TEin staubiger und riskanter Job: Waldkalkung von Fredenbeck bis Beverstedt
Hubschrauber kreisen über den Wäldern Stades und seiner Nachbarkreise - wie hier bei Beverstedt. Ein höchst gefährlicher Job. Foto: T. Meyer
Tonnenschwer wie 27 Blauwale: In Fredenbeck kommt Kalk an, der die Wälder in Stade und Umgebung schützen soll. Einblicke in ein Naturschauspiel von der Schiene bis über die Baumkronen.
Fredenbeck. Ein junger Mann mit orangener Warnschutzbekleidung steigt vom Bahnsteig ins Gleisbett hinab und luschert in Richtung Mulsum-Essel. Es ist 10.15 Uhr am Bahnhof in Fredenbeck. Und noch still. Seit einer Viertelstunde warten fünf Männer auf einen Zug, 33 Waggons lang.
Fünf Minuten später rollt auf dem Gleis zwischen zwei Baumreihen eine Lokomotive mit 413 Meter Wagenzuglänge in Schrittgeschwindigkeit vorwärts und weicht nach links auf das Nebengleis aus. Der Zug bringt eine wichtige Ladung für die Natur.
Darum finden Bodenschutzkalkungen statt
18 der 33 Waggons sind voll mit Kalk - einem braunen, mehlartigen, kohlensauren Naturdünger aus Dolomitstein. Es ist Phase eins einer langen Transportkette, an deren Ende ein Hubschrauber den Dünger auf Waldböden ausbringt.
Bodenschutzkalkungen nutzen Mitglieder von Forstbetriebsgemeinschaften aus dem Landkreis Stade und den Nachbarkreisen Rotenburg (Wümme) und Cuxhaven. Das Forstamt Nordheide-Heidmark der Landwirtschaftskammer Niedersachsen mit Sitz in Bremervörde plant das Projekt für Waldbesitzer. Forstamtsleiter Simon Heins erklärt, wozu Waldkalkungen nützlich sind.
Dabei gehe es darum, „die Risiken aus bereits abgelaufener und aktueller Bodenversauerung zu verringern“. Positive Effekte sind laut Heins diese: Der Dünger erhöhe unter anderem die Speicherung von Nähr- und Schadstoffen, stabilisiere den Ernährungszustand der Waldböden, verbessere die Vitalität der Waldbestände und fördere die Durchwurzelung des Mineralbodens und die Entwicklung hin zu Mineralboden-Humusformen.
Ein halber Eiffelturm: Die Transportkette beginnt am Bahnhof Fredenbeck
Zwei Wochen zuvor hat ein Ganzzug bereits 33 Waggonladungen gebracht. Insgesamt kommen 4000 Tonnen Kalk in Fredenbeck an - so schwer wie 27 Blauwale, rund 3000 Golf-Autos oder der halbe Eiffelturm.

Die Lok mit 413 Metern Waggonlänge (33 Waggons) trifft am Bahnhof Fredenbeck ein, links mit EVB-Lokführer Tino Albrecht. Die Lkw am Bahnsteig in Fredenbeck warten schon auf den Kalk. Foto: T. Meyer
Lokführer Ronny Elsholz von der Schwenk Baustoffgruppe und seinem Eisenbahnlogistiker BELog hat den Kalk auf seiner Reise vom Südharz bis Fredenbeck begleitet. Um 17 Uhr ist er gestern in Scharzfeld aufgebrochen und über Northeim, Hannover, Rotenburg (Wümme) und Bremervörde bis Fredenbeck gefahren. Auch die Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser (EVB) sind beteiligt.

