Milena Tscharntke erhält den Nachwuchspreis im Rahmen des jährlichen deutschen Film- und Fernsehpreises "Goldene Kamera" der Zeitschrift "HoerZu". Foto: Hannibal Hanschke/Reuters Pool/dpa
Schauspielerin Milena Tscharntke wurde mit der goldenen Kamera ausgezeichnet, spielt demnächst in einer Netflix-Produktion eine Rolle und wohnt trotzdem noch in ihrer WG in Hamburg. Im Interview spricht sie über ihr Leben nach der großen Auszeichnung.
Von Manfred Ertel
Auf dem Tisch vor ihr liegt ein dickes Drehbuch, als Milena Tscharntke in ihrem Lieblingscafé „Delice“ in Hamburg-Eimsbüttel TAGEBLATT-Mitarbeiter Manfred Ertel zum Gespräch empfängt. Sie lernt ihre nächste Rolle für ein Projekt des Streaming-Portals Netflix, mehr darf sie darüber noch nicht verraten. Sie mag es, da zu sitzen, nur wenige Schritte von der kleinen WG mit ihrer besten Freundin entfernt, und ihre Dialoge ganz traditionell aus dem Papier zu studieren, sich Notizen zu machen oder auch mal eine Seite rauszureißen und wegzuwerfen, wie sie lachend erzählt.
TAGEBLATT: Haben Sie die Aufregung und den ganzen Trubel um die Goldene Kamera allmählich verdaut?
Milena Tscharntke: Mittlerweile schon. Wir haben nach der Verleihung noch bis acht Uhr morgens gefeiert und sind dann um zehn Uhr in die Bahn zurück nach Hamburg gestiegen, weil wir die Zugbindung hatten und kein Flex-Ticket. Wir sind also praktisch direkt von der Feier zurückgefahren. Am nächsten Morgen wacht man dann wieder in seiner Wohnung auf, und alles ist ganz normal.
Was war denn größer, der Schreck oder die Freude über die Auszeichnung?
Das war schon eine große Überraschung, die man erst mal verdauen muss. Aber gleichzeitig war da auch die große Freude. Beides war ganz gut ausgeglichen.
Wie haben Sie eigentlich das erste Mal von der Verleihung erfahren, und waren Sie wirklich so überrascht?
Hundert Prozent überrascht. Ich habe mich über die Einladung zur Verleihungsfeier der Goldenen Kamera schon gewundert, weil ich normalerweise mehr so undercover unterwegs bin. Ich drehe meine Filme, aber ich laufe nicht viel auf solchen Veranstaltungen rum und habe mich deshalb gewundert, wo jetzt plötzlich die Einladung herkam. Ich war davon ausgegangen, dass ich ein ganz normaler Gast bin und dachte mir, na ja, dann laufe ich da mal über den roten Teppich, kennen wird mich wahrscheinlich niemand. Nur meine Agentin wusste schon zwei Wochen vorher Bescheid, hat aber nichts gesagt.
Hatten Sie auch mal daran gedacht, vielleicht gar nicht hinzugehen?
Ich hatte auf jeden Fall Lust, mir das Ganze mal anzugucken, Ich hatte nur nicht so viel Bock auf ein Abendkleid. Und auf der Einladung stand „Dresscode Abendkleid“, das war sozusagen Pflicht. Aber dann habe ich mir überlegt, ach, ich werd’ schon auch so reinkommen, so wichtig bin ich da ja nicht, als dass die jetzt sagen: Das geht gar nicht.
Wo steht die Goldene Kamera jetzt?
In meiner WG in der Küche neben dem Herd (lacht).
Träumt man als junge Schauspielerin eigentlich davon, so eine Auszeichnung zu bekommen?
Ich habe ehrlich gesagt nie darüber nachgedacht und mir einen Preis erhofft oder erträumt. Sonst hätte ich vielleicht mal abends im Bett überlegt, was man in so einem Fall dann in einer Dankesrede sagen würde. Mir ging’s und mir geht’s auch nicht darum, irgendwelche tollen Preise zu gewinnen. Sobald man ein tolles Projekt hat, geht es allein um das Projekt, da schwingt nicht im Hintergrund mit, dass man dafür vielleicht eine Auszeichnung bekommen könnte, überhaupt gar nicht.
Wie schwer ist es als junge Frau, in einem Fernsehfilm wie „Alles Isy“ ein Vergewaltigungsopfer zu spielen?
