AbonnierenAbo
Zähl Pixel
Archiv

Die Großlibelle Braune Mosaikjungfer zeugt von Artenvielfalt im Alten Land. Fotos Dr. Wolfram Klein / Obstbauzentrum Esteburg (4)

Die Großlibelle Braune Mosaikjungfer zeugt von Artenvielfalt im Alten Land. Fotos Dr. Wolfram Klein / Obstbauzentrum Esteburg (4)

Insektensterben, dieses Wort ist in aller Munde. Im Landkreis Stade stehen Insekten seit der Gründung des Obstbauversuchsrings im Jahr 1929 unter Beobachtung. Eine große Biodiversitätsstudie des Bundes soll jetzt weitere Fakten liefern.

Von Björn Vasel 12.05.2018, 11:00 Uhr
12 Monate Premium-Zugriff für nur 1,00 € pro Woche! Langfristig sparen!

Wenn der Kernobst-und Biodiversitäts-Experte des Obstbauzentrums Esteburg, Dr. Wolfram Klein, durch die Plantagen läuft, gerät er ins Schwärmen. Im Alten Land hat Klein in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche (seltene) Libellen-Arten nachgewiesen. Ihr Vorkommen sei ein Beweis für die vorhandene Artenvielfalt und Biodiversität in norddeutschen Obsthöfen, sagt Klein. Die Libellen leben ausschließlich räuberisch – und stehen in der Hierarchie der Nahrungskette bereits relativ weit oben. Die Libellenlarven, noch nicht geschlechtsreif, leben in den Gräben und Beregnungsteichen. Hier schlagen sie sich mehrere Monate oder Jahre mit Insekten, Krebsen, Würmern, Kaulquappen und kleinen Fischen den Bauch voll. Was heißt das? Die Wasserqualität ist im Alten Land offenbar so gut, dass (mehrjährige) Libellen sich entwickeln können und ausreichend Beutetiere vorfinden – trotz Pflanzenschutz.

Kurzum: Die Insekten profitieren von den vielen Gräben und Teichen und ihren Kraut-, Schilf- und Röhrichtzonen und dem gezielten Pflanzenschutz. In Deutschland sind rund 80 Libellen-Arten bekannt, 30 kommen an der Niederelbe vor. Auch das deute darauf hin, dass die Artenvielfalt mit der Einführung der Integrierten (IP) und der Ökologischen Produktion seit den 1980er Jahren in der Marsch wieder zunehme. Der „Stumme Frühling“ ist tot.

Die Berater und Wissenschaftler der „Esteburg“ und die Obstbauern haben diese Vielfalt täglich im Blick. Doch sie haben ein Problem. Es gibt (noch) keine große wissenschaftliche Studie zur Biodiversität im Obstbau, mit der die Altländer ihren Kritikern schwarz auf weiß belegen könnten, wie es an der Niederelbe aussieht. Deshalb setzt Esteburg-Leiter Dr. Karsten Klopp große Hoffnungen in ein Bundesprojekt, das die Situationserfassung und die Förderung der Artenvielfalt im Obstbau des Alten Landes zum Ziel hat. Es läuft noch bis Mitte 2022, ausgestattet mit 4,9 Millionen Euro vom Bundesamt für Naturschutz.

„Dann haben wir hoffentlich die Daten, die unsere Beobachtung bestätigen, dass wir bereits auf dem richtigen Weg sind“, so Klopp. Im Zuge des Projekts sind bereits weitere Förderungsmaßnahmen initiiert worden – wie das Anlegen von Blühstreifen, unbearbeitete Böden oder Sandhaufen, aber auch die Begrünung der Fahrgassen oder das Aufstellen von Insektenhotels. Mehr als 1500 gibt es mittlerweile, hier könnten – rein rechnerisch – fünf Millionen Wildbienen gezeugt werden. Doch nicht alle lieben das Hotel, 75 Prozent benötigen offene Böden für ihre Nester. 560 Wildbienenarten gibt es. Im Zuge des Projekts „Biologische Vielfalt“ wird in Pilotbetrieben geprüft, wie die Biodiversität weiter gesteigert werden kann – und schließlich flächendeckend eingeführt werden könnte. Ein Ziel ist, Insekten das ganze Jahr über blühende Pflanzen anzubieten.

Links: Ein Augenfleck- Marienkäfer krabbelt über einen Ast. Rechts: Die Grüne Futterwanze ist ein gefährlicher Schädling.

Wichtig sei es, die Natur über Jahre, nicht nur in Momentaufnahmen, zu betrachten, so Klopp. Und es werden immer neue Arten entdeckt – wie jüngst im Alten Land noch nicht bekannte Blattsauger. Insekten kommen aufgrund des Klimawandels hinzu, wie die Kirschessigfliege.

