Zähl Pixel
TV-Auftritt

Bürgergeld kritisiert – gekündigt

Fred Göcken arbeitete nach eigenen Angaben seit mehr als 20 Jahren beim Bremer Jobcenter und in der Verwaltung.

Fred Göcken arbeitete nach eigenen Angaben seit mehr als 20 Jahren beim Bremer Jobcenter und in der Verwaltung. Foto: Focke Strangmann/Weser Kurier/dpa

Ein Jobcenter-Mitarbeiter kritisiert im Fernsehen beim ZDF das Bürgergeld-System – und verliert deshalb seinen Job. Die Hintergründe.

Von Helen Hoffmann 10.06.2026, 05:12 Uhr
3 Monate Premium-Zugriff auf tageblatt.de für nur 0,99 €! Jetzt sichern!

Bremen. Die öffentliche Kritik eines Jobcenter-Mitarbeiters am Bürgergeld-System und dessen fristlose Kündigung haben die Debatte um Sozialleistungsbetrug angeheizt. Fred Göcken, der nach eigenen Angaben seit mehr als 20 Jahren beim Bremer Jobcenter und in der Verwaltung arbeitete, sagte in einer ZDF-Dokumentation, im Jobcenter gehe es vor allem darum, Geld zu zahlen.

„Geldausgeben ist unsere zentrale Aufgabe - so betrachten das viele bei uns“, sagte er in der Sendung „Am Puls mit Sarah Tacke – System Bürgergeld: Leben ohne Leistung“. Göcken geht aufgrund seiner Erfahrung und Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen davon aus, dass 30 bis 40 Prozent der Bürgergeld-Empfänger falsche Angaben machen. „Die Motivation der Leute ist, im System drinzubleiben“, sagte er und sprach von einer „Lebensalternative Bürgergeld“.

Auf den TV-Auftritt folgte die Kündigung

Nach der Sendung erhielt Göcken die fristlose Kündigung. „Natürlich werde ich mich dagegen wehren“, sagte er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur und kündigte eine Klage an. Es gehe um Meinungsfreiheit. Über den Fall hatten zuvor verschiedene Medien berichtet.

Das Bremer Sozialressort wies die Darstellungen des langjährigen Mitarbeiters zurück. „Die Behauptung, 30 bis 40 Prozent der Leistungsbeziehenden würden Sozialleistungen missbräuchlich beziehen, entbehrt jeder belastbaren Grundlage“, sagte die Senatorin für Arbeit und Soziales, Claudia Schilling (SPD), laut Mitteilung. „Solche pauschalen Aussagen verzerren die Realität, beschädigen das Vertrauen in den Sozialstaat und stellen Hunderttausende Menschen bundesweit unter Generalverdacht, die Leistungen rechtmäßig beziehen.“

Göcken sagte der dpa, es brauche bessere Rahmenbedingungen, um zu unterscheiden, wer Hilfe brauche und wer nicht. Ihm zufolge nutzen zahlreiche Menschen das System aus. „Es muss darüber gesprochen werden.“ Dass seine Aussagen einen solchen Wirbel verursachten, zeige die Befindlichkeiten, so der 60-Jährige. Das System müsse auf den Prüfstand, es gehe um sehr viel Geld.

Das Bremer Sozialressort verwies darauf, dass Göcken seit längerer Zeit in einer arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung mit seinem Arbeitgeber ist. Göcken bestätigte, dass es vor der Kündigung eine solche Auseinandersetzung gab.

Das ZDF schrieb auf dpa-Nachfrage, dass Göcken für die Dokumentation die Summe seiner Erfahrungen und Einschätzungen aus vielen Jahren Tätigkeit im Jobcenter Bremen darstellte. „Für journalistische Recherchen sind solche Einblicke aus der Praxis von Bedeutung“, teilte eine ZDF-Sprecherin mit.

Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

H
Heiko Kania
10.06.202621:00 Uhr

@Thomas Ziehm: Die Wahrnehmungen und folgend Wertungen zu Sachverhalten lässt sich Fakten orientiert - besonders in einer Demokratie - einfacher gestalten, als ein vorgefertigtes Bild in seiner eigenen Blase ganzheitlich zu betrachten.

J
Janine Vonderbank antwortete am
12.06.202609:02 Uhr

@HK @TZ: Ihre Diskussion ist dabei, sich inhaltlich zu entfernen. Bitte kehren Sie zum Thema zurück. TAGEBLATT online

T
Thomas Ziehm antwortete am
12.06.202608:53 Uhr

Wenn "man" nicht weiter weiß "Komma" lässt "man" wie in den meisten Kommentaren, wie immer, den Oberlehrer raushängen.

H
Heiko Kania antwortete am
11.06.202621:35 Uhr

Ich bin von Kindesbeinen an absoluter Gegner von - finanziell meist maßlos überbewerteten - Ballspielen. Daneben gebe ich Ihnen die überflüssigen "Kommas" zurück.

