Zähl Pixel
Kultur

Politisches Kino siegt bei Berlinale - Hauptpreis für Çatak

Erstmals seit 22 Jahren gewann mit „Gelbe Briefe“ der Film eines deutschen Regisseurs.

Erstmals seit 22 Jahren gewann mit „Gelbe Briefe“ der Film eines deutschen Regisseurs. Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Selten wurde bei der Berlinale so heftig darum gerungen, wie politisch Kunst sein muss. Eine Debatte, die sich auch auf die Preisverleihung auswirkt. Samt einem Minister, der den Saal verlässt.

Von Julia Kilian, Lisa Forster, Sabrina Szameitat, Pet Sonntag, 22.02.2026, 06:05 Uhr

Berlin. Diese Momente liefern die Antwort darauf, wie politisch die Berlinale denn nun eigentlich ist. Da steht İlker Çatak auf der Bühne und nimmt den Goldenen Bären für sein Politdrama „Gelbe Briefe“ entgegen. Da ist die Rede eines Regisseurs zum Gaza-Krieg, die dazu führt, dass Umweltminister Carsten Schneider den Saal verlässt. Und da sind eine Festivalchefin und ein Jurypräsident, die versuchen, mehr Zwischentöne in eine aufgeheizte Debatte zu bringen.

Die Berlinale endet mit einer Gratwanderung zwischen Meinungsfreiheit und politischer Polarisierung. Und mit Auszeichnungen für Filme, die Politik anders interpretieren als mit kurzen Statements.

Wovon der Gewinnerfilm erzählt

Das gilt insbesondere für den Preisträger „Gelbe Briefe“. Erstmals seit 22 Jahren und Fatih Akins „Gegen die Wand“ holt ein deutscher Regisseur wieder die Trophäe für den besten Film. Çatak („Das Lehrerzimmer“) erzählt von einem türkischen Paar, das wegen seiner politischen Meinung unter Druck gesetzt wird - und sich fragen muss, wie weit es für seine Überzeugungen gehen will.

Ilker Çataks bekam für seinen Film den Goldenen Bären.

Ilker Çataks bekam für seinen Film den Goldenen Bären. Foto: Christoph Soeder/dpa

Der Film zeigt auf drastische Weise, was passieren kann, wenn sich der Raum für politische Diskussionen verengt oder gar schließt. Man könne ihn als furchtbare Vorahnung verstehen, „als einen Blick in die nahe Zukunft, die möglicherweise auch in unseren Ländern passieren könnte“, sagt Jurychef Wim Wenders. Der Film gehe allen unter die Haut, die in ihrem Land oder in ihrer Nachbarschaft die Zeichen von Willkürherrschaft sähen.

Palästinensischer Regisseur kritisiert Bundesregierung

Dass die Jury den Hauptpreis an das Politdrama vergibt, kann man auch als Zeichen verstehen. Selten wurde bei der Berlinale so heftig darum gerungen, wie politische Diskurse geführt werden sollen. Und das nicht nur während des Festivals - sondern auch bei der Abschlussgala.

Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib gewinnt mit „Chronicles From the Siege“ den Preis für das beste Spielfilmdebüt und verbindet seine Dankesrede mit scharfer Kritik an der Haltung der Bundesregierung im Gaza-Krieg. „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war“, sagt der Filmemacher, der eine palästinensische Flagge mitbringt.

Bundesminister Schneider verlässt den Saal

Der deutschen Regierung wirft Alkhatib vor, sie sei faktisch Partner „des Völkermords im Gazastreifen“. Israels Regierung streitet ab, im Gazastreifen einen Völkermord zu begehen - das ist auch die Position der deutschen Regierung - und spricht von Selbstverteidigung nach dem Terrorangriff islamistischer Extremisten auf den jüdischen Staat am 7. Oktober 2023. 

Regisseur Abdallah Alkhatib trat mit palästinensischer Flagge auf die Bühne.

Regisseur Abdallah Alkhatib trat mit palästinensischer Flagge auf die Bühne. Foto: Christoph Soeder/dpa

„Bundesminister Schneider hält diese Aussagen für nicht akzeptabel“, teilt ein Sprecher seines Ministeriums später mit. Der SPD-Politiker sei als einziger Vertreter der schwarz-roten Bundesregierung bei der Gala gewesen, so der Sprecher. Während der Rede Alkhatibs habe Schneider den Saal verlassen.

Zuvor hatte bereits die libanesische Filmemacherin Marie-Rose Osta, die für ihren Kurzfilm ausgezeichnet wurde, auf der Bühne die israelische Kriegsführung kritisiert, ohne das Massaker am 7. Oktober anzusprechen. Moderatorin Désirée Nosbusch sagte danach, sie sei sich „sicher, dass unsere Herzen bei all den Menschen sind, die leiden, sei es durch Kriege oder durch Terrorismus“.

Die Abschlussgala sei wie das Festival selbst gewesen, sagt Berlinale-Chefin Tricia Tuttle. „Es ist ein Ort, an dem Künstler sprechen können, und manchmal sprechen sie auf eine Art und Weise, die unbequem oder umstritten ist, aber es ist wichtig, dass wir diesen Raum bieten.“ Nicht immer habe sich diese Auseinandersetzung gut angefühlt. 

