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Küstenschutz

TAltländer sind erzürnt über das Land: Deicherhöhung startet erst 2027

Das Sielrohr liegt im Elbdeich: Doch die klimawandelbedingte Erhöhung in Hinterbrack wird erst 2027 starten.

Das Sielrohr liegt im Elbdeich: Doch die klimawandelbedingte Erhöhung in Hinterbrack wird erst 2027 starten. Foto: Vasel

Die Deicherhöhung im Alten Land muss erneut verschoben werden. Bürokraten und Naturschützer treten auf die Bremse. Das steckt dahinter.

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Von Björn Vasel
Samstag, 20.12.2025, 07:50 Uhr

Jork. Von dem neuen Deutschland-Tempo hat Oberdeichrichter Wilhelm Ulferts viel gehört. In Jork-Hinterbrack gilt hingegen die Meyer-Geschwindigkeit. Dabei hatte der niedersächsische Umweltminister Christian Meyer (Grüne) im Mai dieses Jahres im Stader Kreishaus bei der Zukunftswerkstatt Küstenschutz den Altländern und Kehdingern versprochen: „Wir müssen beim Deichbau schneller und pragmatischer werden. Wir haben eine Klimakrise.“

Die Bagger öffnen den Elbdeich in Hinterbrack für den Bau des Siels, der Abschnitt wird jetzt erst im Jahr 2027 auf einer Länge von 2000 Metern erhöht.

Die Bagger öffnen den Elbdeich in Hinterbrack für den Bau des Siels, der Abschnitt wird jetzt erst im Jahr 2027 auf einer Länge von 2000 Metern erhöht. Foto: Vasel

Ulferts hatte die Hoffnung, dass noch im Herbst der Planfeststellungsbeschluss für die geplante Erhöhung des Elbdeiches in Jork-Hinterbrack - zwischen Hahnöfersand Ost und Cranz - kommt. Pustekuchen. Die Altländer rechnen jetzt Anfang 2026 mit einem offiziellen Stempel der für die Planfeststellung beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) zuständigen Abteilung. Seit September 2018 läuft das Verfahren bereits.

Blick von der K39 auf die Deichbauarbeiten auf Höhe des neuen Siels in Hinterbrack im Sommer 2025.

Blick von der K39 auf die Deichbauarbeiten auf Höhe des neuen Siels in Hinterbrack im Sommer 2025. Foto: Vasel

Offenbar hatte sich erneut ein Umweltverband an das Ministerium gewandt. Es war der Nabu, heißt es hinter vorgehaltener Hand in Hannover. Die Folge: Weitere sechs Wochen geschah nichts. Das Kind ist ohnehin längst in den Brunnen gefallen.

„Wir werden auch im Jahr 2026 nicht mehr mit der Erhöhung des Deiches starten können“, sagte Ulferts dem TAGEBLATT auf Anfrage. Mittlerweile rechne der Deichverband der II. Meile mit Kosten von mindestens 5,5 Millionen Euro. Rund 4 Millionen kostete der Sielbau. Das Bauwerk sichert die Ent- und Bewässerung in dem 300 Hektar großen Gebiet an der Hinterbracker Wettern.

Deicherhöhung muss EU-weit ausgeschrieben werden

Die Altländer müssen die Baumaßnahme vor der Vergabe EU-weit ausschreiben. „Das kostet uns weitere sechs Monate“, sagt der Oberdeichrichter. Außerdem müssen Pläne mit dem Planfeststellungsbeschluss abgeglichen, Leistungsverzeichnisse erstellt und die Mittel beim Land Niedersachsen eingeworben werden. Das Zeitfenster vor dem Start der Sturmflutsaison im Oktober 2026 ist zu eng. Kurzum: Die Bagger können „frühestens“ im Frühjahr 2027 rollen.

Streit um Öko-Ausgleich verzögert alles

Der Streit um den Öko-Ausgleich streute Sand ins Getriebe. Bei der Kartierung in Borstel waren mesophile Gräser entdeckt worden. Diese wachsen auf extensiv genutztem Grünland. 15 Hektar hätten nach Auffassung des Ministeriums angekauft werden müssen - für zwei Kilometer Deich.

Der Deichverband der II. Meile Alten Landes weigerte sich, diese Flächen anzukaufen. „Wenn wir klein beigegeben hätten, würden wir die Deicherhöhung gefährden“, sagt Ulferts. So viele Flächen ständen als Öko-Kompensation für die Maßnahmen in Kehdingen und im Alten Land aktuell gar nicht zur Verfügung.

