Bauern fürchten neue Parkinson-Einstufung – Appell an Stader Ärzte
Wenn nach dem Job die Schüttellähmung kommt: Parkinson durch chemische Pflanzenschutzmittel ist als Berufskrankheit anerkannt. Foto: IG BAU/Tobias Seifert
Pestizide können Parkinson verursachen. Das hat jetzt konkrete Folgen. Und dabei können Betroffene nicht nur aus der Landwirtschaft kommen.
Landkreis. Parkinson durch häufig selbst angewendete Pestizide wird in die amtliche Liste der Berufskrankheiten aufgenommen. Das Kabinett billigte eine Verordnung des Bundesarbeitsministeriums. Der zuständige Ärzteausschuss beim Ministerium hatte den Schritt empfohlen.
Mehrere Studien belegten, dass die Chemikalien die chronische neurologische Erkrankung verursachen könnten, hatten die Mediziner festgestellt. Die unheilbare Nervenkrankheit löst unter anderem ein starkes Zittern bei gleichzeitiger Muskelstarre aus.
Bauernverband dagegen
Die Arbeitgebervereinigung BDA und der Deutsche Bauernverband hatten Kritik an der geplanten Aufnahme geübt, hinsichtlich der wissenschaftlichen Grundlagen und des geplanten Grenzwerts. Auch die Sorge vor steigenden Beiträgen für die Unfallversicherung wegen der Behandlungskosten spielte nach Medienberichten eine Rolle.
Die Regierung verweist darauf, dass die Landwirtschafts-Sozialversicherung (SVLFG) 2025 und 2026 um 20 Millionen Euro erhöhte Bundeszuschüsse zur Beitragssenkung in der Unfallversicherung erhalten habe. Dabei geht es um die Behandlungskosten für Parkinson-Erkrankte.
Nicht nur Landwirtschaft betroffen
„Wer im Landkreis Stade auf den Feldern oder in Gewächshäusern arbeitet, den kann es treffen: Ein erhöhtes Risiko, Parkinson zu bekommen. Und zwar immer dann, wenn er über Jahre häufig mit Pflanzenschutzmitteln zu tun hatte“, meint Achim Bartels von der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU).
Betroffene müssten laut Bartels nachweisen, dass sie in ihrem Berufsleben mindestens 100 Tage mit chemischen Pflanzenschutzmitteln gearbeitet hätten – also jeweils entweder mit Fungiziden (zur Bekämpfung von Pilzkrankheiten), Insektiziden (zur Bekämpfung von Insekten) oder Herbiziden (zur Bekämpfung von Unkraut), so die IG BAU Hamburg.
Gefahren lauerten nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in der Floristik oder im Bau. „Denn auch bei Sanierungsarbeiten wird mit Pestiziden gearbeitet. Vielen ist gar nicht bewusst, wo überall Pestizide zu finden sind. Gerade im Sanitärbereich kommen häufig Baustoffe mit Anti-Schimmelmitteln zum Einsatz. Und die enthalten oft Pestizide“, erklärt Bartels.
Ärzte im Kreis Stade sollen aufklären
An die niedergelassenen Ärzte im Landkreis Stade appelliert die Agrar-Gewerkschaft, Parkinson-Patienten gezielt anzusprechen, um abzuklären, ob es sich um eine Berufskrankheit handele. Die gesetzlichen Krankenversicherungen fordert die IG BAU auf, Parkinson-Patienten anzuschreiben und zu informieren.
Landwirtschaft „im Blindflug“?
Studie: Pestizide schädigen Europas Böden und Nützlinge
Bartels kündigt außerdem an, dass sich die Gewerkschaft auch dafür einsetzen werde, dass mehr Betroffene die Anerkennung als Berufskrankheit bekommen: „Es geht vor allem um die, die nicht selbst Pflanzenschutzmittel gespritzt haben, die aber zum Beispiel in Gewächshäusern den Pestiziden ausgesetzt waren“, so Bartels. (tip/dpa)
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.