Unfassbare Bilder: So brutal wurden die Rinder zum Schlachthof transportiert. Foto Soko Tierschutz
Die Kreisverwaltung hat jetzt ihren Abschlussbericht zum Schlachthofskandal von Düdenbüttel vorgelegt. Das Fazit der Behörde: Die Vorwürfe der SoKo Tierschutz haben sich komplett bestätigt. Auch von einem ausgeklügelten System ist die Rede.
Nach Einschätzung des Veterinäramtes sind zwei verschiedene Arten von Verstößen festzustellen: Verstöße gegen den Tierschutz bei der Verladung von Rindern auf landwirtschaftlichen Betrieben und Verstöße gegen den Tierschutz und das Lebensmittelrecht beim Transport und im Schlachtbetrieb.
Bei tierquälerischen Transporten von kranken Rindern sieht die Verwaltung dagegen aber keine Hinweise auf ein Fehlverhalten amtlicher Tierärzte des Veterinäramts des Landkreises. Das sagte die zuständige Dezernentin Nicole Streitz im Agrarausschuss des Stader Kreistages. Die Verwaltung hatte seit Anfang April Videos von 56 Stunden Lauflänge zum Schlachthof in Düdenbüttel analysiert. Aktivisten der Organisation Soko Tierschutz hatten die Aufnahmen verdeckt angefertigt, um Grausamkeiten zu belegen. „Ich bin stolz auf meine Mitarbeiter. Sie haben in den vergangenen Monaten sehr viel Zeit in das Projekt investiert“, so Streitz.
Zu sehen war unter anderem, wie bewegungsunfähige Tiere an Ketten auf die Transporter oder von ihnen herunter gezerrt wurden. In Niedersachsen sind in den vergangenen Jahren auch Missstände in Schlachthöfen in Bad Iburg, Laatzen und Oldenburg aufgedeckt worden.
Die kranken Tiere seien gezielt dann in Düdenbüttel angeliefert worden, wenn keine amtlichen Kontrolleure zugegen waren, sagte Nicole Streitz. Sie sprach von einem „bestimmten Muster in den Arbeitsabläufen“. „Hier wurde Vertrauen und überwachungsfreie Zeit ausgenutzt“, so Streitz gegenüber den Abgeordneten.
Die Tierschützer hatten neben den Landwirten und dem Schlachthof auch die amtlich bestellten Tierärzte für die Missstände in Düdenbüttel und beim Transport verantwortlich gemacht. Das wies Nicole Streitz jetzt zurück. „Ich habe nirgendwo einen meiner Tierärzte daneben stehen sehen, wenn nicht schlachtfähige Rinder angeliefert wurden“, sagte sie. Es gibt ein Video, das einen amtlichen Tierarzt steigt. Diese Szene konnte aber dem Transport des notgeschlachteten Tiers zugeordnet werden und somit hat sich der Tierarzt aus Sicht der Behörde korrekt verhalten.
Während Tierschützer und Behörde sich in der Beurteilung der auf den Videos gezeigten Szenen weitgehend einig sind, könnte die Bewertung der Rolle des Kreisveterinäramts weiterhin nicht unterschiedlicher ausfallen. „Tierärzte waren nie da, also sind sie auch nicht schuld“, sagt Friedrich Mülln von der SoKo Tierschutz, das sei Realsatire. Wenn das Veterinäramt alles richtig gemacht hat, wieso sind die massiven Missstände nie aufgefallen?“, fragt Mülln. Die ganze Stellungnahme der SoKo Tierschutz findet sich im Text rechts.
Der Familienbetrieb in Düdenbüttel ist seit Bekanntwerden der Vorwürfe geschlossen. Er hat nach Angaben des niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) seine EU-Lizenz zurückgegeben. Auf TAGEBLATT-Nachfrage erklärte das Laves, dass es aktuell keine Bemühungen gebe, am Standort Düdenbüttel einen neuen Schlachtbetrieb zu eröffnen. Diese Vermutung gab es in den vergangenen Monaten immer wieder.
Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz und hat von der Kreisverwaltung sämtliches Material zur Verfügung gestellt bekommen. Streitz schloss nicht aus, dass aus Düdenbüttel Fleisch verkauft worden sei, das nicht in den Handel hätte gelangen dürfen. Das ist angesichts der Bilder eine zurückhaltende Formulierung. Die SoKo Tierschutz geht davon aus, dass über Jahre das Fleisch von kranken Rindern in den Handel und zum Verbraucher gekommen ist. Die Betreiberfamilie will sich nach wie vor zu den Vorwürfen gegen den Betrieb mit einem Hinweis auf das laufende Verfahren nicht äußern, so der Stader Rechtsanwalt Heinz-Jürgen Klüsener stellvertretend für die Familien. Er erklärte auch, dass ihm von der Staatsanwaltschaft Oldenburg noch nichts vorliege.
