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Tierquälerei in Düdenbüttel

Es ist möglich, dass über dem Schlachtbetrieb in Düdenbüttel Fleisch von kranken Tieren in den Handel gelangt ist. Das ist eine Erkenntnis der Aufarbeitung des Skandals. War kriminelle Energie im Spiel? Welche Rolle spielt das Kreisveterinäramt? Was sagt die Poltik? Ein Überblick.

Von Karsten Wisser 05.06.2019, 19:45 Uhr
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Wie berichtet, brachten mit versteckten Kameras gemachte Aufnahmen der Tierschutzorganisation „SoKo Tierschutz“ ans Licht, dass in dem Schlachtbetrieb offenbar systematisch kranke und verletzte Tiere geschlachtet worden sind. Die Aufnahmen beweisen, dass viele Tiere bereits auf den Höfen in einem so schlechten Zustand waren, dass schon die Transporte illegal worden. Die Tiere wurden mithilfe einer Seilwinde auf die Anhänger der Firma gezogen und müssen dabei sehr gelitten haben. Die Video-Aufnahmen dieser Tierquälerei sind so schlimm, dass das TAGEBLATT diese Aufnahmen nur mit einem Warnhinweis veröffentlicht hat. Seitdem steht der Vorwurf im Raum, dass hier gegen die Regeln der Transporttauglichkeit und der Lebensmitteltauglichkeit verstoßen worden ist. Am Dienstag war der Skandal Thema im Wirtschaftsausschuss des Stader Kreistags.

Weil offenbar schon über einen längeren Zeitraum auch kranke Tiere in Düdenbüttel angeliefert worden sind, gehen sowohl Friedrich Mülln von der SoKo Tierschutz als auch Diana Plange, erste hauptamtliche Tierschutzbeauftragte des Landes Berlin mit Wohnsitz im Landkreis Stade, davon aus, dass das Fleisch von kranken Rindern in den Verzehr gekommen ist. Plange war in ihrer Funktion als Vorsitzende des Vereins „Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft“ vor Ort und hat bis 2005 selbst für das Stader Veterinäramt gearbeitet.

Selbst nach der Strafanzeige durch die „SoKo“ konnten noch vier Tonnen Fleisch aus dem Kühllager des Unternehmens abtransportiert werden. Der Großteil der Lieferung ging in die Niederlande, ein kleinerer Teil nach Hamburg. Klar ist, dass die Lieferung in die Niederlande zurückgeholt worden ist und nach einer Untersuchung auf die Verzehrbarkeit vernichtet wurde. Die Frage, wo das Fleisch der Hamburger Lieferung geblieben ist, konnte die Kreisverwaltung am Mittwoch nicht beantworten. Das Fleisch wurde nicht auf Rückstände von Antibiotika untersucht.

Die SoKo Tierschutz hat mit ihrer Arbeit dafür gesorgt, dass sieben Schlachthöfe bundesweit geschlossen worden sind. Besonders aus dem Skandal in Bad Iburg haben die Tierschützer genaue Kenntnisse über den Verbleib von minderwertigem Rinderfleisch. 60 Prozent nehmen demnach eine Handvoll Großhändler ab, die sich auf dieses Fleisch spezialisiert haben und es fast weltweit verkaufen – im Bad Iburger Fall bis nach Saudi Arabien. Ein größerer Posten ging laut SoKo in Bad Iburg auch an regionale, oft „russische oder orientalische Lebensmittelhändler“. Friedrich Mülln gibt diesen Anteil mit 20 Prozent an. Der aus Düdenbüttel belieferte Betrieb in den Niederlanden liefert sein Fleisch oft nach Skandinavien.

Jedes Tier muss vor der Schlachtung von einem amtlichen Veterinär begutachtet werden. Das Fleisch des geschlachteten Tieres muss anschließend ebenfalls durch einen amtlichen Tierarzt begutachtet werden. Dafür waren in Düdenbüttel zwei amtlich bestellte Tierärzte mit eigener Praxis zuständig. Die Tierärzte sind bei einem Betrieb in der Größenordnung (135 Schlachtungen in der Woche) nicht permanent vor Ort. Außerdem gab es in jeder Woche zwei unangemeldete Kontrollen auf dem Schlachtbetrieb. Trotzdem wurden die offenbar systematischen Verstöße gegen geltendes Recht durch den Betrieb nicht erkannt.

