Zähl Pixel
Vor 50 Jahren

TSturm, Wasser, Ausnahmezustand: Der Kampf gegen die Nordseefluten

Während der großen Sturmfluten im Januar 1976: Blick vom Deich auf das Dorumer Tief und den Kutterhafen von Dorum-Neufeld.

Während der großen Sturmfluten im Januar 1976: Blick vom Deich auf das Dorumer Tief und den Kutterhafen von Dorum-Neufeld. Foto: Nordsee-Zeitung Archiv

Im Januar 1976 erleben weite Teile der Nordseeküste die zweite schwere Sturmflut in nur drei Wochen, die beinahe wieder eine Jahrhundertkatastrophe auslöste – doch Deichbrüche bleiben aus.

Von Heike Leuschner Sonntag, 25.01.2026, 14:50 Uhr

Spieka-Neufeld. Es war in der Nacht vom 20. zum 21. Januar 1976. Eine schwere Sturmflut wird für die Nordseeküste vorhergesagt. Es ist die zweite innerhalb eines Monats. Die Wetterexperten prognostizierten eine noch schwerere Flut als am 3. Januar. Es sollte nicht ganz so schlimm kommen.

9,70 m über Pegel-Null wurden in Cuxhaven gemessen. Damit fiel die neuerliche Sturmflut nur wenig niedriger aus als die „Jahrhundertsturmflut“ knapp drei Wochen zuvor, die es auf 10,12 über Normalnull brachte - zwölf Zentimeter mehr als die verheerende Sturmflut von 1962.

Augenzeuge: Dach wurde vom Stall geweht

Berend Thalmann war gerade 19 und erlebte vor 50 Jahren sowohl die Sturmflut am 3. als auch am 20./21. Januar hautnah mit. Der junge Landwirt lebte und arbeitete 1976 auf dem Bauernhof seiner Vorfahren hinter dem Hauptdeich in Spieka-Neufeld.

Seine Erinnerungen an die zweite Sturmflut 1976 sind weitgehend verblasst. „Dass es heftig werden würde, war wohl bekannt, aber darum hab ich mich mit 19 noch nicht so gekümmert.“

Die Flut vom 3. Januar 1976 ist ihm stärker im Gedächtnis geblieben. „Es war 12 Uhr mittags, high noon sozusagen“, sagt Thalmann mit Blick auf die verheerende Flut. Am Morgen desselben Tages hatten er und seine Familie Handwerker gerufen, weil der Sturm der zurückliegenden Nacht fünf Meter Dachfläche vom Stall geweht hatte.

Keine Zeit für Reparaturen - Dach mit Balken gesichert

„Die Kühe konnten anschließend in den Himmel gucken“, erinnert sich der heute 69-Jährige. „Für Reparaturarbeiten hätte die Zeit bis zur Sturmflut am Mittag nicht gereicht. Aber die Firma konnte den Rest des Daches mit großem Balken sichern, damit nicht noch mehr wegweht. Als das Wasser über den Deich kam, standen wir in der Ecke im Windschutz.“

Der Seedeich bei Spieka-Neufeld war damals noch rund zwei Meter niedriger als heute. „Hier hatte es noch keine Deicherhöhung nach 1962 gegeben“, sagt Thalmann, „die kam erst Anfang der 1980er Jahre vor unserem Hof.“

Lehrerin dokumentierte die verheerende Flut

Eine Lehrerin aus dem Dorf hielt die erste Sturmflut von 1976 gemeinsam mit einem zweiten Hobbyfilmer in Spieka-Neufeld fest. Thalmann holt eine DVD mit dem historischen Filmmaterial aus der Schublade. Es zeigt präzise, wie sich die Mittagsflut am 3. Januar rund um das Spieka-Neufelder Tief mit seinem Kutterhafen entwickelt hat.

In düsteren, fast wie Nachtaufnahmen anmutenden Sequenzen wird das Ausmaß der Sturmflut deutlich. Obwohl das Wasser nicht bis zur Oberkante des Seedeichs auflief, schwappte es in Wellen immer wieder über den Deich. Dort bahnte es sich sturzflutartig seinen Weg und hinterließ tiefe Spuren im Schutzwall.

„Die Flut 1976 war eine Jahrhundertflut“

Otto Thalmann, Berend Thalmanns verstorbener Vater, langjährigiger Bürgermeister und früherer Oberdeichgräfe, ergänzte das Video später um einen ausführlichen Augenzeugen-Kommentar. „Die Flut vom 3. Januar 1976“, resümierte er, „war eine Jahrhundertflut, von der Höhe, den Wassermassen und der Orkanstärke vergleichbar mit der von 1962.“

Land unter am Wurster Seedeich: Das Wasser stand kurz unterhalb der Deichkrone. Wellen konnten den damals noch gut zwei Meter niedrigeren Hochwasser-Schutzwall aber ungehindert überwinden.

