Olympiasiegerin mit Stempel? Carls Rückkehr nach Sperre
Victoria Carl steht vor der Rückkehr in den Langlauf-Weltcup. (Archivbild) Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Eine Dopingsperre kostete Victoria Carl die Olympia-Teilnahme. Nun steht die Langläuferin vor ihrem Comeback.
Planegg. Beim ersten Wiedersehen mit ihren Teamkolleginnen übermannten Victoria Carl die Emotionen. „Ich hatte mir vorgenommen, nicht zu weinen. Aber es ging in dem Moment nicht“, berichtete die Skilangläuferin über das Treffen Ende September in Oberhof.
Seither trainiert die wegen Dopings gesperrte Teamsprint-Olympiasiegerin von 2022 wieder mit der Mannschaft für ihr Comeback, das nach Ablauf der 18-monatigen Sperre beim Weltcup vom 4. bis 6. Dezember in Trondheim geplant ist. „Ich würde am liebsten heute schon mit einer Startnummer irgendwo starten. Ein wenig muss ich mich noch gedulden. Die Vorfreude ist schon sehr groß“, sagte Carl in einer Medienrunde.
Ihren ersten Wettkampf will Carl schon eine Woche zuvor beim zweitklassigen Fis-Rennen im norwegischen Gaalaa bestreiten und dabei die nötigen Punkte für die Weltcup-Rückkehr sammeln. Das nötige Rüstzeug dafür will sie sich in den ersten beiden November-Wochen im Trainingslager mit dem deutschen Team im finnischen Muonio holen.
Carl musste viele Fragen beantworten
Im deutschen Langlauf-Team wurde die 31 Jahre alte Thüringerin mit offenen Armen empfangen. „Es war sehr intensiv, wir haben uns heulend in den Armen gelegen. Es sind sehr viele Tränen geflossen“, erzählte DSV-Sportdirektor Peter Schlickenrieder. Bei aller Emotionalität habe es aber auch eine sehr „sachliche und intensive Diskussion“ gegeben.
Denn es gab viele Fragen an Carl, die im März 2025 positiv auf die verbotene Substanz Clenbuterol getestet worden war. Warum bist du das nicht früher angegangen? Wie kann das passieren? „Die Mannschaft hat sehr intensiv mit Vicky den Fall nochmal aufgearbeitet, vor allem um auch Learnings daraus zu ziehen. Sie hat das so detailliert und nachvollziehbar geschildert, dass die eine oder andere gesagt hat, scheiße, das könnte mir tatsächlich auch passieren“, sagte Schlickenrieder.

DSV-Sportdirektor Peter Schlickenrieder freut sich über die Rückkehr von Victoria Carl. (Archivbild) Foto: Daniel Löb/dpa
Es sei wichtig gewesen, wie „offen, ehrlich, direkt und intensiv“, in der Mannschaft über den Fall gesprochen worden sei. Das könne dabei helfen, Ähnliches für die Zukunft auszuschließen. „Wir müssen die Kräfte bündeln, die verschiedenen Felder, die wir haben, auch aus sportlicher Sicht, in denen wir noch besser werden müssen. Und da kann Victoria Carl viel dazu beitragen“, erklärte der Sportdirektor.
Carl selbst hatte den positiven Dopingbefund auf die Einnahme des Hustenmittels Spasmo Mucosolvan zurückgeführt, das ihr ein Bundeswehrarzt bei der Militär-WM verabreicht hatte. Das Medikament wird in erster Linie zur Behandlung von Atemwegserkrankungen wie Asthma eingesetzt. Nach vielen Monaten der Selbstzweifel sieht sie jetzt wieder „Licht am Ende des Tunnels“.
Unterstützung vom Verband und den Teamkolleginnen
Nach der positiven Dopingprobe und der daraus resultierenden Sperre, die sie die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen in diesem Jahr kostete, sei für sie „eine Welt zusammengebrochen“. Nun arbeitet sie daran, diese wieder aufzubauen. „Jeder Mensch macht Fehler. Wir sind keine Maschinen. Jeder hat seine zweite Chance verdient - und ich möchte sie jetzt so gut wie möglich nutzen“, erklärte die Gesamtweltcup-Zweite des Vorjahres.
Die Unterstützung des Verbandes und des Langlauf-Teams sind ihr dabei gewiss. „Ihr Ausfall hat uns schon sehr geschockt und wehgetan. Es war für alle Beteiligten eine harte, harte Zeit. Darum freuen wir uns jetzt, dass sie wieder zurückkommt“, sagte Schlickenrieder und lobte Carl als eine „selbstbestimmte, selbstverantwortliche Athletin“ mit einer „herzerfrischenden Fehlerkultur, die sie wirklich gelebt hat.“
Johaug als Vorbild
Bei der Rückkehr in die Loipe könnte Therese Johaug als prominentes Vorbild dienen. Die Norwegerin verbüßte nach einer positiven Dopingprobe 2016 ebenfalls eine 18-monatige Sperre und gewann danach noch dreimal Olympia-Gold und sieben WM-Titel. Wie Carl hatte damals auch Johaug, die eine Lippencreme als Ursache für den Dopingfund ausmachte, ihre Unschuld beteuert.
Schlickenrieder sieht heute durchaus Parallelen in den beiden Fällen und wirbt deshalb für mehr Zurückhaltung bei der öffentlichen Bewertung. „Schnelle Vorurteile zu fällen, ist eine ganz gefährliche Geschichte“, sagte der 56-Jährige.
Wie stark kehrt Carl zurück?
Auf Carls Comeback ist er gespannt. „Ich glaube, wir werden eine sehr starke Victoria Carl erleben“, prophezeite Schlickenrieder. Woher nimmt er diesen Optimismus? „Sie ist auf einem Top-Leistungsstand, mindestens auf dem Leistungsstand wie davor“, bekräftigte der Olympia-Zweite im Sprint von 2002.

Victoria Carls größter Moment: Olympia-Gold 2022 im Teamsprint mit Katharina Hennig (l). (Archivbild) Foto: Angelika Warmuth/dpa
Unter Druck setzen will er die Athletin aber nicht. „Es wird trotzdem eine Challenge, weil wir, wie auch sie, eine enorme Vorfreude, eine enorme Motivation haben - und eine Übermotivation kann ganz schnell mal ins Negative überschlagen“, warnte Schlickenrieder. Deshalb gelte es, ruhig zu bleiben und „die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben.“
Zumal Carl das schon selbst getan hat. In der kommenden Saison wolle sie „die Beste“ sein, erklärte die zweimalige WM-Medaillengewinnerin jüngst im Podcast „Be Proud Talk“. Ob das klappt, sei egal, „aber ich habe das Ziel. Definitiv. Ich will stärker zurückkommen. Jetzt erst recht.“