Für mich war die Rolle bis jetzt die größte spielerische Herausforderung, gerade weil das Thema so sensibel aber auch gleichzeitig so wichtig ist. Auch in Zeiten von „#Me Too“, wo Gott sei Dank immer mehr über sexuelle Gewalt gesprochen wird, ist es immer noch ein Thema, bei dem so viel Schweigen herrscht. Gerade im nächsten persönlichen Umfeld, wo solche Übergriffe am meisten stattfinden, in der Familie, unter Freunden, wird das so oft totgeschwiegen. Mit war immer bewusst, wie wichtig das Thema ist, und die große Herausforderung war, das realistisch darzustellen und nicht irgendwas zu erzählen was nicht real ist.
Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?
Ich habe mich intensiv reingelesen in das Thema und mit vielen Frauen gesprochen. Es sind schon vor der Produktion viele Frauen auf mich zugekommen, die mir ihre Geschichte erzählt haben. Die Vorarbeit mit dem Regisseur und dem Drehbuchautor war sehr intensiv, mir war wichtig, offene Fragen für mich zu klären. Dann hatten wir zwei Probenwochenenden mit dem ganzen jungen Team, bevor wir angefangen haben zu drehen, um die Spielpartner kennenzulernen, damit man sich vor der Kamera vertraut. Das war besonders wichtig, dass wir uns am ersten Drehtag nicht als Fremde begegnet sind.
Sie haben mal gesagt, Sie würden sich eigentlich gar nicht als Schauspielerin sehen oder sich selbst so bezeichnen. Was meinten Sie damit?
Ich habe als Kind nie den Traum gehabt oder den Berufswunsch während des Abiturs, mal Schauspielerin zu werden. Das kam in mir alles ganz natürlich. Ich habe schon früh angefangen zu spielen, seit ich acht Jahre alt war stehe ich vor der Kamera. Nach dem Abi war mir dann klar, irgendwie kann ich mir nichts anderes vorstellen. Es gibt nichts, wo ich jeden Tag aufwache und denke, dass es mich mehr interessiert. Mit der Zeit ist mir natürlich schon bewusst, das ist mein Beruf, und ich bezahle davon meine Miete. Aber mir ging es immer um tolle Geschichten und darum, Freude am Spiel zu haben und nicht so sehr um den Titel.
Hat Ihre Mutter nie gesagt, Tochter, mach erst mal Abi und lern‘ was Vernünftiges?
Es war schon Thema bei uns zu Hause: Was machst du nach dem Abi, willst du nicht studieren? Aber mir war immer klar, nö, ich will erst mal spielen und ich habe keinen Bock auf einen Plan B. Ich will das machen, was mich jeden Tag interessiert, und das ist nun mal das Schauspiel. Sollte ich irgendwann noch mal ein zweites großes Interesse finden, dann würde ich vielleicht auch noch studieren. Aber im Moment ist es das, was ich will.
Sind Sie ein Naturtalent?
Weiß ich gar nicht. Ich habe so früh angefangen vor der Kamera, dass die Zeit seitdem meine Ausbildung war und meine Lernphase. Außerdem lernt man nie aus.
Wie stark hat Ihre Mutter Sie geprägt?
Meine Mutter ist an erster Stelle meine Mama. Wenn es Fragen gibt oder Entscheidungen anstehen, rufe ich sie auch gerne an, klar, weil sie eine sehr kluge und belesene Frau und schon lange in dem Beruf ist. Sie weiß, was sie da macht. Aber eigentlich sprechen wir weniger über den Beruf als über private Sachen.
Ihre Mutter hat eine „ordentliche“ Ausbildung an der renommierten Schauspielschule Ernst Busch in Ost-Berlin absolviert, bevor sie ein Star wurde. War das für Sie kein Vorbild?
Ich sage niemals nie, aber aktuell habe ich nicht vor, an eine Schauspielschule zu gehen. Ich habe Lust zu spielen und zu drehen und jetzt gerade keine Zeit, vier Jahre an der Schauspielschule zu verbringen (lacht).
Schauen Sie gegenseitig Ihre Filme an und tauschen sich darüber aus, zum Beispiel über die Rolle Ihrer Mutter in der ARD-Telenovela „Rote Rosen“?
Ich habe da mal reingeschaut, nicht alle Folgen, das muss ich zugeben. Und meine Mutter guckt auch meine Filme. Doch wenn wir uns sehen, gibt es meist genug andere Themen, über die wir sprechen. Aber wir versuchen nicht bewusst, das Thema Schauspielerei zu meiden. Und wenn ich mir mal unsicher bin, dann frage ich auch um Rat.