Paul Hantschel (links) und Ronny Elsholz (rechts) fuhren mit dem Kalkzug von Scharzfeld bis Rotenburg (Wümme). Ab dort begleitete sie Tino Albrecht am nächsten Morgen bis Fredenbeck. Foto: T. Meyer
In Rotenburg (Wümme) stieg EVB-Lokführer Tino Albrecht zu. Von dort bis Fredenbeck fuhr die Lokomotive auf dem privaten EVB-Schienennetz. „Für bestimmte Strecken muss man eine Einweisung haben und bestimmte Regeln beachten“, sagt Elsholz. Dreimal muss er in Begleitung der EVB fahren, beim vierten Mal darf er es ohne. Der Schienengüterverkehr entlastet den Straßengüterverkehr und ist effizienter.
Wie Waldkalkungen ein Neugeschäft bei der EVB wurden
„Die Faustformel ist: Ein Güterzug ersetzt 60 Lkw-Ladungen“, sagt Ingo Heine von der EVB. Er ist Rail Coach Schienengüterverkehr, seine Aufgabe: mit Unternehmen in der Region zu sprechen, um sie von der Umstellung auf Bahntransporte zu überzeugen.

Ingo Heine (Rail Coach) von der EVB plant die Waldkalkungen zusammen mit den Fachbereichen Netzbetrieb und Bautechnik. Andrea Stein kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit. Foto: T. Meyer
Für die EVB sind Waldkalkungen ein Neugeschäft. Heine erzählt, er habe im April bei einer Messe in einem Gespräch von dieser Naturschutzmaßnahme erfahren. Gemeinsam mit der Bau- und Düngemittel GmbH aus Goslar, die den Kalk bereitstellt, plante die EVB anschließend das gesamte Projekt.
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Ein schneller Baggerfahrer und ein besonderer „Zirkus“
Nach dem Zug sind die Bagger dran. Der Baggerfahrer greift mit seinem gelben Umschlagbagger mit mobiler und hochgefahrener Kabine den Kalk aus den Waggons und schmeißt ihn auf die Betonfläche am Bahnhof. Hier wird der Kalk für Tage und Wochen zwischengelagert. Nur zehn Sekunden dauert ein Griff und Wurf. Akkordarbeit.

In alle Ecken der Waggons kommt der Umschlagbagger nicht. In den Waggon hebt er dafür einen kleinen weißen Kompaktlader, auch Bobcat (englisch für Rotluchs) genannt, weil er wie die Kleinkatze als Namensgeber robust, schnell und wendig ist. Einen kleinen Rest fegt der Mitarbeiter selbst aus. Foto: T. Meyer
Elsholz beobachtet und ist beeindruckt vom Tempo des Baggerfahrers. Er kommentiert trocken in seinem sachsen-anhaltinischen Akzent: „Ihn kenne ich nicht anders, der ist tipptopp.“ Nach siebeneinhalb Minuten hat der Baggerfahrer den ersten Waggon leer, für alle 18 wird er circa zweieinhalb Stunden brauchen. Als Drittes ist die Frachtente an der Reihe.
Kalkarbeiten gehören zum Hauptgeschäft der Schüttgut- und Kipperspedition Frachtente aus Dortmund. Die Lkw-Fahrer Marcel Klingebeil und Sebastian Stanke beladen mit einem großen gelben Radlader gegenseitig ihre Kippauflieger mit Kalk. Anschließend werden sie Ladung für Ladung zu den Verladestellen an den Waldrändern fahren, unter anderem ins eine Stunde entfernte Beverstedt im Landkreis Cuxhaven. Gefahren werde, solange es das Wetter und Tageslicht zuließen, sagt Klingebeil.

