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Was der Fußball für das Leben bringt

Ewald Lienen, der Mahner der Fußball-Branche mit dem Haspa-Regionaldirektor Arent Bolte (links). Foto Stephan

Ewald Lienen, der Mahner der Fußball-Branche mit dem Haspa-Regionaldirektor Arent Bolte (links). Foto Stephan

Von Haus aus Fußballer, aber auch schon immer ein Querdenker: Ewald Lienen kennt die Mechanismen seiner Branche wie kaum ein anderer. Als Gastredner bei der Haspa begeisterte er am Mittwochmorgen Unternehmer und Manager aus der Immobilienwirtschaft.

Von Wolfgang Stephan 06.02.2019, 19:30 Uhr
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Rebell, Mahner, Systemkritiker: An Ewald Lienen kleben viele Etiketten, die aber nur in der Summe dem Mann gerecht werden, den viele heute als das moralische Gewissen des Profi-Fußballs sehen. Als TV-Experte kritisiert der 65-Jährige gerne die Kommerzialisierung seiner Branche, die Arroganz vieler Protagonisten – aber immer so, dass sich daraus auch seine Liebe zum Fußball erahnen lässt. Der 333-malige Bundesligaspieler und Ex-Trainer diverser Vereine im In- und Ausland ist jetzt offiziell „Technischer Direktor“ des FC St. Pauli, eine Art Markenbotschafter, bei dem Verein, bei dem er seine letzte Trainerstation hatte und von dem er sagt: „Hier werden Werte gelebt, die auch meine Werte sind.“

Am Mittwochmorgen redete Lienen beim traditionellen Immobilien-Frühstück der Haspa in Harburg über das, was Führungskräfte der Wirtschaft von den Protagonisten des Fußballs lernen können. Die Parallelen zwischen Fußball und Wirtschaft seien groß. Vieles, was erfolgreiche Mannschaften im Fußball ausmache, könne auch auf die Wirtschaft übertragen werden. Weil er vor den Führungskräften der Immobilienwirtschaft sprach, war eine seiner ersten Thesen: „Ein Haus ohne Fundament ist auf Sand gebaut.“

Für den Fußball bedeute das: Wer glaube, mit guten Stürmern Erfolg zu haben, werde scheitern, denn nur eine gute Defensive sei ein gutes Fundament für eine Mannschaft.

Ewald Lienen sieht die Trainer nicht nur als Fußball-Fachleute: Sie müssen Lehrer, Strategen, Motivationskünstler und Konfliktmanager gleichzeitig sein. Lienen sagt aber auch: „Sie müssen ehrlich und konsequent sein.“

Führung hat für ihn vor allem mit Konsequenz zu tun, wer Spielern wie dem Münchner Franck Ribery alle möglichen Eskapaden durchgehen lasse, habe es schwer, Disziplin im Team durchzusetzen. „Wenn ich von Anfang an nichts mache, habe ich später keine Argumente mehr.“

Deswegen ist Konsequenz eine der Grundregeln für Führungskräfte, genauso wichtig wie Empathie, Demut, Respekt und Bescheidenheit. Lienen: „Die Zeiten sind vorbei, wo vorne einer steht und sagt, wo und wie es lang geht.“ Auch das gelte für Fußballvereine und Unternehmen gleichermaßen. Erfolg habe nur derjenige, der seine Spieler oder Mitarbeiter mitnehme, der sich auch mal zurücknehme, um gemeinsam mit dem Team zu überlegen, was die richtigen Schritte sind.

Der frühere Profi von Arminia Bielefeld, Borussia Mönchengladbach und MSV Duisburg spricht gerne über Grundtugenden. Wer als Spieler beispielsweise einen Elfmeter schinde, habe möglicherweise kurzfristigen Erfolg, aber langfristig Nachteile. „Wer unkorrekt ist, bezahlt später doppelt und dreifach.“ Korrektheit zahle sich langfristig aus, ebenso Geduld und Vertrauen. Jungen, talentierten Spielern – oder Mitarbeitern – müsse die Zeit zur Reife gegeben werden. Talent und Potenziale müssten gefördert werden, entsprechend geduldig müssten Führungskräfte sein, wenn sie mit jungen Menschen den Umbruch einläuten wollen.

Eine der von Ewald Lienen proklamierten Grundtugenden ist Bescheidenheit: Wenn er über das Geschehen beim FC Bayern redet, kommt er schnell in Rage, weil ihm das Münchner „Mia san Mia“, völlig gegen den Strich geht. Lienen: „Es gibt keine Mannschaft, die irgendwas gewonnen hat, weil sie gesagt hat, dass sie die Beste ist.“ Auch das gelte für Sport und Wirtschaft gleichermaßen.

Ganz biestig wird Ewald Lienen, wenn er über die Gattung der Sport-Journalisten spricht, die zuerst Spieler oder Trainer zu gewagten Aussagen anstacheln, um sie danach für diese Aussagen zu kritisieren. Oder wenn Journalisten mit flapsigen Worten Olympioniken Versagen anlasten, weil sie wegen einigen hundertstel Sekunden keine Medaille bekommen haben. Lienen: „Da fehlt mir oft Demut und Respekt.“

Wenn Lienen kritisiert, dann wirkt das authentisch. Da redet ein Mann, der schon als Spieler unbequem war, weil er seine Meinung gesagt hat. Und jetzt redet einer, der den Fußball einerseits liebt, aber genau deswegen glaubt, die Missstände anprangern zu müssen.

Nach gut einer Stunde präsentierte der streitbare Fußballer seine letzte Erkenntnis: „Ich habe als junger Trainer lernen müssen, dass nicht alle Leute so sind, wie ich.“ Daraus kreiert er seinen Ratschlag an die Führungskräfte der Wirtschaft: Es reiche nicht aus, ein guter Fachmann zu sein. Lienen: „Zeigen Sie Empathie, gehen Sie gut mit Menschen um.“

Ewald Lienen (65) war von 1974 bis 1992 Fußball-Profi und danach Trainer bei sieben Bundesliga-Vereinen und in Spanien und Griechenland. Zuletzt betreute er als Chefcoach den FC St. Pauli, am Millerntor ist er jetzt als Technischer Direktor tätig. Im Nebenjob ist Lienen TV-Experte bei Sky. Noch zu Zeiten seiner aktiven Fußball-Karriere galt Lienen als politischer Mensch, 1985 kandidierte er erfolglos für das DKP-nahe Wahlbündnis Friedensliste in Nordrhein-Westfalen.

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