Was hat sich für Sie persönlich nach der Goldenen Kamera verändert?
Tatsächlich hatte ich am Tag der Verleihung schon ein neues Projekt für dieses Jahr zugesagt, deshalb bin ich eigentlich ausgebucht. Aber es kamen neue Anfragen rein und Angebote. Und das ist natürlich toll, wenn man sich auch mal was aussuchen kann. Das ist ein großer Luxus.
Sind Sie in Ihrer WG oder bei Ihren Freunden auf einmal der Star?
Nee, da hat sich gar nichts geändert. Die haben sich total mit mir gefreut, mich vom Hauptbahnhof abgeholt und nach Hause gefahren, mit der Goldenen Kamera auf dem Schoß. Die kennen mich aber auch schon lange und zum Teil von klein auf, und ich mache den Beruf ja schon so lange.
Können Sie noch normal in die Kneipe oder auf den Kiez gehen oder werden Sie überall angequatscht?
Ich werde schon oft erkannt, aber eher durch die Filme und Serien, die ich vorher gemacht habe, als durch die Goldene Kamera. Vor allem durch Jugendformate wie „Druck“. In Hamburg ist es aber tatsächlich so, dass die jungen Leute etwas diskreter sind. In Berlin ist das ein bisschen anders. Da wurde ich zuletzt innerhalb einer Stunde ein paar Mal öfter erkannt und gleich direkt gefragt, ob man ein Foto oder Selfie machen kann.
Fühlen Sie sich durch die Auszeichnung mehr unter Erwartungsdruck vor kommenden Rollen?
Überhaupt nicht. Für mich hat der Preis nichts daran verändert, wie ich meinen Weg gehen werde. Es ist natürlich eine tolle Anerkennung, und ich freue mich, die gerade für diese Rolle bekommen zu haben, die mir sehr wichtig ist. Aber ich werde genauso weitermachen, als hätte es den Preis nicht gegeben. Ich habe keine Angst.
Kino- und Theaterbesuche sind . . . eine Freude. Ich liebe Kino, vor allem „Sneak Previews“, in denen man nicht weiß, was kommt und manchmal mit ganz tollen Filmen überrascht wird. Das ist für mich das Größte.
Facebook, Instagram, Twitter sind für mich . . . nicht so wichtig.
Zur Ruhe komme ich am besten . . . zu Hause mit Familie und Freunden.
Mein Lieblingsplatz in Hamburg . . . ist hier das Café und Sasel, wo ich aufgewachsen bin: Das idyllische Alstertal, das ist einfach Heimat.
Wenn ich um die Häuser ziehe . . . findet man mich wahrscheinlich in der Schanze.
An Hausarbeiten in der WG hasse ich . . . gar nichts. Ich wohne mit meiner besten Freundin zusammen, da gibt es keinen Streit.
Die Schulstreiks „Friday for Future“ . . . finde ich sehr cool und inspirierend und ganz wichtig.
Als der Nachwuchspreis der Goldenen Kamera 2019 Ende März in Berlin vergeben wurde, traf die Juryentscheidung Milena Tscharntke, die ahnungslos im Publikum saß, völlig unvorbereitet. Beinahe sprachlos und gerührt nahm sie den Preis für ihre Rolle in dem TV-Drama „Alles Isy“ entgegen. In der Produktion des ARD-Senders RBB, die vorigen September erstausgestrahlt wurde, spielt sie eindringlich das Schicksal eines jungen Mädchens, das von Freunden unter Drogen gesetzt und bewusstlos gemacht und dann vergewaltigt wird.
Die 23-jährige Tscharntke stand bereits 2004 das erste Mal vor der Kamera und seitdem in etlichen Kinder- und Jugendfilmen sowie TV-Produktionen. Bekannt wurde sie in der Jugend-Web- und Fernsehserie „Druck“, die bei Youtube und ZDF neo ausgestrahlt wird und die Alltagswelt von Teenagern und ihre Probleme beschreibt. Milena, im Hamburger Stadtteil Sasel geboren und auf dem Carl-von Ossietzky-Gymnasium zur Schule gegangen, ist die Tochter der Schauspielerin Andrea Lüdke (55), die mehrere Jahre als Streifenpolizistin an der Seite von Jan Fedder im „Großstadtrevier“ des NDR ermittelte und zuletzt auch Hauptdarstellerin in der ARD-Telenovela „Rote Rosen“ war.