Zähl Pixel
Wettbewerb

Überraschende Jury-Entscheidungen beim Filmfestival Locarno

Zum Finale des 79. Internationalen Filmfestivals Locarno hat der Spielfilm „Nu e locul tau aici“ („Du gehörst nicht hierher“) von Regisseur Florin Serban (rechts) den Goldenen Leoparden gewonnen. Der rumänische Schauspieler Teodor Butanescu (l) erhielt zudem dafür eine „Special Mention“.

Zum Finale des 79. Internationalen Filmfestivals Locarno hat der Spielfilm „Nu e locul tau aici“ („Du gehörst nicht hierher“) von Regisseur Florin Serban (rechts) den Goldenen Leoparden gewonnen. Der rumänische Schauspieler Teodor Butanescu (l) erhielt zudem dafür eine „Special Mention“. Foto: Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa

Zum Ende des 79. Filmfestivals Locarno verblüffen einige Preisentscheidungen der Wettbewerbsjury. Nach Deutschland gingen eine wichtige Auszeichnung im Hauptwettbewerb und mehrere Nebenpreise.

Von Peter Claus, dpa 16.08.2026, 04:15 Uhr
3 Monate Premium-Zugriff auf tageblatt.de für nur 0,99 €! Jetzt sichern!

Locarno. Zum Finale des 79. Internationalen Filmfestivals Locarno hat der Spielfilm „Nu e locul tau aici“ („Du gehörst nicht hierher“) aus Rumänien den Hauptpreis, den Goldenen Leopard, gewonnen. Der Drehbuchautor und Regisseur Florin Șerban erzählt die gewaltgetränkte Geschichte der gestörten Beziehung eines alleinerziehenden Vaters und seines jugendlichen Sohnes.

Wie eine Vielzahl der Beiträge des internationalen Wettbewerbs entwirft der energiegeladene Film das Bild einer mehr und mehr von Hass, Unsicherheiten und Intoleranz geprägten bürgerlichen Welt. Trotzdem ist die Auszeichnung dieses düsteren Sozialpanoramas mit der höchsten Ehrung des Festivals verblüffend. Denn es gab andere Filme in der Konkurrenz, die formal überraschender sind und sehr viel eindringlichere Gesellschaftsbilder zeichnen.

Dazu gehören die vielfach als Favoriten gehandelten Filme „Objet a“ aus Deutschland und die deutsch-ukrainische Gemeinschaftsproduktion „I Rarely Wake Up Dreaming“ („Ich wache selten träumend auf“). Beide gingen bei der Preisvergabe durch die Jury des Hauptwettbewerbs leer aus.

Ausgezeichnet wurde der Film „I Rarely Wake Up Dreaming“ von der deutschen Regisseurin Isabelle Stever und Drehbuchautorin Anna Melikova.

Ausgezeichnet wurde der Film „I Rarely Wake Up Dreaming“ von der deutschen Regisseurin Isabelle Stever und Drehbuchautorin Anna Melikova. Foto: Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa

Immerhin wurde „I Rarely Wake Up Dreaming“ der deutschen Filmregisseurin Isabelle Stever und der Drehbuchautorin Anna Melikova von einer unabhängigen Jugend-Jury mit der ein besonderes Umweltbewusstsein würdigenden Auszeichnung „L’ambiente è qualità di vida“ („Die Umwelt ist Lebensqualität“) bedacht.

Einen großen Erfolg errangen deutsche Co-Produzenten mit dem Spezialpreis der Jury des internationalen Wettbewerbs: Diese zweitwichtigste Ehrung des Festivals ging an die brasilianisch-deutsche Gemeinschaftsproduktion „A Margem do Rio“ („Das Flussufer“). 

Das brasilianische Regie-Duo Matheus Farias (links) und Enock Carvalho erhielt den Sonderpreis der Jury in der Kategorie „Concorso Internazionale“.

Das brasilianische Regie-Duo Matheus Farias (links) und Enock Carvalho erhielt den Sonderpreis der Jury in der Kategorie „Concorso Internazionale“. Foto: Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa

Das brasilianische Regie-Duo Matheus Farias und Enock Carvalho erzählt von einer schwulen Liebe, die von reaktionären Gewalttätern bedroht wird. Der Film hat teilweise überhöhte poetische Momente, setzt insgesamt jedoch auf eine konventionelle Erzählweise. 