T
Thomas Ziehm antwortete am
11.06.202617:52 Uhr

Ach Herr Kania, den Ball, mit der "eigenen Blase", spiele ich sehr gerne, per Steilpass, zurück.

Wolfgang Ciminski
10.06.202609:04 Uhr

.... sollten 30 bis 40% an Leistungsbezugsmissbrauch zu hoch gegriffen sein(?), wie von ihr behauptet, dann soll die zuständige Senatorin Schilling doch für Aufklärung sorgen, und - zumindest für ihr Bundesland - die korrekte Größenordnung nennen.

In Zeiten von 'Miniwachstum' im Dezimalbereich, kalkulieren Unternehmen scharf im niedrigen, einstelligen Prozentbereich (auch beim Personal).

Und die Politik? Selbst bei einem angenommen Leistungsbezugsmissbrauch von 'nur' 5%, sprechen wir immer noch über 250.000 Bürgergeldempfängern(!), die Leistung zu Unrecht erhalten.

Das ist eben genau KEIN Generalverdacht, der das "Vertrauen in den Sozialstaat beschädigt", wie Frau Schilling behauptet. Dagegen NICHT anzugehen, das ist es doch, was die Menschen in die politischen Ränder treibt.

H
Heiko Kania
09.06.202623:39 Uhr

Steuerbetrug und Sozialbetrug verursachen in Deutschland jährlich Schäden in Milliardenhöhe, wobei das Ausmaß des Steuerbetrugs das des Sozialbetrugs finanziell um ein Vielfaches übertrifft. Während der reine Leistungsmissbrauch beim Bürgergeld (Sozialbetrug) von Behörden auf einige hundert Millionen Euro beziffert wird, verliert der deutsche Staat durch Steuerhinterziehung und kriminelle Schattenwirtschaft Schätzungen zufolge jährlich weit über 100 Milliarden Euro.

Ulla Bowe antwortete am
10.06.202613:41 Uhr

Ich bin der Meinung, daß NICHT die "Demokratie" schuld ist, daß Herr Göcken's beachtenswerte Aussagen zu der m.E. feigen Kündigung geführt haben, sondern daß es das fehlgeleitete Verständnis von Demokratie und Meinungsfreiheit bei vielen Vorgesetzten in Ämtern, Behörden und auch Betrieben der freien Wirtschaft ist, welches derart undemokratisch auf vermeintliche "Nestbeschmutzer" reagiert.
Dieses dreiste Vorgehen gegenüber Mitarbeitenden ist für mich ein Skandal.
Michael Bowe

T
Thomas Ziehm antwortete am
10.06.202611:28 Uhr

Guten Morgen, Herr Kania, sie brauchen, den Sozialbetrug, durch Ihren Vergleich, nicht kleinreden, wie immer, ist es nur, die Spitze des Eisbergs.
Man sieht ja, wer in einer sogenannten Demokratie, die Wahrheit, auch nur ansatzweise anspricht,
wird eben gefeuert.
Soviel, zur demokratischen Meinungsfreiheit.


H
Harald Schaerffer
09.06.202621:23 Uhr

Auch ich habe mir diese Reportage „Am Puls mit Sarah Tacke – System Bürgergeld: Leben ohne Leistung“am 14.05.26 angeschaut.Diese Dokumentation ist übrigens auch in der ZDF Mediathek abrufbar.Was dort gezeigt wird ist ja nicht erst seit heute bekannt.Trotzdem bleibt einem nur noch die Spuke wech.Bin mir sicher das es nur die Spitze des Eisberg ist.Unerheblich was der mutige Göcken im Vorfeld für eine Auseinandersetzung mit seinen Arbeitgeber hatte.Ist ohnehin nur ein Ablenkungsmanöver und soll die Sache eher unter den Teppich halten.Entscheidend ist was die Sahra Tacke recherchiert hat und sich nicht leugnen lässt.Das erinnert an den Fall Asylbetrug in der Landesaufnahmebehörde Braunschweig wo rund 300 Fälle von Betrug mit Mehrfachidentitäten aufgedeckt wurde(Quelle Bund der Steuerzahler).Die Personen die es aufgedeckt haben wurden auch an die frische Luft gesetzt und die Akten verschwanden tief im Keller.Und ich bleib dabei.Unser Sozialsystem wird ausgenommen wie eine Weihnachtsgans.

T
Thomas Ziehm antwortete am
10.06.202611:23 Uhr

Guten Morgen, Herr Schaerffer, Ihrem Kommentar, gibt es nichts hinzuzufügen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel

T Lloyd Werft: Behörden-Posse um Windkraftanlagen

Windkraftanlagen auf dem Betriebsgelände: So wollte die Lloyd Werft sich selbst mit umweltfreundlicher Energie versorgen. Aber die Gewerbeaufsicht lehnte den Antrag ab. Im Wirtschaftsressort und bei den Grünen stößt die Begründung auf Kopfschütteln.