Ein Radler schüttet den kohlesauren Magnesiumkalk aus dem Harz auf den Lkw von Frachtente, der ihn von der Zwischenstation Fredenbeck unter anderem nach Beverstedt bringt. Foto: T. Meyer
„Wie lange habt ihr gebraucht für die ersten 33 Waggons?“, fragt Heine. „Nicht ganz zwei Wochen“, antwortet Klingebeil. Sind sie in Fredenbeck fertig, stehen für die beiden bereits die nächsten Kalkfahrten in Deutschland an. Klingebeil: „Der Zirkus zieht weiter.“
Pilot leistet Akkordarbeit im Zehn-Sekunden-Takt
Kurz nach 13 Uhr an einem Waldstück bei Beverstedt, fast 60 Hektar und damit 84 Fußballfelder groß. Dröhnender Lärm. Als Letztes ist der Hubschrauber dran. Ein grauer Helikopter fliegt eine Wiese am Waldrand an, wo ein gelber Radlader wartet. An den Kufen des Helis hängen 27 Meter lange Seile und an dessen Enden baumelt ein Ausschüttkorb.
Rund eine Tonne Kalk passt hier rein. Während der Helikopter in der Luft steht, füllt der Radlader eine Schaufel des Calciumcarbonats in den Korb. Die Rotoren kreisen, und ein kleiner Sandwirbelsturm zieht rund um den Kübel auf. Die Baumkronen schwanken im Wind, die Blätter rauschen, und der Rotorenwind weht Wiesenstaub ins Gesicht. Dann hebt der Heli ab.

Es ist laut und windig: Der Radlader befüllt den Kalkkübel für eine neue Flugrunde des Helikopters, der sich hier im Schwebeflug befindet. Foto: T. Meyer
Aus dem Kübel strömen braune Kalkschwaden, die sich auf Bäumen und Waldboden verteilen. Circa drei Tonnen Kalk verteilt der Hubschrauber je Hektar. 95 Sekunden liegen zwischen dem Anheben des Kübels und Streuen sowie dem Aufsetzen und Befüllen. Akkordarbeit.

Zwischenstopp: Jens Kruse schließt den Kerosinschlauch an den Hubschrauber, der auf einer Wiese bei Beverstedt hält. Foto: T. Meyer
Jens Kruse schaut mit Heine vom Boden aus zu. Kruse arbeitet mit seinem Team vom Hubschrauber- und Speditionsdienstleister HeTraLog aus Sommerfeld bei Glücksstadt an der vierten und letzten Station. Bei einer Zwischenlandung schließt er den Schlauch des Tankwagens an den Heli, um ihn mit Kerosin zu betanken. Ist der Job für den Piloten lebensgefährlich?
Vorsicht, PV-Anlage und Pool!
„Geht, ich glaube es gibt gefährlichere Jobs“, sagt Kruse. Denn der Pilot fliege mit genug Abstand über den Baumkronen. Das Risiko fliegt aber immer mit, und eine zu geringe Flugtiefe und kleine Unachtsamkeit in diesem Akkordtempo könnten zu einem Absturz führen. Im August stürzte ein Heli bei Kalkarbeiten im Erzgebirge ab, der 29-jährige Pilot starb. Bei seinem Arbeitgeber sei es bisher nicht zu Personenschäden gekommen, so Kruse. Stattdessen landet Kalk auch mal ungeplant.
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„Wenn wir mal neue Piloten haben und die nicht so aufpassen“, könne Kalk versehentlich auf Häusern, Photovoltaikanlagen oder Pools landen, so Kruse. „Das ist für den pH-Wert im Pool nicht so gut“, scherzt er. Bei PV-Anlagen seien er und sein Team froh, wenn es am Tag danach regne.

Rund eineinhalb Minuten dauert ein Flug bei der Waldkalkung. Alle drei Stunden landet und steigt der Pilot mal für eine „Pinkelpause“ aus. Er ist in dauerhaftem Funkkonktakt mit Kollegen am Boden. Foto: T. Meyer
Ein Radfahrer hält kurz vor der Verladestelle an und fotografiert den Moment, wie der Heli im Schwebeflug ist. Als der Heli wieder über die Nadelbäume donnert, nieselt der feine Kalk vom Kübel auf die Natur, Blätter rascheln. Der Kalkberg wird kleiner. Der nächste ist schon unterwegs. Um 14.20 Uhr rollt der Frachtente-Lkw zwischen Volkmarst und Kirchwistedt auf die B71 mit der nächsten Ladung Richtung Beverstedt.
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