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Landwirtschaftliche Beratung mit Herzblut

Agrarexpertinnen mit offenem Ohr für Sorgen und Nöte der Landwirtsfamilien: Annabel Bergmann (links) und Jana Wolter sind als Beraterinnen im Nordkreis im Einsatz. Foto Klempow

Agrarexpertinnen mit offenem Ohr für Sorgen und Nöte der Landwirtsfamilien: Annabel Bergmann (links) und Jana Wolter sind als Beraterinnen im Nordkreis im Einsatz. Foto Klempow

Sie sind die eierlegenden Wollmilchsäue – um es produktionstechnisch auszudrücken. Annabel Bergmann und Jana Wolter sind nicht nur Experten für Tierhaltung oder Ackerbau. Sie helfen und hören auch zu, wenn Landwirte ihr Herz ausschütten.

Von Grit Klempow Freitag, 05.01.2018, 17:00 Uhr

Sie sind nah dran: Wenn die Beraterinnen unterwegs sind, prangt auf ihren Dienstwagen das Logo der Landberatung: „Betriebsnah, unabhängig, vorausschauend“ ist darauf zu lesen. „Das passt“, sagt Annabel Bergmann. Sie ist als Ringleiterin für den Bereich Nordkehdingen zuständig, ihre Kollegin Jana Wolter betreut zusammen mit Ringleiter Rolf Hahn das Gebiet um Oldendorf.

„Bei uns werden alle individuell behandelt, anders geht es nicht“, sagt Annabel Bergmann. Jeder Hof ist anders, jeder Betrieb arbeitet mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Die spezielle Ausrichtung, die Flächen, die zur Verfügung stehen, die Ställe, die Lagermöglichkeiten und die Maschinen. „Klar, kann man Betriebe aus einer Region vergleichen.“ Nur: Was bei dem einen funktioniert, muss bei dem anderen noch lange nicht passen.

Doch gerade die Unterschiede machten den Reiz ihres Jobs aus. „Wir arbeiten mit Menschen. Man muss empathisch sein, das geht nicht ohne“, sind sich Bergmann und Jana Wolter einig. Fingerspitzengefühl ist bei der Beratung gefragt, von oben herab Kritik zu üben – das geht gar nicht. „Alle geben schließlich ihr Bestes und verrichten ihre Arbeit mit Passion“, sagt Jana Wolter über ihre Kunden.

Sie nehmen Zahlen unter die Lupe: Der Winter ist die Zeit für genaue betriebswirtschaftliche Auswertungen. Für Annabel Bergmann ist das die Zeit der „höchsten Arbeitsdichte“. Dann kommen die Zahlen der Betriebe auf den Tisch. Es gibt Vergleiche zu den Vorjahren, aber auch zu Berufskollegen. Aus Auffälligkeiten kann es Rückschlüsse geben. Zum Beispiel, warum der eine Landwirt so viel geringere Tierarztkosten bei der Färsenaufzucht hat. Die Frage: „Was kann der Betrieb anders machen?“, stellt sich immer wieder. Lohnt es sich, sehr viel Kraftfutter für die 11 000-Liter-Kuh auszugeben oder ist das Verhältnis von Kraftfutter zur Milchmenge bei einer 9000-Liter gebenden Kuh wirtschaftlicher? Wie muss gedüngt werden, um eine bestimmte Menge Weizen ernten zu können? Wie wird das Tierwohl in der Schweinemast umgesetzt?

Sie hören zu: Für sie sei dieser Analysetermin der wichtigste mit „ihren“ Landwirten, sagt Annabel Bergmann: „Während wir die Zahlen erarbeiten, kommen ganz andere Sachen auf den Tisch. Und das ist so wichtig“. Die Berater erfahren von Bandscheibenvorfällen, von Rückschlägen und Zwischenmenschlichem, die zwar nicht unmittelbar mit der Betriebswirtschaft zu tun haben, aber für die Familie von Bedeutung sind. Wie in anderen Familienbetrieben auch, sind die Grenzen fließend zwischen Betriebsleiter und Familienvater, Altenteiler und Angestellter.