Allerdings dürfe „die ökologische Aufwertung nicht zum Bumerang für die Obstbauern werden“, sind sich Ulrich Buchterkirch von der Fachgruppe Obstbau und Esteburg-Pflanzenschutzexperte Dr. Roland Weber einig. Ein Beispiel: Einerseits wollen Obstbauern die biologische Vielfalt an und in den Gräben wegen ihrer vielen Nützlinge erhalten, andererseits lauert auf den krautigen Pflanzen auch die gefährliche Grüne Futterwanze. Und ihren Biss fürchten Obstbauern. Denn die kurz vor der Apfelblüte schlüpfende Mini-Wanze (Nymphe) richtet durch Saugen große Schäden an, Blätter und Früchte verformen sich durch ihre Einstiche. Geschädigte Äpfel taugen nach der Ernte allenfalls als Most. Millionen-Schäden drohen. Ein Biss genügt, um den Apfel zu schädigen. Es gibt keinen natürlichen Gegenspieler.

Deshalb haben die IP-Bauern am vorletzten Wochenende nach Klopfproben auf gefährdeten Flächen ein Insektizid eingesetzt. „Ein einmaliger Einsatz ist deutlich ökologischer, als alle Gräben radikal auszumähen – und dabei auch Nützlinge zu töten“, sagt Weber und verweist auf das Projekt „Demonstrationsbetriebe integrierter Pflanzenschutz“. Das hatte gezeigt: Das Öko-Insektizid NeemAzal, Wirkstoff aus dem gleichnamigen Tropenbaum, war bislang nicht so erfolgreich wie die Grabenmahd oder Chemie.

Die Crux: Das Mittel Karate Zeon muss im Sondergebiet immer wieder neu über den Notfall-Paragrafen im Pflanzenschutzgesetz beantragt werden, obwohl der einmalige Einsatz das Leben der Gewässerorganismen an/in den Gräben nicht gefährde. Das beweise das Vorkommen der in der Nahrungskette hoch stehenden Libellen. Das zeige, dass Erwerbsobstbau und Naturschutz, Pflanzenschutz und Biodiversität keine Widersprüche seien. Letztlich seien allerdings alle gefordert – auch im eigenen Garten, um Insekten zu fördern.

Obstbauer Gert Hauschildt und Inken Gerlach-Dippel vom Nabu stehen in einer Hecke vor einem naturnahen Beregnungsteich. Fotos Vasel (2)

HINTERDEICH. Biodiversität ist für viele Obstbauern kein neues Thema: Erfolgreich läuft beispielsweise an der Niederelbe seit 2011 das Apfelprojekt Pro Planet von Naturschutzbund (Nabu) und Rewe auf einer Fläche von 520 Hektar. 21 Obstbaubetriebe sind in der Region bereits an Bord. Weitere 63 haben bereits Interesse bekundet, nachdem die Elbe-Obst auch diesen Konzern beliefert. Abhängig von der Liefermenge werden auf den Obstplantagen unter anderem Maßnahmen zur Förderung der Biotop-, Arten- und Sortenvielfalt gefördert. Der Fokus liegt auf der Wildbienenförderung sowie dem Anlegen von Blühstreifen und Hecken sowie der Förderung der Artenvielfalt in und an den Gräben und Beregnungsteichen.

Die Artenvielfalt sei in einigen Teilen des Gebiets noch „sehr verbesserungsfähig“, sagt Projektkoordinatorin Inken Gerlach-Dippel von der Nabu-Umweltpyramide. Sie freue sich, dass es sehr engagierte Obstbauern gebe, die zeigen, dass der Naturschutz und der Erwerbsobstbau zusammenpassen. „Es geht am besten im Konsens“, sagt Dippel.

Fünf Hektar Blühflächen, 5,8 Hektar blühende Fahrgassen und 3500 Quadratmeter Flachwasserzonen wurden 2017 angelegt, 3850 Sträucher und 320 Bäume gepflanzt und unter anderem 850 Singvögelnistkästen aufgestellt. Aber auch für Falken, Eulen, Fledermäuse und Eisvögel wurden neue Quartiere gebaut. Hinzu kommen Steinhaufen, Holzhaufen und Ansitzstangen. Angestrebt wird, dass pro Hektar Projektfläche rund 500 Quadratmeter dem Naturschutz gewidmet werden – für Blühflächen an/in den Anlagen, Hecken und extensiv gepflegte Saumstrukturen – plus ein Großbaum und Nisthilfen für Vögel, Fledermäuse und Wildinsekten. Dabei werden Pflanzen gepflanzt, die den Obstbau nicht gefährden (Feuerbrand und Wanzen).

Links: Eine kleine Wildbiene krabbelt in ihr Insektenhotel. Foto Lindstaedt - Rechts: Die Wespenspinne liebt nicht nur saftige Wespen.

Obstbauer Gert Hauschildt macht mit. Naturschutz und Nützlingsförderung ist für ihn ein wichtiger Aspekt. Doch es geht ihm auch um das Image des Erzeugers. In vielen Staaten, wie Polen, werden Dumping-Löhne gezahlt. „Bei Stundenlöhnen von zwei Euro können wir nicht mithalten“, sagt Hauschildt. Der Verbraucher werde höhere Preise für das umweltfreundliche, gesunde Altländer Obst „aus der Region“ langfristig nur akzeptieren, wenn es einen Mehrwert gebe – etwa für die Natur und den Klimaschutz.

