Razzia gegen junge Neonazis führt in den Kreis Cuxhaven
Im Landkreis Cuxhaven sollen Wohnungen durchsucht worden sein. Symbolbild) Foto: Christoph Soeder/dpa
Die Polizei durchsucht Objekte in mehreren Bundesländern. Es geht um die führenden Köpfe hinter Vereinigungen wie „Jung und Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“. Das ist bekannt.
Berlin/Cuxhaven. Schlag gegen rechtsextreme Jugendgruppen: Die Bundesanwaltschaft hat Räume von 36 mutmaßlichen Mitgliedern der Gruppen „Jung und Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“ in zwölf Bundesländern durchsuchen lassen. Ihnen wird Bildung oder Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen, wie die Ermittlungsbehörde in Karlsruhe mitteilte.
Den meisten Beschuldigten werde Rädelsführerschaft zur Last gelegt. Gegen acht Beschuldigte werde auch wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt.
In Niedersachsen habe es Durchsuchungen im Landkreis Cuxhaven gegeben. Hier sollen wie auch in Celle, Braunschweig und den Landkreisen Goslar und Helmstedt Wohnungen aufgesucht worden sein.
Wie die „Cuxhavener Nachrichten“ berichten, seien laut Sprecher des Generalbundesanwalts „Durchsuchung bei einem Unverdächtigen“ durchgeführt worden. Weiter heißt es: „Das ist jemand, der nicht beschuldigt ist im Verfahren, wo aber davon ausgegangen werden kann, dass dort eventuell auch Beweise gefunden werden können.“
Der jüngste Beschuldigte soll 16 Jahre alt sein. Es gebe nur Durchsuchungen, Festnahme seien keine geplant, sagte die Sprecherin. Die meisten Beschuldigten gibt es in Nordrhein-Westfalen (9) sowie in Brandenburg und Sachsen (je 5).
Jugendliche werden gezielt angeworben
Ein Sprecher des Innenministeriums in Hannover sagte, die von der Razzia betroffenen Organisationen stünden auch im Fokus der niedersächsischen Sicherheitsbehörden. Insgesamt sei es eine besorgniserregende Entwicklung, dass immer jüngere Menschen sich in rechtsextremen Organisationen zusammenfinden und zum Teil auch sehr gewalttätig seien.
„Vieles passiert da online, passiert über Social Media. Da werden auch gezielt tatsächlich Jugendliche angeworben von der rechtsextremen Szene. Vor diesem Hintergrund sind die Maßnahmen heute sicherlich eine gute Antwort des Rechtsstaats auf solche Tendenzen“, sagte der Sprecher.

Teilnehmer der Protestveranstaltung gegen den Christopher Street Day (CSD) in Berlin. (Archivbild) Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Gewalttaten gegen politische Gegner
Die Gruppen existieren nach Angaben der Bundesanwaltschaft seit Mitte 2024, sie seien bundesweit organisiert und hätten in den Ländern Regionalgruppen. „Deutsche Jugend voran“ trete bisweilen unter dem Namen „Neue Deutsche Welle“ auf. Die Mitglieder vernetzten sich sowohl über soziale Medien als auch bei regelmäßigen Treffen. Dabei werde zu Gewalttaten gegen politische Gegner sowie gegen vermeintlich Pädophile aufgerufen.
„Einige Beschuldigte sollen dementsprechend Angehörige der linken Szene oder Personen angegriffen haben, die sie für pädophil hielten. Die Opfer wurden jeweils von mehreren Angreifern geschlagen und trugen nicht unerhebliche Verletzungen davon“, hieß es.
Gegen alles „linke“
Der Potsdamer Politologe Christoph Schulze sagte der Deutschen Presse-Agentur, „Deutsche Jugend Voran“ und „Jung und Stark“ wendeten sich gegen „alles, was als links und Antifa“ wahrgenommen werde und gegen die LGBTIQ-Community, zu der Schwule und Lesben gehören.
„Deutsche Jugend Voran“ sei im Zusammenhang mit Protesten gegen CSD-Veranstaltungen in Ostdeutschland aufgefallen, sagte Schulze, der an der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle am Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam arbeitet. Dort seien sie aggressiv aufgetreten und hätten Slogans gerufen, darunter die menschenverachtende Parole „HIV hilf uns doch, Schwule gibt es immer noch“.
Schulze sagte, diese Gruppen seien nicht organisatorisch gefestigt. Aber es herrsche dort eine „Gewaltkultur“. Der Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung sei ein „scharfes Schwert“, sagte Schulze. „Es wird sich zeigen müssen, ob sich das erhärten lässt.“
Angriffe auf Paraden zum CSD
In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Störungen und Angriffe auf Paraden am Christopher Street Day, der den Rechten lesbischer, schwuler und anderer queerer Menschen gewidmet ist. Bei einer Demo gegen den CSD in Falkensee in Brandenburg im vergangenen Sommer trugen Mitglieder T-Shirts mit der Aufschrift: „Aktivistisch“, „heimattreu“ und „kampfbereit“. Auch in Bernau protestierte die „Deutsche Jugend Voran“ gegen die Parade der queeren Community.
Immer wieder gingen Polizei und Staatsanwaltschaft bereits gegen mutmaßliche Mitglieder vor. Das Berliner Landgericht verurteilte im April 2025 einen Rädelsführer unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung zu drei Jahren und drei Monaten Haft. Auch im September 2025 hatte es Durchsuchungen in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg gegen die rechtsextremistischen Jugendgruppen gegeben.
Einige Hundert Anhänger
Wie der „Spiegel“ unter Berufung auf das Bundesamt für Verfassungsschutz meldet, sollen Mitglieder der beiden Gruppen in den vergangenen Monaten wiederholt bei Veranstaltungen der neonazistischen Partei „Die Heimat“ (vormals NPD) und ihrer Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ festgestellt worden sein. Diese bemühten sich, die Aktivisten zum Eintritt in Parteistrukturen zu bewegen.
„Jung und Stark“ war 2025 nach Angaben aus Sicherheitskreisen die größte der Jugendgruppen mit einigen Hundert Anhängern. Die Anhängerzahl von „Deutsche Jugend Voran“ wurde damals auf mehr als hundert geschätzt. Weitere relevante Vereinigungen seien „Der Störtrupp“ sowie die Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“. Mutmaßliche Angehörige dieser Gruppe stehen aktuell in Hamburg wegen mehrerer Gewalttaten vor Gericht.
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