Nur kein Jetlag: Nagelsmanns Strategie mit Strandspaziergang
Julian Nagelsmann winkt beim Aussteigen aus dem DFB-Teambus Richtung Fans. Foto: Christian Charisius/dpa
Nach dem Flug in die USA beginnt Julian Nagelsmann mit dem Feinschliff für die WM. Der Bundestrainer bereitet sein Team jetzt auf spezielle Weise vor - und muss gleich wichtige Entscheidungen treffen.
Chicago. Julian Nagelsmann stieg als Letzter aus dem Mannschaftsbus. Er winkte noch schnell in Richtung der wartenden Fans und verschwand dann mit flottem Schritt in dem riesigen Teamhotel mit seinen 60 Stockwerken. Weit mehr als zwei Stunden waren vergangen zwischen der Landung der Fußball-Nationalmannschaft auf dem O’Hare International Airport von Chicago und der Ankunft am Seiteneingang des Waldorf Astoria.
Die Fahrt durch die Rush Hour im Bus mit dem Aufdruck „Windstar“ war ein Vorgeschmack für den Bundestrainer auf die XXL-WM, dem Turnier der großen Herausforderungen und langen Wege. Nach acht Stunden Flug bat Nagelsmann seinen gesamten Kader noch zum Abendspaziergang am Strand des nahen Lake Michigan. Beine ausschütteln, Köpfe freibekommen. Für einen Jetlag hat der Bundestrainer keine Zeit.
Jetzt geht es los mit dem WM-Feinschliff. Aber hinter geschlossenen Türen. Zuschauen beim Training darf auf dem Gelände des Clubs Chicago Fire aus der Major League Soccer jetzt für zwei Tage keiner mehr. Es gibt noch viel zu tun bis zum Turnierstart am 14. Juni in Houston gegen WM-Neuling Curaçao.
Generalprobe gegen US-Team im Blick
In der Step-by-Step-Logik des Bundestrainers, die in Amerika bis zum Finale am 19. Juli führen soll, steht jetzt die WM-Generalprobe gegen Co-Gastgeber USA an. Am Samstag (20.30 Uhr/RTL) geht es für Nagelsmann nicht um eine spezielle Taktik oder Spielidee. Es wird auch keiner der beiden Gruppengegner Elfenbeinküste oder Ecuador, die viel besser sind als Curaçao, simuliert.
Die Prüfung gegen das US-Team lautet für Nagelsmann viel mehr, die Wucht des Turniers bereits zu erahnen und zu fühlen. „Es geht einfach darum, die Emotionalität aufzusaugen und auch bei dem Turnier dann quasi anzukommen“, beschrieb der Bundestrainer seine Chicago-Agenda.
Emotionen im Soldier Field
Im Stadion Solider Field, in dem sonst die Chicago Bears in der National Football League nach Touchdowns streben, rechnet der 38-Jährige mit dem unbeschreiblichen Enthusiasmus der Heimfans. „Ich glaube, es wird ein sehr emotionales Spiel“, sagte er. Die USA hätten seit der letzten Heim-WM 1994 kein größeres Spiel gehabt, meint Nagelsmann.
Ausverkauft ist die Arena mit Platz für mehr als 60.000 Fans. Auch wenn am Tag der Amerika-Ankunft der DFB-Stars an dem Stadion noch nichts auf das Soccer-Duell gegen Germany hinwies. Auf der riesigen Neon-Werbetafel liefen nur die Spots für das Konzert des britischen Songwriters Ed Sheeran Ende Juni und ein Testduell des FC Liverpool gegen Leeds United im August.

Rudi Völler verlässt den Mannschaftsbus der DFB-Elf in Chicago. Foto: Christian Charisius/dpa
Dennoch, die WM wird eine Wucht haben. Darauf hatte auch Rudi Völler abgehoben, kurz vor dem Start in die USA. „Etwas besonders ist diese Wertigkeit“, sagte der 66-Jährige vor seiner insgesamt fünften WM seit 1986 und der ersten in der Funktion als DFB-Sportdirektor. Für jede Karriere, für jeden Spieler, egal wie erfolgreich im Club-Fußball, sei das Weltturnier etwas Besonderes, meinte Völler. In Chicago stieg er als Erster aus dem Teambus.
Für Nagelsmann ist es die erste WM. Und er muss nach der Ankunft bald Entscheidungen treffen: Ist Torwart Manuel Neuer nach seiner Wadenverhärtung jetzt bereit für das Comeback im Nationaltrikot? Wie intensiv kann Nachzügler Kai Havertz als Startelf-Sturmspitze nach dem verlorenen Finale der Champions League mit dem FC Arsenal belastet werden? Und sind die Jungstars Lennart Karl und Nathaniel Brown die richtigen Kandidaten für die erste WM-Elf anstelle der erfahrenen David Raum und Leroy Sané?

Manuel Neuer verlässt den Bus der Fußball-Nationalmannschaft. Foto: Christian Charisius/dpa
Es bahnt sich jetzt noch kurzfristig ein Umbruch im WM-Team an, der nach der erfolgreichen Qualifikation im vergangenen November so nicht zu erahnen war. In Neuer, Brown, Karl und Felix Nmecha drängen formstarke Profis in die Startelf, die auf dem Weg nach Amerika noch keine, kaum eine oder keine Rolle mehr gespielt hatten. Dazu kommen noch Jamal Musiala und Havertz, die wegen ihrer Verletzungen keine einzige Quali-Minute gespielt haben und jetzt ihre Stammplatzrollen wieder einnehmen.
Hoeneß-Kritik im Praxistest
Die von Bayern Münchens Ehrenpräsident Uli Hoeneß geäußerte Kritik, Nagelsmann habe kein WM-Team eingespielt, wird plötzlich durch ein halbes Dutzend Startelf-Kandidaten nachträglich belegt. Was macht das mit den Spielern, die das Ticket zur Endrunde auch für Nagelsmann lösten? Oliver Baumann, der trotz aller Nummer-eins-Beteuerungen für Neuer weichen muss. Auch Leon Goretzka oder Top-Torschütze Nick Woltemade sind die Namen derer, die plötzlich nicht mehr als Stammkräfte gefragt wären.
Droht da eine Unzufriedenheit im Team, die Nagelsmann mit seiner Philosophie der klaren Rollen eigentlich verhindern wollte? Angesprochen auf diese Personalstrategie wirkte der Bundestrainer zuletzt ein wenig gereizt.
„Ja, diese Rollenspiele haben einen ganz großen Teil der Berichterstattung der letzten Wochen und Monate eingenommen“, sagte der Bundestrainer. Letztlich hätten sie aber immer nur den aktuellen Ist-Zustand beschrieben - Änderungen vorbehalten. Die Tage in Chicago weisen den WM-Weg.