Nachts auf dem Hügel: Warum ist Kiew so schwer zu schützen?
Immer zwölf Stunden dauert die Wache der mobilen Flugabwehrtrupps. (Archivbild) Foto: Friedemann Kohler/dpa
Russlands schnelle Jet-Drohnen bringen Tod und Zerstörung über die ukrainische Hauptstadt. Freiwillige helfen bei der Luftverteidigung. Was wirkt wirklich gegen die neue Gefahr?
Kiew. Eine helle Mondnacht auf einem Hügel außerhalb von Kiew. Vier Männer öffnen die Plane über einem amerikanischen Pickup-Truck, zum Vorschein kommt ein Drehgestell mit einem großen Doppel-Maschinengewehr. Die Lichter der Millionenstadt flimmern am Horizont. Der mobile Trupp gehört zur ukrainischen Flugabwehr. Er soll in dieser Nacht helfen, die Hauptstadt vor russischen Luftangriffen zu schützen.
Bedrohung durch Russlands neue Jet-Drohnen
In den vergangenen Wochen ist es fast unmöglich geworden, diesen Auftrag zu erfüllen. Die russische Armee beschießt Kiew nicht nur nachts mit ballistischen Raketen. Sie hat ihre Shahed-Drohnen, die ursprünglich iranischer Bauart waren, mit Düsenantrieb versehen. Frühere Typen wie Geran-3 hatten einen Propeller, waren langsam und flogen niedrig; sie klangen wie ein Moped.
„Als die Russen merkten, dass wir ihre Shahed gewöhnlich abschießen, haben sie neue entwickelt, die schneller und höher fliegen“, sagt der Truppführer. Der neueste Typ Geran-5 fliegt nach Angaben des Militärgeheimdienstes HUR der Ukraine 450 bis 600 Kilometer pro Stunde schnell und maximal 6.000 Meter hoch. Geran-4 ist etwas kleiner und langsamer. Sie klingen wie Düsenflugzeuge. Und sie schlagen zu jeder Tages- und Nachtzeit in Kiew ein. Es gibt Tote und Verletzte.„Für die Zivilbevölkerung ist das Leben sehr schwer geworden.“
Vier Freiwillige schieben Wache
Die vier Uniformierten sind keine Soldaten, sondern Freiwillige; sie haben Militärerfahrung. Von acht Uhr abends bis acht Uhr morgens dauert die Wache, sie opfern dafür ihre Freizeit. „Meine Projekte fressen viel Zeit. Deshalb mache ich das an meinen freien Tagen“, sagt ein Unternehmer. Einer arbeitet als Systemadministrator, einer ist Beamter. Der vierte war schon Tierfilmer, Soldat und Tee-Importeur.
Ihr Antrieb: „Es ist wichtig, dass wir unsere Frauen und Kinder schützen“, sagt der Truppführer. Uniformen, Ausrüstung, auch das Auto haben sie selbst beschafft. Die Armee stellt das Flugabwehrgeschütz mit Munition. Wie lange werden sie durchhalten? „Bis zu unserem Sieg!“

Das doppelte Maschinengewehr muss Glück haben, um die neuen Jet-Drohnen zu treffen. (Archivbild) Foto: Friedemann Kohler/dpa
Die schweren Maschinengewehre vom Typ Wladimirow mit Kaliber 14,5 Millimeter stammen noch aus Sowjetzeiten. „Vermutlich in den 70ern gebaut“, sagt der Truppführer. Gegen die alten Shahed war ihre Trefferquote gut, sagen die Männer am Geschütz. Auch niedrig fliegende russische Marschflugkörper können sie mit etwas Glück vom Himmel holen.
Was können alte Maschinengewehre ausrichten?
Doch für die neue Generation russischer Drohnen schießen die alten MGs nicht hoch genug. „Wir können sie treffen, wenn sie unter 1.500 Meter fliegen.“ Dafür müssen die feindlichen Flugkörper beim Zielanflug vor den Doppellauf geraten.
Die mobilen Trupps agieren nicht allein, die Verteidigung des Himmels über Kiew ist gestaffelt. Es gibt die alten deutschen Flugabwehrpanzer Gepard, es gibt elektronische Abwehrmittel. Doch auch sie haben ihre Mühe mit den schnellen neuen Drohnen.
Die deutschen Flugabwehrsysteme Iris-T könnten die Geran-5 wohl abschießen. Doch ihre Abfangraketen sind teuer. Am erfolgreichsten gehen derzeit ukrainische Kampfjets auf Drohnenjagd. Manchmal nutzen sie Berichten zufolge ihre Bordkanone, auch wenn sie dicht an die Drohnen heranfliegen müssen.
Schließlich schützen auch Systeme der Typen Patriot und Nasams die Hauptstadt, die aber zur Abwehr ballistischer Angriffe bestimmt sind. In der Nacht auf Dienstag seien ballistische Raketen abgeschossen worden, teilte Präsident Wolodymyr Selenskyj mit. Er dankte den USA und Norwegen für die Nasams mit Munition.
Tablet zeigt die feindlichen Drohnen
Hauptarbeitsgerät der Freiwilligen ist ein Tabletcomputer. Er zeigt auf einer Karte, wie die feindlichen Drohnen anfliegen. „Eine kommt über Wyschhorod rein. 4.700 Meter hoch“, sagt der Mann am Tablet an. „Dreht ab nach Browary.“ Das ist ein Vorort, in dem immer wieder Logistikzentren attackiert werden.

Ein Tablet informiert den Trupp über die Flugroute russischer Drohnen. (Archivbild) Foto: Friedemann Kohler/dpa
Warten, warten - so sieht die Wache auf dem Hügel aus. Zwei Männer fachsimpeln über ihre Motorräder. Dann auf einmal: Eine Drohne nähert sich von weitem dem möglichen Schussfeld der MGs. Der Mann im Schützensessel dreht das Gestell, kurbelt die Rohre hoch. „Nein, die geht doch nach Schuljawka.“ Diesmal wird nicht geschossen. Für sinnlos halten die Männer ihre Aufgabe trotzdem nicht: Irgendwann wird es auf sie ankommen. „Außerdem beobachten wir, sammeln Informationen und geben sie weiter“, sagt einer.
Fieberhafte Arbeit an neuen Abwehrmitteln
Doch die große Stadt Kiew kann nicht täglich mehrere schwere Treffer hinnehmen mit Toten und Verletzten, Bränden, zerstörter Infrastruktur, unbewohnbaren Häusern und kaputten Unternehmen. Die Zuspitzung der vergangenen Tage rief die Staatsführung auf den Plan. Eigene Abfangwaffen seien bereits im Gefecht getestet worden, sagte Selenskyj. Die Abfangrate sei zwar noch zu niedrig. „Doch jede Woche soll sich die Trefferquote erhöhen.“ Derzeit liegt sie nach verschiedenen Angaben bei etwa 60 Prozent.
Der neue Verteidigungsminister Jewhenij Chmara kündigte eine neue Taktik an. Die Jet-Drohnen dürften gar nicht erst in die Nähe der Hauptstadt kommen. Alle der Teile der Flugabwehr müssten ihre Arbeit an die neue Realität anpassen. Als eine Entlastung soll die Ukraine von Belgien bis Jahresende drei weitere Kampfjets des US-Typs F-16 bekommen.