Steinmeier warnt vor Schattenseiten des Gamings
Computerspiele sind nach Einschätzung des Bundespräsidenten in der Mitte der Gesellschaft angekommen, bergen aber auch Gefahren. Foto: Christoph Reichwein/dpa
Politiker kommen gern zur Gamescom, schließlich wird die innovative Wirtschaftsbranche immer wichtiger. Erstmals trat nun das deutsche Staatsoberhaupt bei der Kölner Messe an das Rednerpult.
Köln. Bei seinem ersten Besuch der Gamescom hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu einem kritischen Blick auf digitale Spiele geraten. „Gerade weil Computer- und Videospiele so allgegenwärtig geworden sind, müssen wir auch über die Schattenseiten dieser Entwicklung sprechen, sachlich, ehrlich und differenziert“, sagte Steinmeier bei der Eröffnung des Kongressprogramms der Messe in Köln.
Computerspielsucht sei eine von der Weltgesundheitsorganisation anerkannte Erkrankung, die schwerwiegende Folgen für Betroffene habe. „Und es gibt ja einige Computerspiele, in denen junge Menschen mit Brutalität und roher Gewalt in Berührung gebracht werden, mit Sexismus, Rassismus, mit menschenverachtendem Denken und extremistischen Ideologien.“ Es war der erste Besuch des deutschen Staatsoberhaupts bei der weltgrößten Gamingmesse, die noch bis Sonntag dauert.
„Es braucht klare Regeln, um die Gewaltverherrlichung, die Verbreitung von extremistischen und demokratiefeindlichen Inhalten zu verhindern - auch in Video- und Computerspielen -, und das gerade in einer Zeit, in der auch unsere Demokratie stärker bedroht ist und angefochten wird“, so der Bundespräsident.
Steinmeier am Nintendo-Messestand, wo er digitales Bogenschießen als Sportart ausprobierte. Foto: Christoph Reichwein/dpa
Steinmeier: Games wichtig für die Demokratie
Grundsätzlich wertete Steinmeier Gaming positiv - er selbst ist nach eigener Aussage kein Gamer. Computerspiele seien fester Bestandteil des kulturellen Lebens geworden, sagte er. „Das Klischee des nerdigen Teenagers, der - rund um die Uhr, mit Junkfood und Energy-Drinks - in seiner abgedunkelten Bude zockt, wird der Wirklichkeit nicht gerecht.“
Allein in Deutschland spielten mehr als 40 Millionen Menschen - „manche regelmäßig, einige exzessiv, viele nur gelegentlich“. Es seien Frauen und Männer gleichermaßen, Junge und „nicht mehr ganz so Junge“. „Games sind längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen.“ In ihrer Gesamtheit seien Spiele kulturrelevant und damit auch relevant für Demokratie - „das gilt im Guten wie im Schlechten“.
Die beim Gaming eingesetzten Technologien seien zudem wichtig für Wirtschaftsbereiche wie Medizin, Architektur oder Fahrzeugdesign, so der Bundespräsident. „Wir wollen Ihre Branche hier in Deutschland, wir wollen sie wirtschaftlich stark.“ Das Spielen könnte Menschen wohl helfen, „ihr Leben besser zu bewältigen - als Ventil gegen Stress, als Brücke, um Kontakte zu knüpfen und Einsamkeit zu überwinden, oder indem sie kognitive Fähigkeiten trainieren und das Risiko senken, geistig abzubauen“.

Bei seinem Messerundgang traf Steinmeier eine Figur aus dem Super-Mario-Kosmos: Prinzessin Peach. Foto: Wolf von Dewitz/dpa
Messerundgang mit digitalem Bogenschießen
Anschließend bekam Steinmeier bei einem Messerundgang einen Einblick in die Branche, an Messeständen sprach er mit Firmenvertretern und spielte ein Bogenschießen-Sportgame zur Probe - seine digitalen Pfeile verfehlten das Ziel. Einer überdimensionalen Plüschfigur aus dem Super-Mario-Kosmos, Prinzessin Peach, gab er höflich die Hand.
Die Gamescom begann am Mittwoch; an den fünf Messetagen werden mehr als 350.000 Besucherinnen und Besucher erwartet. Zur Eröffnung des Gamescom-Kongressprogramms trat auch der Geschäftsführer des Branchenverbandes Game an das Mikrofon. Felix Falk betonte, dass Games wichtig für die Demokratie seien. „Games üben genau das, was die Demokratie von uns verlangt: Entscheiden, Verantworten und mit anderen Aushandeln.“
Mit Blick auf die damalige „Killerspiel“-Debatte vor einem Vierteljahrhundert sagte Falk, damals habe man in einer Negativ-Debatte gesteckt. „Daraus haben wir gelernt als Gesellschaft: Heute erkennen wir in unserer Gesellschaft die Potenziale und die Kraft der Games und der Games-Kultur.“

Der Andrang ist groß beim Massenereignis Gamescom. Foto: Wolf von Dewitz/dpa
Kulturfachmann fordert Debatte über Gewaltdarstellungen
Als Redner trat zudem der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats auf, Olaf Zimmermann, der Games als ganz normalen Teil des Kulturbereichs und der Kunst wertete. Er wies darauf hin, dass es keine Kunst ohne Gewaltdarstellungen gebe.
Die Frage sei, wofür man Gewalt darstelle: „Möchte ich die Gesellschaft weiterentwickeln, indem ich Gewalt zeige, oder geht es nur um Klickzahlen? Diese Debatte müssen wir führen, aber sie unterscheidet sich nicht von anderen Kunstbereichen - ich habe diese Debatte in der Literatur, in der Bildenden Kunst, Musik und natürlich auch im Games-Bereich“, sagte Zimmermann. Ein Problem wie Rechtsextremismus komme zwar auch in Games vor, aber längst nicht so stark wie in der Musik.
NRW-Medienminister Nathanael Liminski (CDU) sagte, dass man bei Games nicht mehr über die Frage reden sollte, ob es Kultur sei, sondern wie man Games nutzen könne zum Wohl der Gesellschaft und Demokratie.