Deshalb sei es wichtig, in die Biodiversität zu investieren. Für Konzerne wie Rewe ist das bereits eine Voraussetzung, um liefern zu dürfen. Und von mehr Wildbienen profitiere jeder, sie helfen bei der Bestäubung. Außerdem bereitet es ihm Freude, die vielen, zum Teil auf der Roten Liste stehenden Tiere auf seinen Plantagen – unter anderem Libelle und Eisvögel – zu beobachten. Er hat Blühstreifen, Hecken und einen naturnahen Beregnungsteich mit einer nicht trockenfallenden Flachwasserzone mit Pro Planet-Zuschüssen angelegt.

Doch wie schätzt Dippel die gegenwärtige Biodiversität ein? „Pauschale Beurteilungen“ seien aufgrund sehr unterschiedlicher Strukturen und der lückenhaften Kenntnisse „nicht möglich“. Dass die Obstbaubetriebe größer werden, habe auch Auswirkungen auf die Struktur, Großmaschineneinsatz und die Anpassung der Be- und Entwässerungslandschaft (wegen der Abstandsauflagen). Dies dürfe nicht zu einer Reduktion von Lebensräumen und Arten führen. In vielen untersuchten Gewässern in der Marsch gebe es bei Amphibien sowie Gewässerorganismen und -pflanzen noch „einen Mangel“. Schonende Gewässerunterhaltung und die naturnahe Umgestaltung im Zuge der Sondergebietsauflagen werde einen Beitrag leisten. Beispiele am Bodensee und im Alten Land zeigten, wie die Wildbienen-Population durch die Nisthilfen und Blühstreifen wieder wachsen könne. Dippel: „Das Alte Land hat enormes Potenzial.“

Wichtig sei, die Öko-Flächen weiter zu vernetzen. Allerdings, so Gert Hauschildt, müsse Obstbauern, die Sorge genommen werden, dass die Öko-Flächen nach fünf Jahren zu geschützten Biotopen werden und aus der Bewirtschaftung fallen. Das würde künftige Betriebsentwicklungen behindern, besser seien Flächenquoten.

Diese Libelle macht eine Pause auf einem Pfahl. Fotos Dr. Wolfram Klein / Obstbauzentrum Esteburg

 

 

Wildbienen bevölkern dieses Insektenhotel. Foto Vasel

Wildbienen bevölkern dieses Insektenhotel. Foto Vasel

Wildbienen bevölkern dieses Insektenhotel. Foto Vasel

Wildbienen bevölkern dieses Insektenhotel. Foto Vasel

Obstbau Apfelblüte Fahrgasse Blühstreifen rechts Foto Vasel

Obstbau Apfelblüte Fahrgasse Blühstreifen rechts Foto Vasel

Links: Ein Augenfleck- Marienkäfer krabbelt über einen Ast. Rechts: Die Grüne Futterwanze ist ein gefährlicher Schädling.

Links: Ein Augenfleck- Marienkäfer krabbelt über einen Ast. Rechts: Die Grüne Futterwanze ist ein gefährlicher Schädling.

Links: Eine kleine Wildbiene krabbelt in ihr Insektenhotel. Foto Lindstaedt - Rechts: Die Wespenspinne liebt nicht nur saftige Wespen.

Links: Eine kleine Wildbiene krabbelt in ihr Insektenhotel. Foto Lindstaedt - Rechts: Die Wespenspinne liebt nicht nur saftige Wespen.

Diese Libelle macht eine Pause auf einem Pfahl . Fotos Dr. Wolfram Klein / Obstbauzentrum Esteburg

Diese Libelle macht eine Pause auf einem Pfahl . Fotos Dr. Wolfram Klein / Obstbauzentrum Esteburg

Gefahr für den Obstbau. Foto Vasel

Gefahr für den Obstbau. Foto Vasel

Die Große Königslibelle bei der Eiablage.

Die Große Königslibelle bei der Eiablage.

Ein Apfelbaum-Glasflügler macht eine Pause. Fotos Dr. Wolfram Klein / Obstbauzentrum Esteburg

Ein Apfelbaum-Glasflügler macht eine Pause. Fotos Dr. Wolfram Klein / Obstbauzentrum Esteburg

C-Falter, ein Schmetterling aus der Edelfalter-Familie. Fotos Dr. Wolfram Klein / Obstbauzentrum Esteburg

C-Falter, ein Schmetterling aus der Edelfalter-Familie. Fotos Dr. Wolfram Klein / Obstbauzentrum Esteburg

Eine Honigbiene legt einen Stopp an einer Birnen-Blüte ein. Foto Vasel

Eine Honigbiene legt einen Stopp an einer Birnen-Blüte ein. Foto Vasel

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.