Kleine Muschel, großer Schaden - wie Hafenanlagen leiden
Die Bohrmuschel gilt als gefährlichster Holzschädling im Meer hierzulande. (Archivfoto) Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa
Sie ist kaum größer als ein Finger, frisst sich durch Holz und hinterlässt Schaden in Millionenhöhe: Wie die Bohrmuschel den Häfen zusetzt und der Schaden eingedämmt werden soll.
Bremerhaven. In Bremerhaven mussten zuletzt Teile des Neuen Hafens gesperrt werden, die Weserfähre stellte zeitweise ihren Betrieb ein, und entlang von acht Kilometern Ufereinfassung in Übersee- und Fischereihafen nagt ein unsichtbarer Feind am Holz.
An der niedersächsischen Küste trifft es immer wieder Inselhäfen, Dalben und Schleusen - von Wangerooge bis Emden. Der Verursacher: eine Muschel, kaum so groß wie ein Finger. Wie sie vorgeht, warum sie immer mehr Schaden anrichtet und was die Forschung dagegen unternimmt - ein Überblick.
Ein Wurm, der keiner ist
Der Name täuscht: Der sogenannte Schiffsbohrwurm ist kein Wurm, sondern eine Muschel. Teredo navalis gehöre zur Familie der holzfressenden Teredinidae und könne bis zu 45 Zentimeter lang werden, erklärt Holzwirt Johann Müller, der zur Muschel forscht. An der Nordseeküste wird die Art meist 10 bis 20 Zentimeter lang. Sie gilt dort als heimisch. Weltweit gibt es rund 80 weitere Bohrmuschelarten, die sich unter günstigen Bedingungen sprunghaft vermehren können.
Die Bohrmuschel Teredo navalis sei der gefährlichste tierische Holzschädling im Meerwasser nord- und mitteleuropäischer Gewässer, sagt Müller. „An der deutschen Nordseeküste werden hölzerne Hafen- und Küstenschutzanlagen seit Jahrhunderten von Bohrmuscheln befallen.“
Die Larve verankert sich auf einer Holzoberfläche und frisst sich dann ins Holz. Die Kanäle werden an der Außenseite häufig wieder verschlossen - der Befall bleibt lange unsichtbar. Erst wenn der tragende Holzquerschnitt erheblich reduziert ist, wird das Ausmaß des Schadens sichtbar. Dann ist es oft zu spät für eine günstige Reparatur.
Bremerhaven: Wo das Holz von innen fault
Als Bremerhaven vor 100 Jahren seine Kaianlagen baute, galt die Bohrmuschel laut Thünen-Institut noch als seltener Gast. Der Salzgehalt im Brackwasser der Weser war zu gering. Inzwischen befällt sie zunehmend die hölzernen Pfeiler der historischen Hafenanlagen, vermutlich begünstigt durch verbesserte Wasserqualität und wärmere Wassertemperaturen infolge des Klimawandels.

Für Autofahrer wurde eine Umleitung eingerichtet, Fußgänger sollen einen provisorischen Übergang auf Pontons nutzen. Foto: Focke Strangmann/dpa
Die Folgen sind fatal: Die Nordmole sackte ein, der Verbindungskanal zwischen dem Alten und Neuen Hafen droht einzustürzen, die Kaje am Neuen Hafen ist marode, die Klappbrücken zu den Havenwelten sind gesperrt, und ein historischer Kran muss gekürzt werden.
Auch ein Fähranleger in Bremerhaven ist betroffen, die Weserfähre hatte den Betrieb zeitweise eingestellt. Inzwischen weicht der Betreiber nach eigenen Angaben auf die Seebäderkaje aus, so können zumindest Fußgänger und Radfahrer wieder mit der Fähre zwischen Bremerhaven und Nordenham pendeln.