Land unter am Wurster Seedeich: Das Wasser stand kurz unterhalb der Deichkrone. Wellen konnten den damals noch gut zwei Meter niedrigeren Hochwasser-Schutzwall aber ungehindert überwinden. Foto: Nordsee-Zeitung Archiv

Es sei für die Bürger und für die Retter von der Feuerwehr aber einfacher gewesen damit umzugehen, weil sie sich bei Tageslicht abspielte und so überschaubarer gewesen sei. „Das Schlimmste an 1962 war die Finsternis, das Aussetzen der Stromversorgung und Abbruch der Telefonverbindung.“

Sturmflut reißt riesige Löcher in Wurster Seedeich

Anders als am 3. Januar 1976 kam die zweite schwere Sturmflut 18 Tage später nachts. Der Katastrophenstab des Landkreises arbeitete von 22 bis 5.30 Uhr am nächsten Morgen. Rund 400 Rettungskräfte waren offiziell in Bereitschaft. Dazu kamen unzählige Freiwillige vor Ort.

Am Tag danach berichtete die Nordsee-Zeitung von erheblichen Schäden, die das Unwetter an den Deichen angerichtet hatte. Besonders betroffen: Cappel-Neufeld. „Unzählige Löcher schlugen die Sturmseen in den Außendeich. Einige sind bis zu 70 Quadratmeter groß und über einen Meter tief“, hieß es in der NZ. „Das Ausmaß der zweiten großen Flut dieses Jahres lag nahe der vom 3. Januar.“

Vom Dorumer Tief hatten sich in den Nachtstunden zehn Menschen freiwillig ins Notquartier, die damalige Mittelpunktschule Dorum, evakuieren lassen. „Im Verhältnis zum Küstengebiet im Wesermünder Nordkreis“, so die NZ am 22. Januar 1976, „kamen die Einwohner entlang der Weser zwischen Dedesdorf, Sandstedt, Aschwarden und Rade glimpflich davon.“

Sowohl am 3. als auch am 20./21. Januar 1976 hielten Berend und Otto Thalmann die Stellung auf ihrem Hof. Sich evakuieren zu lassen, wäre für sie nicht infrage gekommen.

„Wir mussten auch bleiben, um das Vieh im Notfall von der Anbindung loszumachen, damit sie nicht absaufen“, erklärt Berend Thalmann. Damals war die Anbindehaltung in den Ställen noch Standard. Wäre der Deich gebrochen, hätten sie ihre Tiere losbinden, die Türen aufmachen und das Vieh laufen lassen können. Rinder können, anders als Schafe, schwimmen.

Wurster bleiben von Deichbruch verschont

Auch wenn der Wind extrem wütete und das Amateurvideo einen dramatischen Eindruck von der Lage vor Ort vermittelte, blieben die Spieka-Neufelder und die gesamte Wurster Küste bei beiden Sturmfluten 1976 von der größten Katastrophe, dem Deichbruch, verschont.

„Fachleute führen diese positive Bilanz nicht zuletzt darauf zurück, dass die Krisenstäbe an der Nordseeküste und der Unterelbe durch frühzeitige Warnungen besser gerüstet an die Deichverteidigungen und die Bergung wertvoller Güter (...) gingen“, hieß es dazu.

Deich in Spieka-Neufeld auf neun Meter erhöht

Wie damals engagieren sich auch heute viele Menschen für den Küstenschutz an den Deichen. Auch Berend Thalmann. Er ist unter anderen als Sielwärter sowie als Verbandsvorsteher für den Wasser- und Bodenverband Spieka-Neufeld und für den Unterhaltungsverband 83 Land Wursten aktiv, der rund 30 Kilometer Küste zwischen Bremerhaven und Cuxhaven verantwortet.

Erst 1983, 21 Jahre nach der Jahrhundertflut im Februar 1962, ist die Deicherhöhung auch in Spieka-Neufeld abgeschlossen. Der Schutzwall misst nun zwischen 8,5 und 9 Metern und verfügt über ein deutlich flacheres Profil, an dem sich Wellen auslaufen können. Eine so intensive Bewährungsprobe wie 1976 oder 1962 hat es für den Deich seither noch nicht wieder gegeben.

Doch selbst wenn. Berend Thalmann hat Urvertrauen in den Seedeich. „Ich bin hier geboren, großgeworden und hatte in meinen Leben noch nie anderen Wohnsitz. Im Grunde hab ich nie Angst gehabt; ich bin immer davon ausgegangen, dass der Deich sicher ist.“

Die Amateurfilmaufnahmen von der Jahrhundertsturmflut am 3. Januar 1976 mit dem Kommentar von Otto Thalmann können im Deichmuseum Land Wursten in Dorum angeschaut werden.

Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel