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Missstände

Hölle im Heim? - Prozess um Pflege-Skandal im Harz

Zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Braunschweig benötigte der Staatsanwalt rund zwei Stunden für die Verlesung der Vorwürfe.

Zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Braunschweig benötigte der Staatsanwalt rund zwei Stunden für die Verlesung der Vorwürfe. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Gefälschte Berichte, getäuschte Ärzte: In einem Harzer Pflegeheim sollen Bewohner weggesperrt und ruhiggestellt worden sein. Ein riesiger Prozess soll die Vorwürfe gegen vier Angeklagte klären.

Von dpa Donnerstag, 04.06.2026, 16:25 Uhr

Langelsheim/Braunschweig. Ruhiggestellt und eingesperrt? - Die Vorwürfe lesen sich wie der Alptraum aller Angehörigen älterer Menschen. Aus reiner Profitgier sollen vier Angeklagte die Bewohner eines Pflegeheims im Harz über Jahre hinweg mit Medikamenten außer Gefecht gesetzt und hinter Bettgittern eingesperrt haben. Nicht alle wollen sich im Prozess vor dem Landgericht Braunschweig zu den Anschuldigungen äußern. 

Zum Auftakt der Verhandlung am Donnerstag reichten dem Staatsanwalt zwei Stunden kaum aus, um die Anklage zu verlesen. Aus Sicht der Strafverfolger sind die Angeklagten dafür verantwortlich, dass zwischen Oktober 2017 und September 2020 unhaltbare Zustände in einem umfassenden „Herrschaftsregime“ mit Kontrolle, Angst und Leid in der Einrichtung mit 68 Plätzen in Langelsheim herrschten. 

Wurden Bewohner systematisch ausgeschaltet?

Laut Anklage wurden Berichte zum Gesundheitszustand gefälscht und Ärzte belogen. Die Bewohner seien insbesondere durch sedierende Medikamente systematisch ausgeschaltet worden, um einen aus Sicht der Angeklagten möglichst störungsfreien Pflegebetrieb zu gewährleisten. Sehr „lauffreudige“ Menschen sollen hinter Bettgittern eingesperrt worden sein. 

Eine der vier Angeklagten im Landgericht Braunschweig. Sie soll für die Straftaten der Mitangeklagten Beihilfe geleistet haben.

Eine der vier Angeklagten im Landgericht Braunschweig. Sie soll für die Straftaten der Mitangeklagten Beihilfe geleistet haben. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Die Vorwürfe richten sich in 17 Fällen gegen drei Angeklagte: ein Ehepaar mit einem 60-jährigen Mann und einer 63-jährigen Frau als Betreiber. Eine 51-jährige Frau soll als Leiterin wie ein „verlängerter Arm“ des Ehepaars agiert haben. In 14 Fällen soll eine 59-jährige Angeklagte als verantwortliche Pflegedienstleiterin Beihilfe geleistet haben.

Aufwendiger Prozess bis 2027 geplant

Den Angeklagten wird unter anderem Misshandlung von Schutzbefohlenen, gefährliche Körperverletzung, Freiheitsberaubung in besonders schwerem Fall und gewerbsmäßiger Bandenbetrug vorgeworfen. Der Vorsitzende Richter kündigte an, dass sich die Kammer auf die Vergabe von Medikamenten konzentrieren wolle. 

Am ersten Verhandlungstag kündigten die angeklagten Eheleute an, sich vorerst nicht äußern zu wollen. Die Verteidiger der ehemaligen Heimleiterin und der ehemaligen Pflegedienstleiterin stellten in Aussicht, dass es Einlassungen ihrer Mandantinnen geben werde. Bis zum rechtskräftigen Abschluss des Verfahrens gilt die Unschuldsvermutung.

Bußgelder und Anordnungen vom Landkreis 

Bereits seit 2005/2006 gab es nach Angaben des Landkreises Goslar immer wieder Beschwerden und Hinweise auf mögliche unrechtmäßige Zustände. Als Reaktion habe es insgesamt vier Bußgeldfestsetzungen und drei Anordnungen wie etwa zu einem Belegungsstopp gegeben, teilte ein Landkreissprecher auf Anfrage mit. 2008 und 2011 wurde den beiden Betreibern demnach die Heimleitungstätigkeit untersagt.

Ermittlungen nach einer ersten Strafanzeige aus dem Jahr 2009 wurden nach Angaben aus dem Landkreis eingestellt. Anschließend habe es fortlaufend Mängelberatungen gegeben. Kurz nach einer weiteren Strafanzeige im Februar 2020 sei die Heimleitung ersetzt worden. 

Für den Prozess mit zahlreichen Zeugen sind nun mehr als 50 Verhandlungstermine bis Ende Januar 2027 angesetzt.

Eine der vier Angeklagten im Landgericht Braunschweig. Sie soll die Forderungen der mitangeklagten Betreiber in einem Harzer Heim umgesetzt haben.

Eine der vier Angeklagten im Landgericht Braunschweig. Sie soll die Forderungen der mitangeklagten Betreiber in einem Harzer Heim umgesetzt haben. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

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