Sie gehen auf Spurensuche: Nicht immer haben die Berater die Lösung für ein Problem parat. Wenn beispielsweise Kälber sterben, Kühe erkranken, dann müssen auch die Experten manchmal auf Spurensuche gehen. Offensichtliches finden die Landwirte selbst. „Wenn man was gefunden hat, ist man auch einfach froh, dass man helfen konnte“, sagt Jana Wolter. „Weil man eine wirkliche Last abgenommen hat.“

Sie sind vom Fach: Wie ihre Kollegen haben Annabel Bergmann und Jana Wolter ihr Metier studiert. Jana Wolter ist 29 Jahre alt, kommt aus Ostfriesland und ist auf einem Milchviehbetrieb aufgewachsen. Nach ihrem Studium in den Niederlanden wollte sie eigentlich nach Australien auswandern. Dann lernte sie aber ihren Mann kennen und zog Richtung Himmelpforten. Bis ihr Sohn geboren wurde, war sie Herdenmanagerin eines großen Milchviehbetriebs in der Nähe. Inzwischen ist sie zweifache Mama und arbeitet in Teilzeit.

Dr. Annabel Bergmann ist mitten in Bremen aufgewachsen, wollte unbedingt mit Tieren arbeiten und machte in Holstein eine landwirtschaftliche Ausbildung. Das Studium in England schloss sie an. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über Eberspermien – neben ihrer Arbeit in Nordkehdingen. „Dass ich Bauer gelernt habe, ist aber den Leuten meistens wichtiger als mein Doktortitel.“ Sie ist nicht nur deshalb froh über ihre Lehrzeit auf dem Hof. „Das Verständnis für die Härte und für das Ungleichmäßige, dass das Wetter immer einen Strich durch die Rechnung macht, das hat man, wenn man draußen war.“

Ihre Praxiserfahrung zählt auch für Jana Wolter. Sie bringt auch ihre Auslandserfahrung mit, die Fähigkeit, über den Tellerrand zu gucken. „Sich immer weiterzubilden, gehört in unserem Job dazu“, sagt sie. 30 Betriebe berät sie zudem intensiv und besucht sie einmal pro Monat. Auch die Fortbildung zum landwirtschaftlichen Unternehmensberater bei der Landwirtschaftskammer gehört zur Vita.

Sie arbeiten zusammen: „Wir können nicht alles wissen, aber wir können wissen, wer es weiß“, sagt Bergmann. Durch die Ausbildung bei der Landwirtschaftskammer zum landwirtschaftlichen Unternehmensberater entsteht ein Netzwerk „von Telefonjokern“. Eine enge Zusammenarbeit mit landwirtschaftlichen Buchstellen und mit den Banken vor Ort gehört zum Job. „Wir machen auch Liquiditäts- und Investitionsplanungen“, beschreibt Jana Wolter.

Die Berater arbeiten so, dass die Landwirte die Gesetze, egal ob sie aus Brüssel, Berlin oder Hannover kommen, einhalten. „Damit sichern wir auch die EU-Agrarzahlungen.“ Denn gerade die Anträge dafür sind so kompliziert geworden, dass sich kaum ein Landwirt traut, den allein am Schreibtisch auszufüllen. Längst hat sich dieses Prozedere bewährt: Die Berater machen einen eintägigen Lehrgang, in Sammelterminen sitzen alle zusammen von Mitte März bis Mitte Mai in Landgaststätten, damit gegenseitige Hilfe möglich ist. „Dieses Mehraugen-Prinzip ist wichtig“, sagt Annabel Bergmann. Gemeinsam werden die Kreuzchen gesetzt, denn schon bei einem falschen Kreuz, kann es um viel Geld gehen. Die meisten Betriebe brauchen die Prämie, die für sie eine Unterstützung und Ausgleich bei schwankenden Preisen für ihre Produkte ist.

Sie sind Alleskönner: Im Grunde müssen sich Berater mit allen Fragen der landwirtschaftlichen Produktion auskennen. „Wir sind alle Allrounder, aber jeder hat noch irgendwie sein Spezialgebiet.“ Bei Jana Wolter ist es die Milchviehhaltung, Annabel Bergmann hat sich viel Fachwissen in Sachen Naturschutz angeeignet. Aber Fachwissen allein genügt nicht. „Am Ende beweist man sich durch seine Arbeit und den Umgang mit den Menschen“, sagt Annabel Bergmann.

In der Landberatung sind 675 Mitgliedsbetriebe und 189 Fördermitglieder. Das Einzugsgebiet ist 63 557 Hektar groß. Vorsitzender ist Herwig Bülau, Geschäftsführer Rolf Hahn. Unter dem Dach der Beratungsringe der Stader Saatzucht e.V. sind die Beratungsringe im Landkreis Stade organisiert. In Nordkehdingen ist Dr. Annabel Bergmann Ringleiterin, in Drochtersen Jens Hardekopf, in Oldendorf sind Jana Wolter und Ringleiter Rolf Hahn Ansprechpartner, in Harsefeld Björn Bellmann und Ringleiter Uwe Mattfeldt, in Ahlerstedt ist es Philip Stallbohm als Ringleiter.

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