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Reportage

TGroßrazzia: Zoll durchsucht mehrere Bars in Bremerhaven

Zöllner kontrollieren unangekündigt Bars in Bremerhaven-Lehe.

Zöllner kontrollieren unangekündigt Bars in Bremerhaven-Lehe. Foto: Masorat

Großrazzia von Zoll, Polizei und Ordnungsamt. Die Kontrolleure hören skurrile Ausreden, finden unzulässige Überwachungskameras und illegale Spielautomaten.

Von Maike Wessolowski Samstag, 24.01.2026, 07:50 Uhr

Bremerhaven. Razzia in der Rickmersstraße: Ein Reporterteam hat den Zoll bei dem Einsatz am vergangenen Samstag begleitet und schildert, wie so ein Einsatz abläuft.

40 Männer und Frauen vom Zoll nehmen in Bremerhaven zusammen mit anderen Behörden eine unangekündigte Großkontrolle verschiedener Bars vor. Ein Schwerpunkt des Zolls soll die Suche nach unversteuertem Tabak für Wasserpfeifen sein. Obwohl die Einsätze präzise geplant werden – was gefunden wird, bleibt eine Überraschung.

Der Handel mit Wasserpfeifentabak birgt Fallstricke. Der Zoll gibt deshalb Merkblätter heraus. Wenn die Inhaber einer Bar ihn mit Glycerin oder Molasse befeuchten, mischen, aromatisieren oder pressen, entsteht ein neues Produkt, das unversteuert ist. Kontrolliert wird auch, ob Schwarzarbeit vorliegt und ob der Mindestlohn gezahlt wird. Da Bremerhaven durch den Überseehafen im grenznahen Bereich liegt, besitzt der Zoll erweiterte Kontrollbefugnisse, um Schmuggel zu bekämpfen.

Polizei unterstützt den Zoll im Einsatz

Vorbesprechung in der Zolldienststelle: Welche Lokale durchsucht werden sollen, wie diese aufgebaut sind, womit die Zöllner rechnen müssen – das wird erläutert. Auch wer welche Aufgabe hat und wer sich wo platziert: „Im Krimi funktioniert der Plot nicht, wenn kein Verdächtiger durch die Hintertür abhauen kann; wir versuchen, das zu vermeiden“, sagt Zoll-Sprecher Volker von Maurich.

Da auch Kräfte des Ordnungsamts und des Finanzamtes dabei sind, können die Mitarbeiter wertvolle Informationen beisteuern. Die Polizei wird den Einsatz schützen, aber bei polizeirelevanten Delikten eingreifen. Auch wie man zum Einsatzort fährt, wird besprochen – mit Blaulicht, aber ohne Martinshorn. Von verschiedenen Seiten nähern sich die Mannschaftswagen dem Areal in der Rickmersstraße, steuern jeweils ein Lokal an. Tür auf, raus, jeder auf seinen Posten – der Überraschungseffekt ist wichtig. „Zollkontrolle, wer ist der Inhaber?“

Kein Betreiber vor Ort, der Notausgang verschlossen

Während ein Mann mit Dolmetscher erklärt, dass er nur auf „den Laden aufpasst“ und telefonieren muss, spielen drei Männer in der Ecke ungerührt Backgammon und trinken Tee. Ein junger Mann sitzt in der hinteren Ecke am Spielautomaten, ein Pärchen will gehen. „Haben Sie bezahlt?“, fragt der Zöllner, der den Eingang kontrolliert. Erst dann dürfen die jungen Leute das Lokal verlassen. Rein darf erst einmal niemand.

Eine eigenartige Ruhe liegt über dem Lokal, mit rauchgeschwängerter Luft und vergitterten Fenstern. Die Zöllner lassen sich Zeit: Sie leuchten mit Taschenlampen in jede Ecke, heben Stühle an, sichten Quittungen, überprüfen Ausweise, kontrollieren Türen. Zwei sind verschlossen, einer davon ist der Notausgang.

Schlüssel dafür sind ebenso wenig aufzutreiben wie der Besitzer. Sollte der nicht auftauchen und den Notausgang öffnen, wird das Ordnungsamt den Laden dichtmachen.

Kontrollieren, warten, beobachten, warten. Plötzlich ruft der Teamleiter die Kollegen aus dem hinteren Teil des Raums zum Eingang: Beim jungen Mann vom Spielautomaten, der nun mitten im Raum steht und auf die Rückgabe seines Ausweises wartet, gab es einen Treffer. Er wird von Behörden gesucht, weil er unbekannt verzogen ist. Die Beamten können seinen aktuellen Wohnort ermitteln und eintragen. Allerdings steht im System ein Hinweis – er könnte bewaffnet sein.

Bar mit besonderen Dienstleistungen durchsucht

Selbstschutz geht vor: Der Teamleiter informiert sein Team unauffällig und ruhig. Zwei Beamte separieren den Mann und durchsuchen ihn – alles passiert so unaufgeregt, dass nicht mal alle Gäste es mitbekommen. Parallel schließen Mitarbeiter des Finanzamtes einen Computer an die Automaten an und lesen Daten aus. So kann festgestellt werden, ob der Automat manipuliert wurde.

