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Tag des Artenschutzes: „Einmal verloren, ist immer verloren“

Ein Feldhamster schaut auf einer Ackerfläche aus seinem Bau. Der putzig aussehende Nager mit den typischen Hamsterbacken ist vom Aussterben bedroht. Foto: Uwe Anspach/dpa

Ein Feldhamster schaut auf einer Ackerfläche aus seinem Bau. Der putzig aussehende Nager mit den typischen Hamsterbacken ist vom Aussterben bedroht. Foto: Uwe Anspach/dpa

Mehr als 71 500 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten gibt es in Deutschland. Tausende davon sind bedroht - wie Feldhamster, Deichhummel und Schweinswal. Forscher mahnen zu raschem Handeln.

Freitag, 03.03.2023, 08:30 Uhr

Von Kilian Genius

Nicht nur in tropischen Wäldern und eisigen Polarregionen sind Tiere und Pflanzen vom Aussterben bedroht - auch vor unserer Haustür sind mehrere Tausend Arten in Gefahr. Die Lage sei ernst, sagt der Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Klement Tockner, der Deutschen Presse-Agentur. „Wir haben wenig Zeit, um gegenzusteuern.“

Mehr als 71.500 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten gibt es nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz (BfN) in Deutschland. Rund 9000 von ihnen sind bestandsgefährdet. Anlässlich des Tags des Artenschutzes, der sich zum 50. Mal jährt, weist Tockner darauf hin, dass es sich dabei nur um bekannte Arten handelt. Etwa ein Drittel der Arten hierzulande sei noch nicht bekannt. „Arten sterben aus, bevor wir sie überhaupt entdeckt haben“, sagt der Ökologe. „Einmal verloren, ist immer verloren.“

„Wir erleben das größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier“, sagt der Programmleiter Flächennaturschutz in Deutschland der Umweltorganisation WWF, Albert Wotke. Ändere sich nichts, könnten bis Ende des Jahrhunderts weltweit eine Million Arten ausgestorben sein. Eine bundesweite Rote Liste des BfN erfasst den Gefährdungsgrad von über 30 000 Arten in Deutschland.

Diese Tiere sind gefährdet

Eine Auswahl fünf gefährdeter und von Rückgängen betroffener Arten:

Feldhamster (Cricetus cricetus): Der putzig aussehende Nager mit den typischen Hamsterbacken ist vom Aussterben bedroht. Mit der intensiven Nutzung landwirtschaftlicher Flächen begann ein drastischer Rückgang der Lebensräume und damit der Bestandszahlen. Heute leben nach Schätzungen des Naturschutzbundes (Nabu) nur noch 10.000 bis 50.000 Feldhamster in Deutschland. Der Goldhamster ist übrigens eine andere Art, die ursprünglich aus Syrien stammt.

Schweinswal (Phocoena phocoena): Er ist der einzige in Deutschland heimische Wal - und stark gefährdet. Nach Schätzungen von Greenpeace leben rund 20.000 Schweinswale in der Nordsee, in der Ostsee sind es nur noch 500. Die schnellen Schwimmer mit rundem Kopf und stumpfer Schnauze sterben oft als Beifang in Fischernetzen. Darüber hinaus reagieren sie laut Deutscher Wildtierstiftung sehr empfindlich auf Unterwasserlärm, den etwa große Schiffe verursachen. Dadurch könne ihr Gehör geschädigt werden, und sie verlören die Orientierung.

Wegen der Erderhitzung und der Zerstörung ihrer Lebensräume ist die Existenz der Hummel nach WWF-Angaben mehrfach bedroht. Foto: Oliver Berg/dpa

Wegen der Erderhitzung und der Zerstörung ihrer Lebensräume ist die Existenz der Hummel nach WWF-Angaben mehrfach bedroht. Foto: Oliver Berg/dpa

Kuckuck (Cuculus canorus): In der Klimakrise droht dem Kuckuck laut WWF sein parasitäres Brutverhalten zum Verhängniszu werden. Der Frühling bricht hierzulande immer früher an. Kommt der Kuckuck aus seinem Winterquartier in Afrika zurück, seien viele Vögel schon mit der Fütterung des Nachwuchses beschäftigt - sie brüten also nicht mehr. Der Kuckuck findet nach WWF-Angaben weniger Nester, in die er seine Eier legen kann. Der Singvogel mit dem prägnanten Ruf wird seltener, in Deutschland wird er als gefährdet eingestuft.

 

Vergissmeinnicht (Myosotis): Die meisten Arten der hellblauen Frühlingsblume sind nicht in Gefahr. Doch das Bodensee-Vergissmeinnicht (Myosotis rehsteineri), das weltweit nur noch am Bodensee und am Starnberger See vorkommt, ist vom Aussterben bedroht. Der Lebensraum der seltenen Pflanze verändert sich stark und wird immer kleiner - etwa durch die Bebauung von Uferbereichen.

Hummel (Bombus): Sie gehört zu den wichtigsten Bestäubern. Neben Wildpflanzen bestäuben Hummeln zum Beispiel Tomaten, Auberginen und Heidelbeeren. Nach WWF-Angaben gibt es weltweit 250 Arten - doch es wird zu warm für die pelzigen Insekten. Wegen der Erderhitzung und der Zerstörung ihrer Lebensräume ist die Existenz der Hummel demnach mehrfach bedroht. Die Deichhummel (Bombus distinguendus), einst in Deutschland weit verbreitet, wird als stark gefährdet eingestuft.

Ein Schweinswal schwimmt im Fjord-Belt-Sealand im dänischen Kerteminde. Er ist der einzige in Deutschland heimische Wal - und stark gefährdet. Foto: Ingo Wagner/dpa

Ein Schweinswal schwimmt im Fjord-Belt-Sealand im dänischen Kerteminde. Er ist der einzige in Deutschland heimische Wal - und stark gefährdet. Foto: Ingo Wagner/dpa

Es gibt noch Grund zur Hoffnung

Die Klimakrise und das weltweite Artensterben sind eng miteinander verwoben. Die durchschnittliche Oberflächentemperatur der Erde ist laut WWF seit der Industrialisierung um etwa ein Grad Celsius gestiegen. Ein aktueller Bericht des Weltklimarats geht davon aus, dass sich die Erderhitzung noch drastischer auf Land- und Meeresökosysteme auswirkt als ursprünglich angenommen. Hinzu kommt die menschliche Nutzung der Lebensräume vieler Arten - für viele Tiere und Pflanzen wird es eng.

Doch es gibt Grund zur Hoffnung. „Unsere Ökosysteme sind nicht besonders artenreich, dafür aber sehr robust“, sagt der Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), Christof Schenck. Und Artenschutz hat Erfolge: Der Seeadler kam in der Bundesrepublik nur noch mit vier Paaren vor, in der DDR waren es etwa 60 Paare. Heute leben nach Angaben des Umweltministeriums 850 Paare in Deutschland. Auch der Kranich, der heute mit rund 10.000 Paaren hierzulande brütet, war in der Bundesrepublik fast ausgestorben.

Der Weltnaturgipfel im kanadischen Montreal lässt Naturschützer und Forscher mit etwas Zuversicht in die Zukunft schauen. Die Staatengemeinschaft hat sich im Dezember vergangenen Jahres in Montreal darauf geeinigt, bis 2030 mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen. (dpa)

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