Schauspielerin Aybi Era ist ein extremer Hier-und-jetzt-Mensch. Foto Ertel
Sie liebt das Schanzenviertel, da ist sie zu Hause. Was lag da näher, TAGEBLATT-Mitarbeiter Manfred Ertel zum Gespräch in ihrem Lieblingscafé „Haus 73“ in der Schanze zu treffen und an ihrem Lieblingstisch zu sitzen. Aybi Era ruht in sich und in ihrer Leidenschaft, das spürt man.
TAGEBLATT: Sind Sie eigentlich ein Typ, mit dem man sich besser nicht anlegt?
Aybi Era: Ja, auf jeden Fall. Ich bin nämlich die mit dem Gesetzbuch unterm Arm. Ich stehe für mich ein und auch für meine Mitmenschen. Wenn ich irgendwelche Ungereimtheiten merke oder Unfairness spüre, bin ich sofort alarmiert und möchte eingreifen.
Ich meinte eigentlich eher Ihre intensive Leidenschaft für Kampfsportarten wie „Brasilien Jiu Jitsu“ und „Aikido“?
Ich wollte schon immer Kampfsport machen, wahrscheinlich weil diese männliche Seite an mir auch sehr prägnant ist (lacht). Ich glaube, das liegt daran, dass ich jahrelang mit meinem Vater und meinem Bruder zusammengelebt habe und die Mama nie direkt vor Ort war. Deswegen ist auch ein ganz großer Teil Junge in mir und ich scheue mich auch nicht, mich notfalls mit Leuten auseinanderzusetzen. Aber tatsächlich habe ich mit Kampfsport angefangen, weil ich während der Schauspielschule einen Ausgleich brauchte. Nichts, was sportlich oder tänzerisch mit dem zu tun hatte, was auf der Schule passierte, sondern wo ich etwas aus mir heraus machen kann. Da hat sich mir der Kampfsport geradezu angeboten.
Ging für Sie ein Traum in Erfüllung als Sie die Rolle in „Notruf Hafenkante“ bekamen?
Aber hallo. Auch wenn ich zunächst die Bedeutung gar nicht so begriffen hatte. Ich musste damals sehr viel arbeiten als Set-Runner für Musikvideos und bei Filmen, das heißt Kaffee kochen, Schauspieler ans Set holen und so. Viel Rennerei, deshalb ja auch Set-Runner, aber Hauptsache irgendwie in der Filmbranche. Eigentlich hatte ich deshalb wenig Zeit für die Castings. Und mir ging da schon auch die Pumpe. Als ich dann die Rolle bekam, konnte ich das zwei Wochen lang gar nicht richtig begreifen. Die Menschen um mich herum haben dann immer gesagt: Weißt du eigentlich, was das bedeutet? Das ist wie ein Sechser im Lotto.
Haben Sie nicht damit gerechnet, die Rolle zu bekommen?
Doch, doch. Auf der einen Seite ist dieser Castingprozess zwar so an mir vorbeigeflogen, auf der anderen wusste ich aber genau, das ist meine Rolle. Ich habe deshalb beim Vorstellungsgespräch auch gleich gesagt: Übrigens bin ich heute hier, um euch davon zu überzeugen, dass das meine Rolle ist. Dass ihr die für mich geschrieben habt und es nur noch nicht wisst.
Was machte Sie da so sicher?
Wenn man eine Rolle zum ersten Mal liest, gibt es eine Magie oder eben nicht. Und bei mir war alles da. Auch wenn die Rolle nur auf einem Blatt Papier steht, ist sie ja voller Leben. Die Frage ist also: Was passiert, wenn ich das lese, was macht sie mit mir? Das meine ich mit Magie. Als ich das Figurenprofil gelesen habe, wusste ich, das ist meine Rolle, das fühlte ich.
Sind Sie so ein selbstbewusster Typ?
