75.000 Zeugen Jehovas zu Kongress in Hamburg erwartet
Die Zeugen Jehovas sind in Deutschland als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt. (Archivbild) Foto: Britta Pedersen/dpa
Vor drei Jahren erschütterte ein Amoklauf die Zeugen Jehovas in Hamburg. Jetzt will die Glaubensgemeinschaft einen großen Kongress veranstalten und dabei auch an ihre Opfer in der NS-Zeit erinnern.
Hamburg. Die Zeugen Jehovas planen für August einen großen Kongress in Hamburg. An drei Tagen vom 14. bis zum 16. August werden im Volksparkstadion insgesamt 75.000 Besucher erwartet, teilte der Sprecher von Jehovas Zeugen Norddeutschland, Michael Tsifidaris, mit. Unter ihnen seien 5.000 Delegierte aus 25 Ländern. Weitere 90.000 Anhänger der Glaubensgemeinschaft sollen sich in vier bundesweit zugeschalteten Tagungsstätten versammeln, darunter im Frankfurter Waldstadion.
Mit dem internationalen Kongress wollen die Zeugen Jehovas an eine Versammlung auf der Hamburger Moorweide vor 80 Jahren erinnern. Damals seien in der kriegszerstörten Stadt 4.000 mutige Menschen aus ganz Norddeutschland zusammengekommen, erklärte Tsifidaris. Die Zeugen Jehovas, die dem NS-Regime widerstanden und die grausame Verfolgung überlebten, hätten 1946 ein entschlossenes Zeichen für Frieden und Einheit gesetzt.
10.000 freiwillige Helfer
Der kommende Kongress steht unter dem Motto „Ewiges Glück“. „Wir sind überzeugt: Frieden beginnt mit Herzensbildung. Und nur der Weg des Friedens kann der Weg zu „Ewigem Glück“ sein“, erklärte der Sprecher. Mehr als 10.000 freiwillige Helfer sollen sich engagieren, rund 1.000 von ihnen wollen sich wenige Tage zuvor an einer Reinigungsaktion im Volksparkstadion beteiligen. Hunderte Helfer nähten derzeit Tausende Sitzbezüge, um damit das Stadion festlich für einen Gottesdienst zu schmücken.

Am Rande eines Kongresses der Zeugen Jehovas in Hamburg wollen zahlreiche Teilnehmer auch die KZ-Gedenkstätte Neuengamme besuchen. (Archivbild) Foto: Gregor Fischer/dpa
Führungen durch NS-Gedenkstätte Neuengamme
Den Angaben zufolge wollen Tausende Kongressteilnehmer auch die KZ-Gedenkstätte Neuengamme besuchen, um sich mit der Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas zu beschäftigen.
Ein besonderer Anziehungspunkt werde die Teilrekonstruktion eines Stalls sein, in dem einst inhaftierte und zwangsrekrutierte Mitglieder der Glaubensgemeinschaft Angorakaninchen zur Wollproduktion züchten mussten. Unter Lebensgefahr hätten sie andere, vom Hungertod gezeichnete Häftlinge mit Nahrung versorgt und heimliche Bibelkurse veranstaltet, erklärte Tsifidaris.
Eigene Guides der Zeugen Jehovas würden Führungen durch das ehemalige Konzentrationslager anbieten, sagte eine Sprecherin der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen. In Kooperation mit der Gedenkstätte werde es auch eine Online-Führung geben. Von dem ehemaligen Kaninchenstall zeichneten sich bei trockener Witterung noch die Fundamente im Gras ab, erklärte die Sprecherin.

Seit dem 24. Juni erinnert ein Mahnmal in Berlin an Zeugen Jehovas, die in der NS-Zeit verfolgt wurden. (Archivbild) Foto: Christoph Soeder/dpa
Neues Mahnmal in Berlin
Zur NS-Zeit hatten die Zeugen Jehovas, die damals als Bibelforscher bekannt waren, es abgelehnt, den Hitlergruß zu zeigen oder ihre Kinder in die Hitlerjugend zu schicken. Viele verweigerten den Wehrdienst. Ab 1933 wurden sie von den Nazis verfolgt. Tausende wurden verschleppt, inhaftiert und gefoltert. Mindestens 1.700 verloren ihr Leben. Am vergangenen 24. Juni wurde in Berlin ein Mahnmal eingeweiht, das an die Verfolgung und den Widerstand der Zeugen Jehovas erinnern soll.

Das Gemeindezentrum in Hamburg-Alsterdorf wurde nach dem Amoklauf vom 9. März 2023 komplett renoviert. (Archivbild) Foto: Katrin Luxenburger/dpa
Amoklauf löste international Betroffenheit aus
Vor gut drei Jahren hatte ein Amoklauf die Zeugen Jehovas in Hamburg erschüttert. Am 9. März 2023 war ein ehemaliges Mitglied der Gemeinschaft (35) kurz nach einem abendlichen Gottesdienst in ein Gemeindezentrum im Stadtteil Alsterdorf eingedrungen und hatte sieben Menschen – darunter ein ungeborenes Kind – und sich selbst erschossen. Elf weitere Menschen wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft verletzt. Der Amoklauf hatte in Deutschland und international große Betroffenheit ausgelöst. Seit Anfang Mai finden in dem komplett renovierten Gebäude wieder Gottesdienste statt.