Darum putzen Zeugen Jehovas das Hamburger Volksparkstadion
Zehntausende Zeugen Jehovas wollen sich am Wochenende unter dem Motto „Ewiges Glück“ im Volksparkstadion versammeln. Foto: Lilli Förter/dpa
Die Gemeinschaft veranstaltet einen großen Kongress mit 75.000 Menschen und erinnert dabei auch an ihre Opfer in der NS-Zeit.
Hamburg. Die Zeugen Jehovas erwarten an diesem Wochenende mehrere Zehntausend Besucher zu einem Kongress im Hamburger Volksparkstadion. Die Glaubensgemeinschaft rechnet mit insgesamt 75.000 Teilnehmern von Freitag bis Sonntag. Unter ihnen werden rund 5.000 Delegierte aus 25 Ländern sein, teilte der Sprecher von Jehovas Zeugen Norddeutschland, Michael Tsifidaris, mit. Freiwillige der Gemeinschaft putzten am Dienstag bereits das Stadion.
Mit dem internationalen Kongress wollen die Zeugen Jehovas an eine Versammlung auf der Hamburger Moorweide vor 80 Jahren erinnern. 1946 waren nach Angaben des Sprechers in der kriegszerstörten Stadt 4.000 Gläubige aus ganz Norddeutschland zusammengekommen. Nach der Verfolgung unter dem NS-Regime hätten sie ein entschlossenes Zeichen für Frieden und Einheit gesetzt, sagte Tsifidaris.
Der Kongress am Wochenende steht unter dem Motto „Ewiges Glück“. „Wir sind überzeugt: Frieden beginnt mit Herzensbildung. Und nur der Weg des Friedens kann der Weg zu „Ewigem Glück“ sein“, erklärte der Sprecher.
Vor einem großen Kongress der Zeugen Jehovas in Hamburg putzen Freiwillige das Volksparkstadion. Foto: Lilli Förter/dpa
Führungen durch KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Den Angaben zufolge wollen Tausende Kongressteilnehmer auch die KZ-Gedenkstätte Neuengamme besuchen, um sich mit der Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas zu beschäftigen.
Ein besonderer Anziehungspunkt werde die Teilrekonstruktion eines Stalls sein, in dem einst inhaftierte und zwangsrekrutierte Mitglieder der Glaubensgemeinschaft Angorakaninchen zur Wollproduktion züchten mussten. Unter Lebensgefahr hätten sie andere, vom Hungertod gezeichnete Häftlinge mit Nahrung versorgt und heimliche Bibelkurse veranstaltet, erklärte Tsifidaris.
Eigene Guides der Zeugen Jehovas würden Führungen durch das ehemalige Konzentrationslager anbieten, sagte eine Sprecherin der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen. In Kooperation mit der Gedenkstätte werde es auch eine Online-Führung geben.
1.700 Zeugen Jehovas überlebten Verfolgung nicht
Zur NS-Zeit hatten die Zeugen Jehovas, die damals als Bibelforscher bekannt waren, es abgelehnt, den Hitlergruß zu zeigen oder ihre Kinder in die Hitlerjugend zu schicken. Viele verweigerten den Wehrdienst. Ab 1933 wurden sie von den Nazis verfolgt. Tausende wurden verschleppt, inhaftiert und gefoltert. Mindestens 1.700 verloren ihr Leben. Am vergangenen 24. Juni wurde in Berlin ein Mahnmal eingeweiht, das an die Verfolgung und den Widerstand der Zeugen Jehovas erinnern soll.

Im März 2023 hatte der Amoklauf bei den Zeugen Jehovas in Hamburg große Betroffenheit ausgelöst. (Archivbild) Foto: Christian Charisius/dpa
Amoklauf löste international Betroffenheit aus
Vor gut drei Jahren hatte ein Amoklauf die Zeugen Jehovas in Hamburg erschüttert. Am 9. März 2023 war ein ehemaliges Mitglied der Gemeinschaft (35) kurz nach einem abendlichen Gottesdienst in ein Gemeindezentrum im Stadtteil Alsterdorf eingedrungen und hatte sieben Menschen – darunter ein ungeborenes Kind – und sich selbst erschossen. Elf weitere Menschen wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft verletzt. Der Amoklauf hatte in Deutschland und international große Betroffenheit ausgelöst. Seit Anfang Mai finden in dem komplett renovierten Gebäude wieder Gottesdienste statt.