund wurde am 18. April 1975 in Heidelberg geboren. Schon während ihrer Schulzeit nahm sie Schauspiel- und Musikunterricht, während ihres Studiums arbeitete sie als Model, um das Geld für ihre Schauspielausbildung am Lee Strasberg Institute in New York zu verdienen. Ihr erster Film war 1998 „Angel Express“, im TV-Frauenknast bei RTL saß sie als dreifache Mörderin „Hinter Gittern“.
Seit 2007 ist sie das Gesicht der beliebten ZDF-Vorabendserie „Notruf Hafenkante“, in der sie als Polizeioberkommissarin Melanie Hansen nach dem Vorbild der Davidwache vom Hafen aus auf Streife fährt. Zusammen mit Rhea Harder-Vennewald ist sie seit der ersten Folge dabei. Während der Dreharbeiten lebt Englund mehr als die Hälfte des Jahres in ihrer kleinen Wohnung in Winterhude, zu Hause ist sie offiziell mit ihrem Mann Marco Fischer neuerdings im bayrischen „Fünf-Seen-Land“ in der Nähe von München.