Die zuständige Dezernentin Nicole Streitz machte in der Sitzung des zuständigen Kreis-Wirtschaftsausschusses deutlich, dass sie davon ausgeht, dass die gequälten und oft in einem schlechten Zustand befindlichen Tiere von ihren Mitarbeitern nicht gesehen worden sind. Aufgrund der auch gegen das Stader Kreis-Veterinäramt laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft konnte Nicole Streitz dazu nicht mehr sagen. Diese These wird aber durch die Aufnahmen der SoKo Tierschutz gestützt. Es ist nur einmal ein amtlicher Tierarzt zu sehen. Die Recherechen der Kreisverwaltung haben für diese Szene ergeben, dass es sich um ein notgeschlachtetes Tier gehandelt hat.

Da viele der kritischen Aufnahmen aus dem Betrieb in der Zeit der eigentlichen Mittagspause gedreht worden sind, steht jetzt aus Sicht der Politik die Frage im Raum, ob im Betrieb Rinder mit krimineller Energie an den Kontrollen vorbeigeschafft worden sind. Das bedürfte aufgrund der Vorschriften und der Meldepflichten aber schon eines planvollen Vorgehens.

„Das ist ein krasses Beispiel für Behördenversagen“, sagt Friedrich Mülln. Dabei ist für ihn die Frage, ob die Mitarbeiter des Veterinäramts weggeschaut haben oder ausgetrickst worden sind, eine untergeordnete Rolle. „Fakt ist, dass das Veterinäramt die schlimmen Zustände nicht entdeckt und nicht abgestellt hat“, sagt er.

Matthias Steffen von der CDU sah die Kreisverwaltung ebenso entlastet wie sein Kollege Horst Wilkens. „Da war kriminelle Energie im Spiel“, sagte Steffen und Wilkens ergänzte, dass das Veterinäramt weiterhin sein volles Vertrauen genießt. „Wenn man sich an die Gesetze hält, funktioniert das System, wenn nicht, bringt man den ganzen Berufsstand in Verruf“, sagte Frank Buchholz, selbst Landwirt und Kreistagsabgeordneter der Freien Wählergemeinschaft (FWG). Aus seiner Sicht sei dieses „irre System“ dadurch entstanden, dass der Betrieb in Düdenbüttel das Angebot gemacht habe, bedenkliche Tiere abzuholen. Astrid Bade von der SPD appellierte an die Verbraucher, darüber nachzudenken, wie gut ein Tier aufgewachsen sein kann, dessen Fleisch am Ende beim Discounter für einen Spottpreis angeboten werde.

„Wir sind der SoKo Tierschutz sehr dankbar, dass sie den Skandal aufgedeckt hat“, sagte Hartwig Holthusen, Fraktionsvorsitzender der Grünen. „Es ist gut, dass es solche Organisationen gibt.“ Benjamin Koch-Böhnke von der Linke wollte wissen, ob das Veterinäramt genug Personal habe und bekam darauf die Antwort, dass die Besetzung dem Landesdurchschnitt entspreche. „Es ist bekannt, dass die Veterinärämter bundesweit unterbesetzt sind“, sagte Diana Plange.

Der Familienbetrieb in Düdenbüttel wurde nach Bekanntwerden der Anzeige sofort gesperrt. Anschließend gab er die EU-Zulassung zurück und kam einer Schließung durch Behörden wohl zuvor. Der Betreiber will sich zu den jetzt noch massiveren Vorwürfen nicht äußern, so Rechtsanwalt Heinz-Jürgen Klüsener auf TAGEBLATT-Nachfrage.

Die noch nicht abgeschlossene Sichtung des Videomaterials durch das Kreis-Veterinäramt konnte insgesamt zwölf Halter von Kühen ermitteln, die in die Vorfälle verstrickt sind. Acht davon kommen aus dem Landkreis Stade. Das Veterinäramt hat bei sechs davon unangemeldete Kontrollen durchgeführt. Einer blieb ohne Beanstandung, für die fünf anderen gab es Auflagen. Keiner der Betriebe war vorher auffällig geworden. Insgesamt gibt es knapp 600 Rinderhalter im Landkreis mit 110 000 Tieren. „Wer so etwas macht, ist für mich kein Berufskollege mehr“, hatte Kreislandwirt Johann Knabbe die Vorgänge kommentiert.

Ein Interview mit Friedrich Mülln von der SoKo Tierschutz lesen Sie morgen TAGEBLATT online.

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