Mit 70 Jahren gründet Susann Till ihr Unternehmen „BySusann“. Heute verkauft sie ihre Chutneys in mehreren Hundert Feinkostläden. Fotos Susann Till
Susann Till wagte im Alter von 70 Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit: mit selbst gemachten Chutneys. Seither ist sie geschäftlich erfolgreich und ständig in den Medien. Ein Besuch in Susann Tills Haus am Stadtrand in Stade – Kräutergarten, Chutney-Küche und Firmenzentrale in einem.
Die schnörkellose Küche aus den 70ern ist einfach nur weiß übergepinselt. Auf den Herdplatten stehen die überdimensionierten Töpfe, in denen vor sich hinköchelt, was auf den ersten Blick nur schwer zu identifizieren ist. Der Geruch exotischer Gewürze wabert durch den viel zu kleinen Raum, in dem Susann Till und zwei Mitarbeiterinnen kochen. Geschnippelt wird hier schon lange nicht mehr – sondern auf einer nachgerüsteten Arbeitsplatte drüben im Büro, einmal quer über den Flur.
Susann Till, 73, kocht Chutneys. Für alle, die Chutneys noch nicht kennen: Sie sind sozusagen die indische Variante von Marmelade, wenngleich herzhaft und deutlich würziger. Chutneys sind in Deutschland nicht erst seit kurzem im Kommen. In fast 300 Feinkostläden haben es die Kreationen ihrer Firma „BySusann“ aus Stade schon geschafft. Und der Online-Shop boomt.
„Ich koche nach Farben“, sagt die 73-Jährige und löst bei nichtkulinarischen Menschen Verwirrung aus. Zitrone, Birne, Banane, Zwiebel, gelbe Paprika, Ingwer, Senfkorn, Curry, ein paar Gewürze und noch eine Handvoll geheimer Zutaten kommen ins Zitronen-Chutney. „Das ist so bekömmlicher für den Magen“, erklärt sie. Das sei ihr klar geworden, weil ihr zweiter Ehemann herkömmliche Gerichte nicht gut vertragen habe. Außerdem passten die Früchte einer Farbe meist geschmacklich zueinander.
Susann Tills beschauliches Haus (ihr eigenes, wie sie betont) steht in zweiter Reihe in der Harsefelder Straße am Ortsausgang. Von weitem kündigt sich ihr Handwerk mit der vollen olfaktorischen Gewalt an. Sie empfängt ihren Besuch mit perlmuttfarbenen Ohrringen, getigerter Retro-Brille und einem unaffektierten Lächeln an der Eingangstür. Das Innere der Wohnung ist an Gemütlichkeit kaum zu übertreffen.
Chutneys zählen hierzulande nicht gerade zu den Grundnahrungsmitteln, sondern sind etwas für Gastro-Enthusiasten. Dass 7,50 Euro für ein Glas würzig eingemachter Früchte happig sind, weiß auch Susann Till. „Es ist eben kein schnelles Produkt“, sagt die Köchin. An der sorgfältigen Herstellung und den vergleichsweise kleinen Chargen will sie aber nichts ändern. Dann wäre es nicht mehr das Gleiche, betont sie, und fügt hinzu: „Ich bin halt nicht massentauglich.“
„Kleine Portionen kann ich nicht kochen“, sagt Susann Till.
Im Landkreis ist Susann Till keine Unbekannte. Sie bekommt 2013 einen Gründerstar. Seitdem ist sie in fast allen überregionalen Medien irgendwie in Erscheinung getreten. Die „Süddeutsche Zeitung“ schickt sie zu einem Gewürz-Tasting nach Indien. Für ein Hotel in Vietnam darf sie zwei landestypische Chutneys kreieren. Und Ex-Bundespräsident Joachim Gauck lädt Susann Till zu einer Ausstellung zur deutschen Handwerkskunst ein.
Susann Till ist auch deshalb ein begehrter Gesprächspartner, weil ihr bemerkenswerter Sinn für das Zusammenspiel von Aromen nur mit einer genauso bemerkenswerten Biografie zu verstehen ist. „Die Schnittmenge zwischen Kochen und Mode ist riesig“, sagt die gelernte Schneiderin, die sich und ihre Kinder die längste Zeit mit Couture ernährt. Womöglich rührt auch daher ihr Farbenlehre-Ansatz. Ursprünglich kommt sie aus Süddeutschland und aus reichem Elternhaus noch dazu, wie sie zwar beiläufig erwähnt, aber lieber nicht vertiefen möchte. Nur: Geholfen habe ihr das niemals – eher im Gegenteil.
