Der Norden will dem Klimawandel etwas entgegensetzen
Goldschmidt stellt die Strategie des Landes Schleswig-Holstein zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels in einem Kieler Park vor, der gerade für den Klimawandel fit gemacht wird. Foto: Marcus Brandt/dpa
Die Hitze ist da, der nächste Starkregen kommt gewiss. Abwarten ist für die Landesregierung keine Option. Daher gibt es jetzt eine dicke Anpassungsstrategie. Für die Umsetzung werden viele gebraucht.
Kiel. Weniger Asphalt und Pflastersteine, mehr Bäume und Flächen zum Versickern, Bushaltestellen, die vor Sonne schützen, und höhere Deiche: Schleswig-Holstein muss auf den Klimawandel reagieren. Dazu stellt Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) eine umfangreiche Strategie der Landesregierung zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels vor.
Warum ist die Situation aus Goldschmidts Sicht dramatisch?
„Was wir gerade erleben, ist kein Wetter und das ist auch kein Jahrhundertsommer, sondern das ist Klimakrise“, betont der Umweltminister. Die Bundesregierung agiere viel zu passiv. Der Bundeskanzler habe gesagt, er äußere sich irgendwann dazu. „Ich glaube, so kann es nicht weitergehen. Wir müssen das Thema Klimaanpassung und Klimaschutz mit viel stärkerer Dringlichkeit bearbeiten.“ Allein der Juni sei in Deutschland im Vergleich zum langjährigen Mittel um 3,9 Grad zu warm gewesen. Der Meeresspiegel ist im Vergleich zu 1993 um 11 Zentimeter gestiegen.

Die Klimaanpassungsstrategie des Landes ist ein dickes Buch mit zahlreichen Maßnahmen. Foto: Marcus Brandt/dpa
Das Robert Koch-Institut weise eine Übersterblichkeit in Deutschland wegen der Hitze aus, sagte Goldschmidt. Bis Mitte Juli seien es in diesem Sommer bereits 10.000 Todesfälle. „Das zeigt die Dringlichkeit von Klimaanpassung und Klimaschutz. Mich macht es wirklich fassungslos, und ehrlich empört, wie damit gerade die politische Führung Deutschlands umgeht“, sagte der Minister.
Ist Klimaanpassung eine Alternative zum Klimaschutz
Nein, Klimaschutz bleibt Priorität Nummer eins, aber Goldschmidt fordert eine doppelte Kraftanstrengung: „Einerseits die rasante Erderwärmung so gut wir noch können zu stoppen, in dem wir Emissionen weiter konsequent reduzieren. Und uns andererseits anzupassen, an die Veränderungen, die schon da sind.“ Mit der Klimaanpassungsstrategie sollen die negativen Auswirkungen des Klimawandels in Schleswig-Holstein bestmöglich gemindert werden.

Goldschmidt verlangt mehr Einsatz von Bundeskanzler Merz für Klimaschutz und Klimafolgenanpassung. Foto: Lilli Förter/dpa
Die gute Nachricht ist nach Goldschmidts Überzeugung, dass man nicht bei null anfange und vieles doppelt nütze. So kühle ein klug gestalteter Park nicht nur die Stadt, er sei auch ein attraktiver Treffpunkt. Ein starkes Ehrenamt im Katastrophenschutz helfe nicht nur bei Extremwetter, sondern in allen Notlagen.
Was sieht die Klimaanpassungsstrategie konkret vor?
Es gibt zahlreiche Handlungsfelder. Sie reichen von biologischer Vielfalt über Städte und Verkehr bis zu Wasserwirtschaft, Fischerei und Gesundheitsschutz.
In der Stadt- und Siedlungsentwicklung soll die Klimaanpassung künftig in alle Planungen einbezogen werden. Beispiele sind Dach- und Fassadenbegrünungen. Regenwasser von Dächern etwa soll künftig nicht mehr in der Kanalisation landen, sondern versickern.

Ein Beispiel für eine Anpassung an die Folgen des Klimawandels mit Grün statt Steinpflaster aus Frankfurt/Main. Foto: Arne Dedert/dpa
Im Küstenschutz stehen Maßnahmen wie Deich- und Warftverstärkungen im Mittelpunkt. Es geht aber auch darum, Steilküsten als Quelle für Sediment (Lehm, Sand und Steine) freizuhalten. Das dient der Stabilisierung der Ostseeküste bei steigendem Meeressiegel. „Klimaanpassung ist die Summe von ganz vielen kleinen Teilen“, betont der Minister.
Gesundheitsministerin Kerstin von der Decken (CDU) hat nach Goldschmidts Angaben zugesagt, intensiv über Maßnahmen zu informieren, die man ergreifen könne, wenn es sehr heiß ist.
Beispiel Schützenpark in Kiel
Für die Landeshauptstadt Kiel ist Klimaanpassung ein wichtiges Thema, wie Oberbürgermeister Samet Yilmaz (Grüne) sagt. Aktuell wird im langgezogenen Schützenpark, der vom Ende der Autobahn bis an den Rand der Innenstadt reicht, gebaut. Eine bisher versiegelte Fläche am Eingang des Parks auf der Innenstadtseite wird zur Grünfläche und dem Park zugeschlagen. Der Teich im Park soll entschlammt werden. Die Entwässerung aller Wege wird künftig nicht mehr über Kanalisation erfolgen. So wird eine Wiese ein Stück tiefer gelegt, um bei Starkregen auch größere Wassermengen aufnehmen und nach und nach versickern zu können.

Ziehen bei Klimaanpassung an einem Strang: Umweltminister Goldschmidt und Kiels Oberbürgermeister Yilmaz. Foto: Lilli Förter/dpa
In Kiel werde künftig bei jeder Quartiersentwicklung genau hingesehen, wie die Klimaanpassung vorangebracht werden könne, sagte Yilmaz. „Mehr Grün, weniger Beton“ nannte er als Grundsatz. „Auch in der Innenstadt können wir genauer hinschauen.“
Was sagt eine Praktikerin der Kieler Stadtverwaltung?
Klimaanpassung komme meist nicht in Form von Großprojekten daher, sondern sei oft ein Teil von anderen Maßnahmen, die ohnehin durchgeführt werden, sagt die Leiterin des Referats Klimaanpassung, Martina Baum. Aufgabe ihres Referats sei es, diese Gedanken in das Alltagshandeln in der Verwaltung zu bringen. So würden für Neupflanzungen Bäume ausgewählt, die auch in 30 oder 50 Jahren noch in der Stadt leben können. Bei größeren Straßenbaumaßnahmen werde die Kanalisation modernisiert, um auf Starkregen vorbereitet zu sein. Bei Spielflächen gehe es um Beschattung.
Was erwartet das Land konkret von der Bundesregierung?
Aus Goldschmidts Sicht ist die Klimaanpassung keine Aufgabe für ein Bundesland oder eine Kommune alleine. „Wir werden eine Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung brauchen, um unsere Kräfte für die Zukunft zu bündeln.“ Dazu sei eine Änderung des Grundgesetzes nötig. Dann könne sich der Bund an der Finanzierung von Projekten beteiligen. „Der bessere Schutz des Lebens der Menschen in unserem Land erfordert das.“

Die Folgen des Klimawandels für die Menschen sind für Umweltminister Goldschmidt ein Thema mit hoher Dringlichkeit. Foto: Lilli Förter/dpa