AbonnierenAbo
Zähl Pixel
IMF

Beethoven-Donnern in der Harmshof-Scheune: Haiou Zhang mit NDR-Radiophilharmonikern Katrin Rabus und Oliver Mascarenhas. Fotos: Jan Iso Juergens

Beethoven-Donnern in der Harmshof-Scheune: Haiou Zhang mit NDR-Radiophilharmonikern Katrin Rabus und Oliver Mascarenhas. Fotos: Jan Iso Juergens

Große Kammermusik entsteht dann, wenn die Spielerinnen und Spieler perfekt aufeinander hören, kompromisslos alles geben, was in ihnen steckt und dabei ihren Instrumenten das Bestmögliche entlocken. Dann – und nur dann – entsteht eine neue Qualität

Von Harald Winter 15.09.2021, 18:53 Uhr
3 Monate Premium-Zugriff auf tageblatt.de für nur 0,99 €! Jetzt sichern!

Jene geheimnisvolle Meta-Ebene, auf der sie sich nicht nur gegenseitig verzaubern, sondern das Publikum gleich mit.

Genau das passierte: Die Kammer war dabei der Harmshof in Jork-Königreich, eine der bevorzugten Locations des „International Music Festivals“ (IMF), in dessen voll besetzter Scheune das wunderbare tonale Netzwerk am Dienstagabend gleich zu Beginn um das geniale Klaviertrio D-Dur Op. 70 Nr. 1 „Geister“ von Großmeister Beethoven gesponnen wurde.

Katrin Rabus (Violine), Oliver Mascarenhas (Cello), beide auch Mitglieder der NDR-Radiophilharmonie Hannover, sowie Haiou Zhang, künstlerisches Herz des IMF, wie immer am Bechstein-Flügel, entzündeten praktisch aus dem Nichts einen musikalischen Flächenbrand, der die Geister des Heavy Metals musikalisch mit auf den Plan rief. Wäre Ampere die Einheit für musikalische Energie, hätten die begeisterten Zuhörer die beeindruckende Interpretation im Starkstrom verbracht. Genau so stellt man sich Beethoven vor: Es muss donnern. Und das tat es auch – vor allem im ersten Satz und am Schluss. Sehr geschlossen und konsonant. Aber: Beethoven wäre nicht das Genie, das er nun einmal war, wenn es nicht auch gleichzeitig irgendwo filigran perlt und den leisen Genuss erlaubt. Dazu hatte das Publikum im beeindruckend kontrastierenden zweiten Satz mit den elegisch phrasierenden warmen Streicherklängen ausreichend Gelegenheit. Nicht enden wollenden Beifall gab es schon vor der Pause.

 

Hommage an Friedrich Gulda

 

Nun wäre das IMF nicht das, was es ist, nämlich ein Ort der Musik in ihrer ganzen Spannweite – ohne Berührungsängste und Hierarchie: Jazz-Improvisation stand auf dem Programm, und die wurde erfolgreich zelebriert, facetten- und kontrastreich, durch Markus Becker, vielfach beschäftigter Pianist mit Professur an der Musikhochschule Hannover, der seine beeindruckende Vielseitigkeit und Gestaltungskraft schon vor der Pause in der ausgezeichneten Interpretation des Haydn- Klaviertrios Nr. 44 E-Dur Hob:XV Nr. 28 unter Beweis stellte.

Markus Becker zelebriert im zweiten Teil des Kammerkonzerts die Jazz-Improvisation .

Markus Becker zelebriert im zweiten Teil des Kammerkonzerts die Jazz-Improvisation .

Nach der ausgesprochen voluminös-vieltönig improvisierten Überleitung von Beethoven in die Jetztzeit, bei der auch schon mal Pippi Langstrumpf zu Wort, oder besser zu Ton kam, das wunderbar klingende legendäre „Spain“ von Chick Corea gemeinsam mit dem temperamentvollen Cello von Oliver Mascarenhas. Wohlklingende Eigenkompositionen sowie die beeindruckende Neugestaltung von Beethovens „Appassionata“ in einer Art Taschenversion als Hommage an Friedrich Gulda, der bereits in den 60ern des letzten Jahrhunderts voller Pioniergeist Beethoven mit Jazz kombinierte, riss das Publikum dann endgültig von den Sitzen.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.