„Faust“ wie aus einem Guss
Ein riesiger Ring in oft wechselnder Beleuchtung dominiert die Bühne in allen fünf Akten. Fotos C. Major Entertainment
Die 1859 in Paris uraufgeführte Oper „Faust“ von Charles Gounod war über einige Jahrzehnte international die am häufigsten gespielte Oper, allerdings nicht in Deutschland, denn hierzulande nannte man die Oper „Margarete“ oder „Gretchen“, um anzudeuten, dass Goethes metaphysisch-philosophisches Drama auf die Liebesgeschichte zwischen Faust und Gretchen reduziert worden ist.
Dank der eingängigen Melodien und einer überschaubaren, packenden Handlung ist „Faust“ nach wie vor beliebt, jetzt auch in Deutschland. Stefano Poda hat diese Oper 2015 für das Teatro Regio Torino inszeniert und war so erfolgreich, dass diese Produktion jetzt als brillanter Livemitschnitt auf DVD vorliegt. Poda, der auch für das Bühnenbild, die Choreographie, die Kostüme und das Licht zuständig ist, hat eine außerordentlich durchdachte und einheitlich wirkende Inszenierung auf die Turiner Bühne gebracht.
Ein riesiger Ring in oft wechselnder Beleuchtung dominiert die Bühne in allen fünf Akten. Obwohl Poda auf ein konkretes, stimmungsvolles Bühnenbild verzichtet, geht von seiner weitgehend abstrakten Bildersprache eine zwingende Wirkung aus. Zu Beginn liegt Faust vor einem Haufen zerlesener und zerrissener Bücher, angeekelt von der Wissenschaft und vom Leben. Zitate aus Goethes „Faust“ sind auf einem magisch anmutenden Kreis zu sehen: „Es irrt der Mensch solang er strebt“ und viele andere mehr. Zahlreiche auslaufende Sanduhren erinnern daran, dass die Zeit unaufhörlich zerrinnt.
Die Titelpartie ist bei dem amerikanischen Tenor Charles Castronovo in besten Händen – sowohl als älter gewordener als auch als verjüngter Faust ist er beeindruckend. Seine große Arie „Salut, demeure chaste et pure“ singt er hinreißend schön. Die russische Sopranistin Irina Lungu ist eine Marguerite von kindlicher Unschuld und Anmut, in ihrer Juwelenarie aber kehrt sie ihre kokette, nicht minder charmante Seite heraus. Ildar Abdrazakov ist ein janusköpfiger Méphistophélès, dem man den braven Bürger ebenso abnimmt wie den Satan. Gianandrea Noseda, seit 2007 der Musikalische Leiter am Teatro Regio di Torino, führt sein Orchester umsichtig durch die Partitur, mit feinem Gespür für Kontraste und Lyrismen, die nirgendwo ins Sentimentale umschlagen. Ein sehr sehens- und hörenswerter „Faust“. (Naxos / C-major 735204 / 1 Blu-ray).