Ich glaube an die Kraft jedes Einzelnen, und ich glaube extrem an mich selber. Wenn ich in meinem Leben etwas angegangen bin und hundert Prozent dafür gegeben habe, hat das immer funktioniert. Ich habe ein inneres Vertrauen in mich selbst, das ist jenseits von Gut und Böse. Und wenn ich was schaffen will, werde ich alles in meinem Leben dem anpassen, dann gibt es für mich keinen anderen Weg. Es klingt vielleicht ein bisschen komisch, aber ich wusste: Ich bin besonders, ich schaffe das, weil ich in jedem Moment hundert Prozent gebe und dabei auch noch Spaß habe.
War der Druck besonders groß, als junge Darstellerin gleich in einer der erfolgreichsten Vorabend-Serien einzusteigen?
Das war schon ein extremer Druck und ziemlich krass. Das war mir am Anfang überhaupt nicht bewusst, aber es war auch gut so. Ich musste lernen, damit klar zu kommen und ernst nehmen, dass richtig was von mir erwartet wurde und ich immer auf der Höhe sein muss. Ich hatte mal einen Tag, an dem ich mich nach einer schlechten Nacht wirklich katastrophal gefühlt habe. Da wurde mir richtig bewusst, ich kann nicht ans Set kommen und denken, das läuft mal eben so.
Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?
Ich habe gemerkt, dass ich meinen Tagesablauf richtig planen und mich um meine Work-Life-Balance sehr kümmern muss. Meine Basis ist immer Sport, dazu Freunde und Familie. Wenn ich diese beiden Dinge in meinem Leben gut geregelt habe, mich mit Freunden und Familie gut erde, meinen Sport drei mal die Woche mache, dann bin ich sehr im Einklang mit mir und allem anderen.
Nervt es eigentlich manchmal auch ein bisschen die Quoten-Migrantin spielen zu müssen?
Das fühle ich überhaupt nicht so, ich lese vielmehr die Drehbücher und freue mich extrem, dass ich so tolle Sachen zu spielen habe. Empfinden Sie das denn so?
Ihr Serienpartner darf den „waschechten Hamburger“ spielen, Ihre Figur entstammt dagegen einer kriminellen Türken-Familie – hört sich nach ein bisschen viel Klischee an.
Ich sehe das gar nicht so. Im Gegenteil: Eigentlich habe ich doch damit großes Glück, denn meine Figur ist dadurch doch total interessant. Meine Rolle ist bunt, hat viel mehr zu erzählen, in ganz viele Richtungen. Ich bin ein großer Fan von meiner Rolle.
Wann haben Sie sich in den Kopf gesetzt, Schauspielerin zu werden?
Ich glaube, der Wunsch hat sich mein Leben lang irgendwie so durchgezogen, aber ich habe mich nie getraut, das laut auszusprechen. Ich war auf der Schule immer im Schultheater und später dann in Buchholz im Jugendzentrum auch in einer Schauspielgruppe. Irgendwie war Schauspiel also immer da, aber ich habe dem Wunsch nie zu viel Bedeutung gegeben. Ich war leider zu sehr darauf bedacht, was die anderen von mir denken und wollte nie den Eindruck wecken, ich möchte Ruhm und Bekanntheit erreichen und besser sein als andere.
Wie fanden Ihre Eltern das, als Sie den Job hinschmissen und zur Schauspielschule gingen?
Um ehrlich zu sein: Für die war das anscheinend irgendwie schon vorher klar, wir haben da nie lange drüber gesprochen.
Haben die sich nie Sorgen gemacht, dass sich ihre Tochter vielleicht für eine brotlose Kunst entschieden haben könnte?
Kein bisschen, im Gegenteil. Die haben eher gesagt: Wussten wir schon, warum hast du das nicht früher gemacht? Und ich dachte, wie bitte, warum habt ihr mit mir nie wirklich darüber gesprochen: Was sind deine Wünsche, Träume? Das sind ja Dinge, die im Alltag leicht verloren gehen.