Eigentlich möchte Susann Till auch nicht über Küchen-Philosophie reden. Lieber möchte die Frau, die zupackt, statt nur zu reden, über die gut integrierten Flüchtlingsfrauen aus der Nachbarschaft sprechen, die vor kurzem mitsamt Familie an den Stadtrand umziehen mussten. Oder über Kochbücher in Planung. In einem davon sollen Kinder mit Fluchtbiografie ihr Lieblingsrezept kochen dürfen.
Unweigerlich schweift Susann Till aber ab und sinniert über Aromen und Komposition. Ohnehin bekommt man den Eindruck, kochen sei bei ihr etwas Spontanes („die Ideen kommen mir im Stress“), ohne jede Betriebsanleitung. Susann Till kocht nicht nach grammgenauen Rezepturen. Chutneys seien ohnehin Ergänzung, keine geschmacklichen Totschläger. Ein Gespräch mit ihr gleicht einem zweistündigen Crash-Kurs in Aromenlehre. Und offenbar ist das Wissen profund: Sternekoch Christian Rach aus Hamburg ruft noch gelegentlich an, um sich auszutauschen.
„Man arbeitet sich die Wehwehchen weg, aber der Kopf braucht immer Arbeit“, sagt Susann Till. Den Blick senkt sie auf die Hände, die sie immer mal wieder mit schmerzverzerrtem Gesicht hält. Gesundheitlich hat sie einige Tiefpunkte hinter sich. Es hätte nicht viel gefehlt und die Ärzte hätten ihr nach einer Blutvergiftung eine Hand amputieren müssen. Nach mehreren schweren Rückenoperationen werden ihr nur kleine Heilungschancen attestiert. Die Staderin muss wochenlang ein metallenes Korsett tragen und hätte eigentlich nie wieder laufen können.
Eigentlich. Denn Susann Till will das nicht wahrhaben und taucht mit 70 Jahren morgens auf der Tartanbahn am Sportplatz um die Ecke auf, um das Laufen neu zu lernen. Immer im Glauben an die Selbstheilungskräfte, denn die Schulmedizin hält ja keine Antworten mehr für sie parat. „Die preußische Disziplin habe ich von meinem Vater“, sagt sie. An guten Tagen macht sie heute sogar den Garten wieder selbst.
Susann Till kommt aus der Küche zurück ins Wohnzimmer mit cremefarbenem Teppich und Jugendstil-Mobiliar. Sie hält dem Besucher ein Plastikgefäß mit aromatisiertem Zucker unter die Nase. „Hier, das müssen Sie probieren“, sagt sie in fast befehlshaberischem Duktus. Und als wäre das Erzählte nicht genug für drei Biografien, erwähnt sie, dass ihr Ehemann gestorben sei und sie selbst daraufhin einen Schlaganfall erlitt, weshalb sie mehrere Tage im Koma lag. Die Ärzte haben sie bereits abgeschrieben – zum zweiten Mal – und wollen sie in ein Pflegeheim geben. Susann Till entlässt sich auf eigene Verantwortung aus der Klinik.
Man hat ihr in ihrem Leben oft genug die Dinge vorgehalten, die sie nicht kann. Also entscheidet sie sich für die Selbstständigkeit: mit Chutneys. Nachhaltigkeit ist ihr dabei wichtig, ohne in Dogmatismus zu verfallen. Sie verwende, wann immer möglich, regionale Zutaten. „Hier bei uns im Alten Land gibt es doch so tolles Obst und alte Sorten, die kaum einer kennt“, sagt die Frau, die für ihr Kirsch-Chutney noch den letzten Rest Geschmack aus den Steinen kocht. Fertiggerichte würde sie aber nie grundsätzlich an den Pranger stellen.
Den Gründerstar 2013 hat Susann Till in der Kategorie „Mutmacher“ bekommen. Ihre Vita zeigt: nicht grundlos. Damals wurde sie als „alternde Jungunternehmerin“ betitelt – auch heute findet sie die Bezeichnung immer noch nicht witzig. In einer Talkveranstaltung wurde die Gründerin einmal gefragt, wo sie sich in zehn Jahren sehe. Dann wäre sie 83 Jahre alt. Susann Till musste für die Antwort gar nicht lange überlegen: „Bis dann überlege ich mir ein ganz neues Geschäftsfeld.“
Neun verschiedene Chutney-Sorten hat die Unternehmerin regelmäßig im Angebot, darunter die Sorten Apfel, Orange, Feige-Pflaume oder Tomate. Ihr persönlicher Favorit: Zitronen-Chutney.
Susann Till vertreibt mittlerweile neun Chutneys und weitere sechs saisonale Sorten wie Spargel, Quitte und Walnuss. Außerdem stellt sie Pralinen mit Chutney-Füllung, Öle und Cantuccini her. Informationen und Produkte gibt es im Internet. www.bysusann.de