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) kritisierte das Vorgehen einiger Künstler: Propalästinensische Aktivisten hätten auf der Berlinale mit Israel-Hass, Aggressivität und Nötigungen zu Bekenntnissen „ihre hässliche Fratze“ gezeigt. „Es wurden Jury-Arbeiten und Preisverleihungen für politische Destruktion missbraucht und vielen Künstlerinnen und Künstlern ihr einmaligen Moments der Würdigung ihre Arbeit genommen“, sagte Weimer der Deutschen Presse-Agentur. Offene Kontroversen und breite politische Debatten gehörten zur DNA der Berlinale, so der Staatsminister weiter. „Aber der Israel-Hass und die Aktivisten-Aggressivität bewussten Missverstehens sind das Gegenteil von humanistischer Toleranz.“

Müssen sich Filmschaffende politisch positionieren?

In einem offenen Brief hatten mehrere Filmschaffende der Berlinale vorgeworfen, sich nicht ausreichend zum Gaza-Krieg zu positionieren, gar von Zensur gesprochen. Tuttle widersprach und nahm auch Jurypräsident Wenders in Schutz, der für seine Aussage kritisiert worden war, Filmschaffende sollten sich aus der Politik heraushalten. Aus seiner Antwort sei nur ein Ausschnitt herausgegriffen worden, betonte Tuttle.

Die Frage, ob Filmschaffende oder andere Künstler sich politisch äußern sollen oder gar müssen, wird nicht erst seit kurzem diskutiert. Allerdings scheint der Diskurs vehementer, die Polarisierung größer geworden zu sein. Künstler wurden während der Berlinale wiederholt zu ihrer politischen Haltung befragt. Ein Festivalraum müsse aber kein Parlament sein, sagt Regisseur Ameer Fakher Eldin auf der Bühne.

Wenders richtet Appell an politische Aktivisten

Wenders hat ein großes Notizbuch dabei, aus dem er eine Art Appell an politische Aktivisten vorliest, die ihn zuletzt so vehement kritisiert hatten: „Wie die Filme der Berlinale deutlich zeigen, applaudieren euch die meisten von uns Filmemachern. Wir alle applaudieren euch. Ihr macht eine notwendige und mutige Arbeit, aber muss sie in Konkurrenz zu uns stehen? Müssen unsere Sprachen aufeinanderprallen?“

Jurypräsident Wim Wenders hatte sich eine Rede im Notizbuch notiert.

Jurypräsident Wim Wenders hatte sich eine Rede im Notizbuch notiert. Foto: Christoph Soeder/dpa

Während soziale Medien schnell und wirkungsvoll für humanitäre Anliegen mobilisieren könnten, zeichne sich das Kino durch Empathie, Komplexität und nachhaltige Wirkung aus, führt er aus. 

Viele der ausgezeichneten Filme erzählen Geschichten, die sich zu größeren sozialen oder politischen Zusammenhängen öffnen. Das gilt für Çataks „Gelbe Briefe“, aber auch für andere Preisträger. Alkhatibs „Chronicles From the Siege“ erzählt davon, wie Menschen versuchen, eine Besatzung zu überleben.

Sandra Hüller gewinnt ihren zweiten Bären

Schauspielerin Sandra Hüller gewinnt ihren zweiten Silbernen Bären für „Rose“. Darin gibt sie sich im 17. Jahrhundert als Mann aus, weil sie nur so ein selbstbestimmtes Leben führen kann.

Den Großen Preis der Jury erhält die Tragödie „Kurtuluş“ des türkischen Regisseurs Emin Alper. Stilistisch an einen Western erinnernd, handelt der Film vom mörderischen Kampf zweier Dorfgemeinschaften gegeneinander.

Schauspielerin Sandra Hüller wurde für ihre Hauptrolle im Drama „Rose“ geehrt.

Schauspielerin Sandra Hüller wurde für ihre Hauptrolle im Drama „Rose“ geehrt. Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Das Demenzdrama „Queen at Sea“ des US-Amerikaners Lance Hammer wird mit zwei Preisen ausgezeichnet. Der Film erhält den Preis der Jury. Zudem gewinnen Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay aus Großbritannien einen Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle.

Çatak beschreibt die Botschaft seines Gewinnerfilms so: „Dass wir uns mit Fragen auseinandersetzen, die komplex sind und nicht in einer Botschaft verpackt werden können, sondern in einem Prozess des Dialogs.“ Erkenntnis erreiche man „Stück für Stück“. „Und nicht mit Slogans, nicht mit Sprüchen auf Social Media, sondern im Diskurs.“ Es ist eine Botschaft, bei der er vermutlich auch die Berlinale selbst im Kopf hat.

„Gelbe Briefe“ handelt von einem türkischen Paar, das wegen seiner politischen Meinung unter Druck gerät.

„Gelbe Briefe“ handelt von einem türkischen Paar, das wegen seiner politischen Meinung unter Druck gerät. Foto: Britta Pedersen/dpa

Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall bekamen den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle.

Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall bekamen den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle. Foto: Christoph Soeder/dpa

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel

Heilige Konkurrenz

Der Reliquienkult ist in der katholischen Kirche weit verbreitet. Nun stellt sie erstmals Franz von Assisis Knochen zur Schau. Erwartet werden Hunderttausende - zumal in der Nähe noch jemand liegt.

Rumänien wird Ehrengast bei Buchmesse

Es ist eine Chance, seine Kultur zu präsentieren und Übersetzungen ins Deutsche zu steigern: Nach Tschechien und Chile kommt 2028 Rumänien als Ehrengast zur Frankfurter Buchmesse.