Bis April 2023 tourt Nicole Jäger als Stand-up-Comedian mit „Prinzessin Arschloch“ durchs Land. Foto: Jäger
Die Hamburgerin wog einst 340 Kilo. Heute tourt sie – 190 Kilo leichter – als Stand-up-Comedian mit ihrem Programm „Prinzessin Arschloch“ durchs Land.
Wo Jäger auf der Bühne ist, paart sich Witz mit Hintersinn. Die 39-Jährige ist auch ansonsten umtriebig, wenn sie sich mal nicht in ihrem Haus in Hamburg-Winterhude erholt und beim Hobby Malen abschaltet. Sie sprach mit unserem Mitarbeiter Martin Sonnleitner vor allem über ihre beiden Bestseller „Die Fettlöserin“ zum Thema Übergewicht und „Unkaputtbar“, wo sie ihre Probleme in einer toxischen Beziehung beschreibt.
TAGEBLATT: Sie haben ein Buch über Ihr Dicksein, „Die Fettlöserin“, geschrieben. Was setzen Sie der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Übergewichtigen entgegen?
Nicole Jäger: Vor allem Sichtbarkeit. Es gibt wahnsinnig viele Vorurteile gegenüber übergewichtigen Menschen. Die wenigsten stimmen aber. Die Stigmatisierung, der übergewichtige Mensch sei fett, faul und kümmere sich um nichts, ist Quatsch. Ich versuche, sehr aktiv gegen dieses Bild anzuarbeiten. Nämlich, wenn du nicht der Norm entsprichst, hast du nicht das Recht auf Erfolg. Es geht im Kern um Body-Positivity und vor allem Selbstwert. Deswegen gehe ich auf die Bühne, schreibe Bücher und thematisiere es.
Sie beschreiben in dem Buch auch den Zusammenhang zwischen Körperlichkeit und Gefühlen. Was spiegeln Übergewichtige hier wider?
Jäger: Menschen gehen unterschiedlich mit emotionaler Disbalance um. Die einen nehmen Drogen, die anderen saufen oder vögeln die ganze Zeit. Übergewichtige essen. Es ist ein Kompensationsverhalten, weil etwas emotional nicht stimmt. Das Problem bei Übergewicht ist, dass es sichtbar ist, dass etwas nicht mit dir in Ordnung ist. Das löst bei anderen Personen negative Emotionen aus.
Was gab damals mit Mitte 20 den entscheidenden Ausschlag, sich gegen eine magenverkleinernde Operation zu entscheiden?
Jäger: Essstörung ist ja das, was hinter dieser Sucht steht. Danach findet deshalb häufig eine Suchtverschiebung statt. Ich habe einen Beitrag gesehen, in dem ein relativ blasierter Adipositas-Chirurg sagte, weniger als zwei Prozent aller Menschen mit einem BMI von über 45, meiner war damals bei 111, schaffen es aus eigener Kraft abzunehmen. Das klingt sehr dramatisch, ist aber angesichts der Masse an Übergewichtigen immer noch eine hohe Zahl. Ich habe gedacht: Ich will auch einer davon sein. Ich glaube nicht daran, dass Schlanksein die Heilmethode für Übergewichtige ist, es ist höchstens das Resultat. Also habe ich mich entschlossen, meinen Magen Magen sein zu lassen und an allem anderen zu arbeiten.
Sie haben damals Ihr Gewicht von 340 auf 170 Kilogramm reduziert. Wie geht das?
Jäger: Es gibt kein Geheimrezept für das Abnehmen. Ich verstehe natürlich, dass Schokolade mehr Kalorien hat als ein Apfel. Ich halte mich aber nicht daran. Ich bin stattdessen der Frage nachgegangen, wofür in meinem Leben das Essen steht, auch das ungesunde Verhalten. Was ist also auf meiner emotionalen Schotterpiste los?
Im Kern Ihrer Lebenstipps, gerade für übergewichtige Frauen, geht es um Selbstakzeptanz und Selbstliebe. Wie entsteht dies?
Jäger: Selbstwert ist der Schlüssel zu fast allem. Ich habe in meinem Fall damit angefangen, zu schauen: Würde ich mich auch scheiße fühlen, wenn ich nicht den ganzen Tag damit konfrontiert sein würde, dass jemand eine Meinung zu meiner Erscheinung hat. Die Antwort lautete: Körperlich geht es mir zwar nicht gut, ich muss also abnehmen. Psychisch wäre aber alles okay, man müsste also den Druck von außen wegnehmen. Ich will nicht weiterhin Idealen hinterherlaufen, die ich niemals erreichen werde.
Sie sind trotz Übergewichts eine sportliche Person. Wie bringen Sie dies zusammen?
Jäger: Ich bin halt ein „dickes Mädchen“. Es ist aber ein bisschen ein Mythos, dass übergewichtige Menschen sich wenig bewegen. Ich stehe auf Tour abends zwei Stunden auf der Bühne. Nebenbei habe ich noch zwei, drei Dreharbeiten und wechsle innerhalb kürzester Zeit sechsmal die Stadt. Das kriegst du nie hin, wenn du sportlich nicht einigermaßen aktiv bist. Ich mache Kraftsport und schwimme. Ich fühle mich danach emotional besser, mache es weniger, um abzunehmen. Stillstand ist der Tod, auch im Kopf.
Wie schwierig ist es, mit Übergewicht externe Hilfe zu finden?