Je nach Posten heißt es für die Zöllner: weiter suchen oder warten. Endlich kommt ein Verwandter der angeblichen Betreiberin mit Unterlagen, die zunächst wenig aufschlussreich sind.

Szenenwechsel: Ein weiteres Team nimmt sich eine Bar mit besonderen Dienstleistungen vor – eine leicht bekleidete Prostituierte bleibt ungerührt in ihrem Koberfenster sitzen – auch wenn angesichts des Aufgebots von Zoll und Polizei vor der Tür wohl kein Kunde mehr kommt. Der Zoll kontrolliert die Mitarbeiter und das extrem verwinkelte Haus. Immer mehr Zimmer schließen sich an, allesamt vermüllt und zugestellt, das Licht funktioniert nicht. Schilder weisen auf Kondompflicht hin.

Mit Taschenlampen sind die Zöllner unterwegs und holen einen Rauschgiftspürhund hinzu. Zweimal schlägt die Hündin an – auf einem Tisch, auf dem vermutlich mal eine Line gezogen, also gekokst wurde. Außerdem an einem Trockner.

Unerlaubte Überwachungskameras werden stillgelegt

Dass in diesem Etablissement Drogen konsumiert werden, liegt nahe, doch dieses Mal finden die Fahnder nur Spuren. Zudem einen Verstoß gegen das Waffengesetz – ein unerlaubtes Pfefferspray. Währenddessen entdeckt eine Mitarbeiterin des Ordnungsamts in einem Obergeschoss gegenüber einen großen Fernseher, der Bilder von Überwachungskameras zeigt. Diese zeigen auf die Straße – das ist nicht erlaubt. Sie werden stillgelegt.

Szenenwechsel. In der vergitterten Raucher-Bar lässt der Verwandte der Inhaberin von einem herbeizitierten Mann aus der Nachbarschaft die verschlossenen Türen aufhebeln. Der große Tabak-Fund bleibt aus. Aber der Notausgang ist nun offen.

Später kommt endlich der Angestellte, der den Abend zu Hause verbracht hat. „Ich hab ja ihm gesagt, er soll aufpassen“, erklärt er seine Abwesenheit. „Haben Sie das schon mal im Supermarkt erlebt, dass die Kassiererin irgendwem den Schlüssel gibt und sagt, sie bleibt heute mal zu Hause?“, fragt der Zollbeamte. Der Mann schweigt.

Mehr als sechs Lokale werden durchsucht. Dort, wo die Zöllner fündig werden, folgt Papierkram. Es werden Drucker angeschlossen und Protokolle unterzeichnet. Wie bei den über 15 illegalen Potenzmitteln in Form von Honig oder Gel – Verstöße gegen das Arzneimittelrecht. Sowie sieben Kilo unversteuerter Kaffee, eine kleine Menge unversteuerte Vapes und drei Treffer bei Personen, deren Wohnort ermittelt werden konnte.

Betäubungsmittel und Einhandmesser gefunden

Die Polizei hat Autofahrer kontrolliert und ein Einhandmesser sowie kleinere Mengen an Betäubungsmitteln gefunden.

Das Ordnungsamt hat eine Liste von 41 Beanstandungen und lässt am Abend in Zusammenarbeit mit der Polizei sieben Spielautomaten abtransportieren. Einige wurden ohne Lizenz betrieben, bei anderen besteht der Verdacht auf Manipulation. Die Polizei leitet mehrere Strafverfahren wegen Beteiligung an illegalem Glücksspiel ein.

Dazu kommen Verstöße gegen das Gewerberecht oder Spielautomaten ohne Aufsicht. Und Dinge, die Gästen oder Mitarbeitern schaden können, zum Beispiel im Brandfall: fehlende geprüfte Feuerlöscher oder versperrte Notausgänge. Der Großbrand in einer Schweizer Bar zeigt, wie wichtig dies werden kann.

Mit dem Ende des Einsatzes gegen 22.30 Uhr ist nicht alles vorbei: Die Zoll-Teams treffen sich zur Abschlussbesprechung: Was lief gut, was könnte besser laufen? „Auch wenn es keine spektakulären Funde gibt, gewinnen wir beim Einsatz wichtige Erkenntnisse über die Örtlichkeiten und die handelnden Personen“, erklärt von Maurich.

In der Nachbearbeitung wird die Finanzkontrolle Schwarzarbeit die vor Ort erhobenen Daten der Arbeitnehmer mit der Lohn- und Finanzbuchhaltung der Unternehmen abgeglichen. Es gibt den Verdacht, dass einige unberechtigt Arbeitslosengeld beziehen. Zudem gibt es Hinweise auf nicht oder nicht ausreichend geleistete Sozialabgaben.

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