Kein Reese, kein Problem? Hertha-Traumstart mit Teamspirit
Der gewachsene Teamspirit wird von den Fans goutiert. Foto: Andreas Gora/dpa
Nach dem Ausverkauf im Sommer sahen viele die Hertha in Liga zwei schon auf dem Weg nach unten. Stattdessen gibt es den besten Start seit Jahren - aber warum?
Berlin. Ungläubiges Erstaunen machte sich auf den Tribünen des Berliner Olympiastadions breit: Ist das unsere Hertha, die hier mit viel Spielfreude einen Bundesliga-Absteiger dominiert? Nach den vielen qualvollen Heimauftritten der Vorjahre spielte eine vom Druck befreite Berliner Mannschaft den 1. FC Heidenheim mit drei Treffern in den ersten 36 Minuten an die Wand. Und das, obwohl in der Sommerpause 13 Profis, darunter Starspieler wie Fabian Reese, Tjark Ernst oder Kennet Eichhorn die Hauptstadt verließen und bisher erst ein externer Neuzugang kam.
„Heute hatten wir das Momentum auf unserer Seite. Wir weichen nicht von unserem Plan ab und versuchen, intensiv zu bleiben und den Gegner besser zu kontrollieren“, sagte Hertha-Trainer Stefan Leitl nach dem 4:1-Ausrufezeichen. Der 48-Jährige hatte auch wegen der Sparzwänge des notorisch klammen Vereins seine Spielidee im Sommer umgestellt: „Du musst hoch verteidigen, das machen die Jungs sensationell. Dann kommt der Gegner nicht zu Möglichkeiten.“
Gala in der ersten Halbzeit
Der entscheidende Kniff, weshalb den Berlinern der beste Saisonstart seit 2018/2019 gelungen ist, kommt von den verbliebenen Spielern selbst, die nach dem Weggang der Stars mehr Verantwortung übernehmen müssen und übernehmen.

Marten Winkler war der überragende Akteur der ersten Halbzeit. Foto: Andreas Gora/dpa
„Wenn sich jeder an den Plan hält, dann sieht es oft gut aus, so wie in der ersten Halbzeit vor allem“, sagte Verteidiger Niklas Kolbe über die Gala in den ersten 45 Minuten mit den Toren von Sebastian Grönning (2.), dem überragenden Marten Winkler (26.) und Deyovaisio Zeefuik (35.). Zwar habe sich auch in der vergangenen Spielzeit jeder an den Plan gehalten, laut Kolbe „aber nicht so als Gemeinschaft.“
120 Prozent statt nur 100
Während Reese und Co. auf und abseits des Rasens die Mannschaft in den vergangenen Jahren repräsentierten, steht das Team nun als Mannschaftsgefüge im Vordergrund. „Wenn man sieht, dass einfach jeder wirklich für den anderen kämpft, beißt und jeder dem anderen alles gönnt, dann kommt genau sowas dabei raus“, sagt Kolbe.
Der Verteidiger verweist auf einen weiteren positiven Aspekt: „Dann kann man seine Grenzen nach oben verschieben, nicht nur 100 Prozent in jedem Spiel geben, sondern 120.“
Winkler-Abgang noch möglich
Allerdings deckt der Platzverweis von Zeefuik in der 88. Minute auch die Schwächen des schmalen Kaders auf. „Jetzt sind wir gezwungen zu verändern, was du nicht verändern möchtest“, sagte Leitl, der angesichts des offenen Transferfensters auch noch einen Abgang des wechselwilligen Winklers befürchten muss. Der 23-Jährige soll nach seiner Gala in der ersten Halbzeit mit einem Tor und zwei Vorlagen beim belgischen Traditionsverein RSC Anderlecht auf der Liste stehen.

Herthas Neuzugang Oluwaseun Adewumi schließt zum 4:1-Endstand ab. Foto: Andreas Gora/dpa
Den möglichen Abgang könnte der bisher einzige externe Neuzugang Oluwaseun Adewumi abdecken, dem in der 90. Minute bei seiner Heimpremiere der vierte Treffer gelang. Doch angesichts des guten Starts ist Kolbe auch vor den anstehenden Aufgaben am kommenden Samstag in der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals beim Drittligisten 1. FC Saarbrücken an (15.30 Uhr/Sky und RTL), sowie am dritten Spieltag bei Eintracht Braunschweig nicht bange.
„Wenn wir genau so weitermachen, haben wir jedes Wochenende Freude und können uns auf jeden Fall nichts vorwerfen“, formuliert der 29-Jährige den Anspruch, den Mittelfeldspieler Paul Seguin toppt: „Wenn wir weiter so spielen, werden wir schwer zu schlagen sein.“ Der Mittelfeldspieler hatte vor der Saison das Ziel Bundesliga nicht aus den Augen verloren - auch ohne Reese und Co.

Deyovaisio Zeefuik trifft zum 3:0. Foto: Andreas Gora/dpa