Die Fähre muss wegen Schäden durch die Muschel auf einen anderen Anleger ausweichen. Foto: Focke Strangmann/dpa
Schäden gehen in die Millionen
Der Befund ist nach Angaben des Bremer Umweltressorts flächendeckend: An rund acht Kilometern Ufereinfassung mit Holzpfahlgründungen - im Übersee- und im Fischereihafen - wurde seit den 2010er Jahren Befall mit Bohrmuschel und Bohrassel festgestellt. Die Ausbreitung erfolgt dabei nicht gleichmäßig, sondern wie bei einer Epidemie in Schüben.
Die Hafenanlagen in der Stadt Bremen sind laut Umweltressort bisher verschont geblieben. Dort gibt es keinen Befall, weil der notwendige Mindestsalzgehalt von 0,9 Prozent nicht dauerhaft erreicht wird.
Wie hoch der Schaden ist, lässt sich nur schwer beziffern. Zu unterschiedlich sind Bauwerke und Nutzung. Für einzelne Maßnahmen in Bremerhaven werden Summen von rund 30 Millionen Euro genannt. Ob ein Schaden günstig oder teuer behoben wird, hängt davon ab, wie die betroffene Anlage künftig genutzt werden soll: Eine aktiv genutzte Kaje erfordert einen aufwendigen Neubau aus Stahl, ein ungenutzter Uferbereich kann mitunter durch Aufschütten von Wasserbausteinen gesichert werden.
Vom Inselhafen bis Cuxhaven
Auch an der niedersächsischen Küste verursachte die Muschel seit den 1990er Jahren wieder verstärkt Schäden. „Die Ausbreitung und das Schadensausmaß variieren jedoch regional und hängen von verschiedenen Faktoren wie Salzgehalt, Strömungsverhältnissen und der Bauweise der Anlagen ab“, teilte der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer mit. „Besonders betroffen sind in der Regel ältere, aus Holz errichtete Strukturen.“
Holzwirt Müller führt gerade ein Monitoring in Norddeich durch, die ersten Ergebnisse sollen im Herbst vorliegen. „Allerdings habe ich keinen Zweifel daran, dass die Bohrmuschel vor Ort ist“, teilte der Experte mit.
In der Vergangenheit kam es schon an den Inselhäfen von Wangerooge, Spiekeroog und Langeoog zu starken Zerstörungen, wie Müller ausführte. Im Bereich Cuxhaven zerstörte die Bohrmuschel nicht imprägnierte Dalben aus Nadelholz innerhalb von zwei Jahren vollständig. In Emden waren zur Jahrtausendwende nach Taucherbefund 90 Prozent der Rundholzwandungen in einer Schleuse bis ins Kernholz zerstört.

Der Austausch ist kostspielig. (Archivfoto) Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/ZB
In Niedersachsen sind auch sogenannte Reibepfähle vor Kaimauern betroffen, wie Müller mitteilte. „Das sind Pfähle vor der Kaimauer, an die Schiffe anlegen.“ Deren Austausch sei kostspielig. Ein Arbeitsschiff muss mit einem Bagger neue Pfähle rammen, der Stundensatz liege dafür zwischen 500 und 1.000 Euro. Hinzu kämen die Materialkosten.
Forschung: Sechs Hölzer im Härtetest
Doch welches Holz hält dem Fraß der Bohrmuschel stand und wird nicht befallen? Das testet gerade Christian Brischke vom Thünen-Institut mit sechs verschiedenen Holzarten im Hafenbecken des Bremerhavener Fischereihafens. Die ersten Befunde: „Kiefernholz durchbohren die Muscheln sofort“, stellte Brischke fest. „Tropenhölzer wie Itaúba und Iroko sind da widerstandsfähiger.“
Auch mit Essigsäureanhydrid behandeltes Holz zeigt laut dem Forscher gute Ergebnisse. Die Behandlung verändert die Zellwände des Holzes so, dass die Muscheln nicht mehr angreifen. Das Experiment läuft noch mindestens vier weitere Jahre.
Welche der rund 80 Bohrmuschelarten weltweit inzwischen über den Schiffsverkehr nach Europa gelangt sind, will das Team vom Thünen-Institut künftig mit genetischen Analysen klären. Die letzte Studie dieser Art liegt 15 Jahre zurück. „Anhand kleinster genetischer Spuren im Wasser können wir heute herausfinden, welche Bohrmuschelarten sich in Europa angesiedelt haben und wie sie sich dort ausbreiten“, erklärt Gerd Kraus, Leiter des Thünen-Instituts für Seefischerei. Die Ergebnisse sollen helfen, Häfen künftig gezielt zu schützen.
Was hilft - und was nicht
„Ein direktes „Hausmittel“ gegen die Bohrmuschel gibt es nicht“, teilte ein Sprecherin des Bremer Umweltressorts mit. Wirksam sei vor allem, das Holz zu schützen: durch Versiegelung mit Kunststoff, widerstandsfähige Holzarten oder chemische Modifikation. Eine direkte Bekämpfung der Bohrmuschel im offenen Wattenmeer ist laut Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer nicht möglich und naturschutzfachlich auch nicht vorgesehen.

Die Holzbohrmuschel hat die Pfähle des Fundaments so sehr geschädigt, dass das Bauwerk jahrelang nicht mehr genutzt werden kann. Foto: Focke Strangmann/dpa
Bei Neubauten setzen große Häfen fast ausschließlich auf Stahl und Stahlbeton. Ist eine Ufereinfassung bereits beschädigt, bleibt meist nur Sperrung und Neubau - oft über Jahre hinweg. Allein die Sanierung des Verbindungskanals zu den Havenwelten in Bremerhaven wird voraussichtlich rund vier Jahre dauern.