Auf den SoKo-Videos konnten den Angaben nach alle 29 landwirtschaftlichen Betriebe identifiziert werden, die Rinder zum Schlachthof abtransportieren ließen. Zehn Höfe lagen im Kreis Stade, zwölf im Kreis Cuxhaven und sieben im Kreis Rotenburg. Für Stade sagte Streitz: „Alle Betriebe, die wir identifiziert hatten, haben wir unangekündigt kontrolliert.“
In sechs Fällen habe es auch andere Beanstandungen bei der Tierhaltung gegeben. Ähnliches berichtete die zuständige Kreisrätin Babette Bammann aus dem Nachbarkreis Cuxhaven. „Wir haben Anlasskontrollen auf diesen Höfen gemacht“, sagte sie auf Anfrage gegenüber dpa. Im Auswertezeitraum wurden außerdem mindestens 14 Rinder tot im Schlachtbetrieb angeliefert. Allerdings liegen nach den Ermittlungen des Veterinäramtes nur für sieben der 14 Tiere gesicherte Erkenntnisse dafür vor, dass es sich dabei um ordnungsgemäße Notschlachtungen handelte. Die Notschlachtung von Tieren ist legal, soweit die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden.
Die Kreisveterinärämter können bei neu bekannt gewordenen Verstößen Auflagen machen und Bußgelder verhängen. Bei den auf Video dokumentierten Fällen müssen sie zunächst abwarten, was die Staatsanwaltschaft entscheidet. Die strafrechtliche Verfolgung hat Vorrang. Angesichts der Aufnahmen geht Dezernentin Streitz davon aus, dass sie den Vorgang nicht wieder auf den Schreibtisch bekommt, sondern die Vorgänge um Transporte und Schlachtungen von der Staatsanwaltschaft weiter verfolgt werden.
Nach der Präsentation des Abschlussberichtes im Agrarausschuss diskutierte die Politik über einen Antrag der Linksfraktion zu dem Thema. Sie hatte gefordert, dass nur noch hauptamtliche Amtstierärzte die Kontrolle von Schlachtbetrieben führen sollten.
Die in Düdenbüttel tätigen Ärzte haben die Kontrolle nebenamtlich gemacht und betreiben eigene Arztpraxen. Die Linke befürchtete deshalb eine Interessenkollision. Der Antrag wurde von den Grünen unterstützt und von CDU, SPD, Freier Wählergemeinschaft, der Gruppe FDP/Piraten und der AfD abgelehnt.
Im Schlachthof Düdenbüttel wurden zahllose kranke und schwer verletzte Tiere illegal geschlachtet. Der SoKo Tierschutz gelang es, diese Vorgänge in wenigen Tagen aufzuklären. Das Veterinäramt, das bei jeder Schlachtung anwesend sein muss, wird jetzt vom Landkreis (zu dem es ja auch gehört) total entlastet. Denn in dem Schlachthof, der nur aus einem großen Raum besteht, war einfach nie ein Veterinär vor Ort, wenn etwas Illegales passiert ist. Übel ausgetrickst wurden die amtlichen Veterinäre und die Amtsveterinäre. So etwas aber auch. Gemein.
Währenddessen wusste jeder Bauer und jeder Viehhändler in der Region, wo man kranke, sterbende und fragwürdig dahin gemetzelte Tiere bringen kann. Die illegal angelieferten Tiere fanden sich in Transportpapieren, Fahrtenbüchern und fein säuberlich als Tonnen und Kilogramm im Output des Schlachthofes. Fast jeden Tag fuhren die eigenen Transporter des Betriebes mit ihren Seilwinden los, um kranke Tiere bei vollem Bewusstsein in die Transporter zu schleifen. Davon, dass wesentlich mehr Tiere geschlachtet wurden, dort jeden Arbeitstag hektischer Schlachtbetrieb herrschte, auch davon merkte man im Veterinäramt offenbar nichts. Kam nur ab und zu vorbei, ging Hinweisen auf genau solche Vorfälle nicht nach und ließ mutmaßlich gammeliges Fleisch kranker Tiere selbst nach dem Auffliegen des Skandals durch SoKo noch in diverse Himmelsrichtungen verschwinden.
Das Fleisch wurde erst zurückgeholt, als wir das Ministerium vor der Gefahr warnten. Einige Proben verschwanden, keine wurde auf Antibiotika untersucht. Warum auch? Waren ja nur kranke Tiere, die teilweise seit Wochen in den Milchviehbetrieben vor sich hingesiecht waren. Ist diese Behörde korrupt, unfähig oder desinteressiert? Wir wissen es nicht. Aber in jedem Unternehmen würde man alle Verantwortlichen für so ein Desaster rausschmeißen. In Stade dürfen diese Leute weiter versagen. Mal sehen, wann der nächste Skandal kommt.