„Der deutsche Film war in diesem Jahr geradezu prägend für das Festivalprogramm von Locarno“, sagte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer laut Mitteilung. „Deutschlands Filmkünstlerinnen und -künstler haben beeindruckende Erfolge erzielt mit Geschichten, die weltweit ein Publikum finden sowie mit einer außergewöhnlichen Vielfalt an Perspektiven und filmischen Erzählformen. Damit haben sie der kreativen Kraft und internationalen Ausstrahlung des deutschen Films alle Ehre gemacht. Dafür danke ich allen Filmteams sehr.“

Regisseur Hong Sang-soo sammelt Preise

Als bester Regisseur wurde der Südkoreaner Hong Sang-soo ausgezeichnet. In „Nun Dul Dega Eomne“ („Nirgends, da ich meinen Blick ruhen lassen kann“) beleuchtet er zum wiederholten Mal in einem Spielfilm Verständigungsprobleme innerhalb einer Familie. Wie stets erzählt er leise und verhalten. Das ist reizvoll, jedoch nicht innovativ. Auf einem Festival, das sich erklärtermaßen der Förderung eines jungen, frischen Kinos verschrieben hat, mutet die Ehrung nahezu paradox an. 

Allerdings gilt Hong Sang-soo weithin als Festivalliebling, den man gern mit einer Auszeichnung schmückt. Er bekam in zurückliegenden Jahren bereits zahlreiche Preise in Berlin, Cannes und auf anderen Festivals, auch schon in Locarno. 

Der südkoreanische Filmregisseur Hong Sang-soo wurde für die beste Regie ausgezeichnet.

Der südkoreanische Filmregisseur Hong Sang-soo wurde für die beste Regie ausgezeichnet. Foto: Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa

Besonders unsicher waren die Jurorinnen und Juroren offenkundig in der Beurteilung schauspielerischer Leistungen. Zwei genderneutrale Preise wurden für beste Darstellungen vergeben. Sie gingen an die Südkoreanerin Kim Min-hee für die Interpretation der Hauptrolle in „Nun Dul Dega Eomne“ und an die Italienerin Monica Belluci für ihre Verkörperung einer Mutter im italienischen Jugenddrama „Ketticè“ („Chaos“). 

Dazu gab es auch noch lobende Erwähnungen für Teodor Butănescu, den rumänischen Darsteller des Jungen im Siegerfilm „Nu e locul tau aici“ und für den Kandier Xavier Bergeron, der im Thriller „Violence du corps de l’autre“ („Gewalt gegen den Körper des anderen“) einfühlsam einen Todkranken porträtiert.

Erstmals wurde ein Kinderfilm ausgezeichnet

Erstmals in der Geschichte des Festivals hat eine Jugendjury in der dem Kinderfilm gewidmeten Sektion „Locarno Kids“ einen Preis vergeben. 13 Kinder im Alter von 11 bis 15 Jahren haben ihren Lieblingsfilm von sieben vorgestellten ausgezeichnet. Die Wahl fiel auf „Paradeisa“, den ersten abendfüllenden Spielfilm der deutschen Drehbuchautorin und Regisseurin Marleen Valien. 

Drehbuchautorin und Regisseurin Marleen Valien wurde für einen Kinderfilm ausgezeichnet.

Drehbuchautorin und Regisseurin Marleen Valien wurde für einen Kinderfilm ausgezeichnet. Foto: Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa

Sie erzählt von einer Zwölfjährigen, die auf ungewöhnlichen Wegen versucht, so etwas wie Familienglück zu erzwingen. Die pointierte Tragikomödie gehörte auch für viele erwachsene Filmfans zu den schönsten Entdeckungen des Festivals.

In der dem Nachwuchs vorbehaltenen Sektion „Cineasti del Presente“ („Filmemacher der Gegenwart“) vergab die dafür zuständige Hauptjury keinen Preis Richtung Deutschland. Eine unabhängige Jugendjury aber verlieh ihren Preis für den besten Film an „Tear Gas“ („Tränengas“), einen von Produzenten in Georgien, Frankreich und Deutschland realisierten Spielfilm des georgischen Regisseurs Uta Beria. Das inmitten von realen Demonstrationen gegen die pro-russische Regierung in Tiflis gedrehte Polit-Drama verfolgt eindrucksvoll die Geschichte einer Jugendlichen im Kampf um den Erhalt ihrer Familie.

Die Gewinnerinnen und Gewinner der Preise wurden am Samstagabend in einer Gala dem Publikum vorgestellt. Im internationalen Wettbewerb liefen 17 Filme aus aller Welt. Insgesamt wurden an den elf Festivaltagen 233 Kurz-, Experimental-, Dokumentar- und Spielfilme in verschiedenen Wettbewerben, Sektionen und Reihen gezeigt.

Weitere Themen

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel

Ronaldo und Georgina heirateten im Wohnzimmer

Die Kinder standen im Mittelpunkt, Schaulustige warteten andernorts vergeblich: Ronaldo und Georgina Rodríguez verraten, warum sie ihre Hochzeit geheim hielten – und welche Zukunftspläne sie haben.