Jäger: Es fehlt auch bei Medizinern oft an Aufklärung, sie haben viele Vorurteile. Meistens kommen sie mit Diäten an, haben aber keine Ahnung von Ernährung. Als ich „Die Fettlöserin“ geschrieben habe, kamen dann viele positive Zuschriften von Ärzten, die ihre Haltung hin zu mehr Menschlichkeit und Empathie verändern wollten. Abnehmen ist nun einmal nicht leicht.
In Ihrem neuesten Buch von 2021 „Unkaputtbar“ geht es um eine toxische Beziehung, die Ihr Leib und Leben bedroht hat. Was macht es den meisten Frauen so schwer, aus dieser emotionalen Hölle rauszufinden?
Jäger: Scham, Schuld und wahnsinnig viel Angst. Das ist eine richtig miese Kombination. Es passiert nicht plötzlich, sondern baut sich über eine lange Zeit auf. Häufig sind es Frauen, die sich aus Angst vor – oft berechtigten – Konsequenzen nicht trauen zu reden. Du bist in einer ständigen Bedrohungslage.
Gibt es das typische Opfer häuslicher Gewalt?
Jäger: Nein. Man selber glaubt erst mal nicht, dass es einem selber passieren könnte. Dazu gehört, zu wissen, dass es diese Form von Gewalt überhaupt gibt. Häusliche Gewalt macht vor keinem sozialen oder beruflichen Stand halt. Das klassische Opfer, eine verhuschte Frau eines Ex-Knackis, in schlechten Serien beschrieben, gibt es nicht.
Oft beginnt die Hölle ja erst nach der Trennung. Können Sie Ihre Erlebnisse schildern?
Jäger: Abgesehen davon, dass er nach meiner angekündigten Trennung versucht hat, mich zu erwürgen, war das Schweben in einer dauerhaften Bedrohungslage drastisch. Ich habe mein Haus mit Schlössern sichern lassen. Er war ständig da, stand die ganze Zeit am Haus oder hat versucht anzurufen.
Sie schildern, das größte Problem sei der psychische Aspekt. Was sind da Ihre schlimmsten Erfahrungen?
Jäger: Ich habe mit vielen Opfern zu diesem Thema gesprochen, und alle sagen das gleiche: Körperliche Gewalt ist schlimm. Aber die psychische Gewalt ist das, was kaputtmacht. Es ist die Zermürbung, die dich in einem Komplex aus Schuld und Wiedergutmachung einsperrt. Nichts reicht, nichts ist genug, nichts okay. Man ist in einem permanenten emotionalen Ausnahmezustand, weil der Partner Krieg gegen dich führt. Die erste Stufe ist immer das Lovebombing, du kriegst extrem viel Emotionen, über Nacht schraubt dein Partner diese dann auf null.
Was möchten Sie hiervon mit anderen Frauen teilen, um Wege da raus zu finden?
Jäger: Der Inbegriff von Opfersein ist Schuldlosigkeit. Es gibt keinen Grund, dass dir das angetan wird, es liegt am Täter. Der Weg heraus führt über Kommunikation. Man braucht Mitwisser, sollte es so vielen Menschen wie möglich erzählen, der Familie, dem Postboten. Dann kann der Täter weniger im Schatten agieren. Alles, was nach solch einer Beziehung kommt, ist besser.
Hilft es Ihnen, Dinge zu verarbeiten, indem Sie sie auf die Bühne bringen?
Jäger: Kunst ist meine Antwort auf alles. Ich habe in meinem Haus ein Atelier und male in meiner Freizeit. Ansonsten verarbeite ich alles Negative, was ich erlebe, mit Humor.
Seit 2021 machen Sie mit Ihrer Freundin Philina Herrmann den Podcast „Ponyhof&Mittelfinger“. Um welche Themen geht es dabei?
Jäger: Es geht um zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und wie sie die Welt erleben. Wie ist es mit Dating im 21. Jahrhundert? Da ist alles dabei, von Slipeinlagen bis zur Zombi-Apokalypse. Wie ist es, als übergewichtige Frau zu daten? Kinder oder nicht, heiraten, ja, nein? Es gibt kein Thema, das uns nicht interessiert, außer Fußball.
Bitte ergänzen Sie...
Hamburg ist für mich … Heimat.
Mein Lieblingsort in der Elbmetropole ist … der Hafen.
In meinem nächsten Buch geht es … ich denke schon fleißig drüber nach.
Meinen 40. Geburtstag feiere ich … exzessiv.
Mein Lieblingsessen ist … frisch gebackenes Brot mit gesalzener Butter.
Schönheitsideale sind … vollkommen überbewertet.
Zur Person
Nicole Jäger, 39 Jahre, erreichte in jungen Jahren ein Höchstgewicht von 340 Kilogramm. Ende 2015 veröffentlichte der Rowohlt-Verlag ihr erstes Buch „Die Fettlöserin“, in dem sie ihre Lebensgeschichte sowie ihre Methodik beim Abnehmen beschreibt. Das Buch verkaufte sich über 100.000 Mal. Heute wiegt Jäger knapp über 150 Kilogramm.
Ab 2016 war sie mit ihrem ersten Bühnenprogramm „Ich darf das, ich bin selber dick“ unterwegs. Seitdem ist Jäger mit diversen Comedy-Shows auf Bühnen und im TV präsent und gewann mehrere Preise. In ihrem dritten Buch „Unkaputtbar“ von 2021 machte sie öffentlich, dass sie über fünf Jahre in einer toxischen Beziehung unter häuslicher Gewalt litt. Privat liebt Jäger ihre Heimat Hamburg, ihre Katze und Gin Tonic.