Sehen Sie Ihre Zukunft eher bei Film und Fernsehen oder auch auf der Theaterbühne?
Bei Film und Kino. Im Theater sehe ich mich weniger, das war schon auf der Schauspielschule so. Ich kann eine größere Intimität mit der Kamera aufbauen als auf der Bühne.
Haben Sie als neue Titelfigur einer erfolgreichen Vorabendserie keine Angst vor einseitiger Festlegung?
Darüber denke ich gar nicht nach. Ich bin ein extremer Hier-und-jetzt-Mensch. Wenn ich mich wohl fühle, dann bleibe ich dran. Und bei „Notruf Hafenkante“ geht es mir so gut, ich bin noch zu hungrig dafür, als dass ich andere Pläne mache.
Sie fühlen sich privat im Schanzenviertel super wohl und müssen in Ihrem anderen Leben eine Polizistin spielen, klingt wie ein gewisser Anachronismus.
Lustig, dass Sie das fragen. Der Gedanke ist mir schon manchmal durch den Kopf gegangen. Polizei ist ja hier überhaupt nicht gern gesehen. Privat bin ich ja aber anders als meine Rolle. Vielleicht reden wir noch mal nach den ersten Sendungen, wenn die Zuschauer mich mehr mit der Rolle identifizieren, vielleicht kann ich dann ein paar andere Geschichten erzählen (lacht).
Hat sich Ihr Verhältnis zur Polizei durch die Dreharbeiten geändert, gehen Sie nicht mehr bei Rot über die Straße?
Ich habe noch nie auf Ampeln geachtet, außer wenn Kinder da sind (lacht). Ich hatte ja vorher keine Berührung mit der Polizei, aber zur Vorbereitung auf meine Rolle war ich mit der Hamburger Polizei auf Streife. Da habe ich gesehen, das sind ganz normale Familienväter und -mütter, normale Menschen wie du und ich. Und ich habe erlebt, was für einen großen Respekt die vor ihrem Job und den Herausforderungen haben. Egal, ob sie mal eine Tür eintreten oder irgendwo sogar die Waffe ziehen mussten. Das war manchmal schon ziemlich heftig und ich habe deren Beruf aus einem anderen Blickwinkel sehen können.
Heimat ist für mich ... da, wo Freunde und Familie sind.
An Hamburg mag ich besonders ... die Wassernähe.
An Hamburg mag ich nicht ..., dass, wenn es grau ist, alles grau ist. Das ist in jeder anderen Stadt nicht so.
Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist ... Planten un Blomen, wegen der wunderschönen Vielfalt an Pflanzen und Blumen. Dort findet fast mein ganzes Leben statt, ich geh‘ dort joggen, bin dort ständig und wenn ich nur meinen Text lerne.
Eine öffentliche Person zu sein ... kenne ich noch nicht, weiß ich nicht.
Wenn ich nicht drehe oder Sport mache ... dann chille ich gern, gucke zum Beispiel türkische Serien.
Aybi Era ist „die Neue“ in der beliebten ZDF-Vorabendserie, die jeden Donnerstag von bis zu vier Millionen Zuschauern gesehen wird. Mit Beginn der 13. Staffel wird sie ab Herbst an der Seite ihres Kollegen Marc Barthel als drittes Ermittlerteam am Hamburger Hafen und auf St. Pauli unterwegs sein. Era ist im August 1990 in Berlin als Tochter türkischer Eltern geboren und dort zusammen mit ihrem Bruder beim Vater aufgewachsen. 2004 zog sie zu ihrer Mutter nach Buchholz und 2010 dann in die Schanze nach Hamburg. Bevor sie auf die Schauspielschule ging, arbeitete sie als Verkäuferin in einer Boutique an der Alster. „Notruf Hafenkante“ ist nach einigen Kurzfilmen ihr erstes großes Film- und Fernsehprojekt. Zurzeit dreht sie die Folgen der 14. Staffel.