Die Krux: Die Gräser würden sich nach Fertigstellung der Deiche ohnehin wieder ausbreiten. So kam es zu einem freiwilligen Kompromiss: Binnendeichs wird das Öko-Gras ausgesät, außen die sturmfluterprobte Saatmischung für eine feste Grasnarbe. Teile des Deichs (4 Hektar) und Flächen im Wöhrdener Außendeich (7 Hektar) werden für den Ausgleich in Anspruch genommen. Hinzu komme die Kompensation für die Fauna-Flora-Habitat-Flächen vor dem heutigen Deichkörper an der Elbe.

Der Deichbau im Zuge der Klimaschutzanpassung im Landkreis Stade hat 2024 begonnen - wie hier bei Bützflethersand. 77 Kilometer Deich müssen erhöht, Sperrwerke ertüchtigt werden für knapp 600 Millionen Euro.

Der Deichbau im Zuge der Klimaschutzanpassung im Landkreis Stade hat 2024 begonnen - wie hier bei Bützflethersand. 77 Kilometer Deich müssen erhöht, Sperrwerke ertüchtigt werden für knapp 600 Millionen Euro. Foto: Vasel

Die Konvergenzmaßnahmen sind bereits auf rund 1,68 Hektar im Vorland im Bereich des Auwaldes zwischen dem Fährhaus Kirschenland in Wisch und der Deichschäferei in Jork-Borstel umgesetzt worden - mit Weiden und Lagunen. Das alles musste vor der Deicherhöhung abgeschlossen sein.

Doch wie geht es weiter? Wenn die Altländer loslegen dürfen, wird im Frühjahr 2027 der Deich vor der Landesgrenze ausgekehlt. Es handelt sich laut Ulferts um einen Vollkerndeich - komplett aus Klei. Der erhöhte Deich bekommt - so ist es seit den Sturmfluten von 1962/1976 üblich - einen Sandkern. Dieser wird von einer dicken Kleischicht mit einer festen Grasnarbe ummantelt. 2027, 2028 und 2029 wird der neue Klimaschutzdeich in Jork-Hinterbrack modelliert. Regnerische Sommer könnten für Verzögerungen sorgen.

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Demos will der Verband verhindern. 70.000 Fahrzeuge sind wöchentlich auf der K39 unterwegs, morgens staut sich der Verkehr bis Hahnöfersand Ost zurück. Deshalb will Ulferts den Kleiboden vom Lagerplatz in Neuenschleuse über den Treibselräumweg und Hahnöfersand - direkt am Ufer - bis zur Baustelle fahren. Der Verkehr auf der K39 könnte rollen, die Anlieger würden nicht belastet.

Aktuell werde die Statik des Hafens mit N-Ports geprüft. Die Idee lautet: Weiteren Klei und Sand über den Wasserweg anliefern und im Yachthafen Neuenschleuse anlanden. Alternativ könnten Dalben bei Hinterbrack in die Elbe gesetzt werden - mit einem Ponton für den Umschlag. Sollte das nicht klappen, müssten Lkw rollen.

Oberdeichrichter hofft auf mehr Tempo

Ulferts hofft, dass die Küstenschützer auf den Entwurf des Infrastrukturbeschleunigungsgesetzes der schwarz-roten Koalition - gilt für Autobahn und Schiene - aufspringen können. Er hoffe auf ein unbürokratisches Gesetz, bei dem Deichbau immer Vorrang hat: „Wir brauchen echte Zeitgewinne.“ Pikant: In Hamburg gibt es keine Öko-Ausgleich-Bremse wegen Deichgräsern.

Jorks Bürgermeister Matthias Riel bei der Küstenschutzkonferenz 2025 im Gespräch mit Umweltminister Christian Meyer (von links).

Jorks Bürgermeister Matthias Riel bei der Küstenschutzkonferenz 2025 im Gespräch mit Umweltminister Christian Meyer (von links). Foto: Vasel

Auch Jorks Bürgermeister Matthias Riel (parteilos) ist verärgert: „Es ist ein Unding, dass die Planfeststellung so lange dauert.“ Naturschutz sei wichtig. Doch in diesem Fall handele es sich um ein technisches Bauwerk zum Schutz der Menschen: „Das muss Vorrang haben.“

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