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Rückblick

TWie sich die Lebenshilfe in Stade gewandelt hat

In den Hansewerkstätten , die zur Lebenshilfe gehören, arbeiten 130 Menschen. Natalie (links) verziert Vasen, die im Blumenladen in der Kleinen Schmiedestraße verkauft werden. Irina Becker betreut die Werkstattgruppe.

In den Hansewerkstätten , die zur Lebenshilfe gehören, arbeiten 130 Menschen. Natalie (links) verziert Vasen, die im Blumenladen in der Kleinen Schmiedestraße verkauft werden. Irina Becker betreut die Werkstattgruppe.

Am Anfang stand das Engagement von Eltern. Sie wollten ihre behinderten Kinder aus dem Abseits holen und fördern. Mit der „Lebenshilfe für das geistig und mehrfach behinderte Kind“. Das war vor 60 Jahren. Seitdem hat sich viel getan.

Von Wilfried Stief Sonntag, 24.01.2021, 18:23 Uhr

Die Welt sieht heute anders aus bei der Lebenshilfe. „Wir sind längst keine Sondereinrichtung mehr“, sagt Geschäftsführer Niko Lampio und verweist auf den Namen des Betriebs: Der nennt sich schlicht Lebenshilfe Stade. Ohne weitere Ausschmückungen oder Verweise. „Wir kümmern uns um alle Menschen“, so Lampio.

Das wird an den Kooperationen deutlich, die die Lebenshilfe eingegangen ist. Bei den Kindertagesstätten verlassen sich Hunderte von Eltern auf die Betreuungsqualität. Darunter die Eltern aus dem Elbe Klinikum und von Airbus.

Die Lebenshilfe, 1963 gegründet, betreibt Kitas auch mit heilpädagogischen Gruppen, in denen die Kinder intensiv betreut werden, mitunter sogar eins zu eins. Es gibt Integrationsgruppen, wiederum Krippen und einen Hort. „Unsere Angebote sind aus den Bedürfnissen der Menschen heraus entwickelt worden, die zu uns kommen“, sagt Marion Spieker, langjährige Mitarbeiterin und Aufsichtsratsmitglied der Lebenshilfe.

200 Mitarbeiter in der Lebenshilfe

Bei der Lebenshilfe Stade gehen über 1000 Menschen ein und aus. Die Kleinen in den Kita-Gruppen, die am Hohen Felde, in Ottenbeck und neuerdings in der Salinenstraße (ehemals Harburger Festplatz) ihre Einrichtungen haben. Kinderhaus, Kindernest oder Kinderwelt heißen einige der Häuser, oder eben Elbekinder, deren Leiterin Anja Wöhlkens ist.

Das Kindernest in der Salinenstraße ist die neueste Kita der Lebenshilfe. Ann-Kristin Witt leitet sie. Links im Bild Lebenshilfe-Geschäftsführer Niko Lampio.

Das Kindernest in der Salinenstraße ist die neueste Kita der Lebenshilfe. Ann-Kristin Witt leitet sie. Links im Bild Lebenshilfe-Geschäftsführer Niko Lampio.

Die etwas Älteren reihen sich in der „Karawane“ ein. Die „Karawane“ ist der angestammte Bereich der Lebenshilfe, für die sie in der Region seit Jahrzehnten steht. Da geht es um die nachschulische Betreuung, die für Eltern unerlässlich ist. Wenn der Unterricht an der Förderschule endet, treffen sich die Kinder und Jugendlichen im Haus der Lebenshilfe am Hohen Felde. In der „Karawane“ entstehen Freundschaften, die soziale Verbundenheit ist groß. Die jungen Menschen verbringen ihre Freizeit miteinander, bevor es dann nach Hause geht. Eine heilpädagogische Tagesgruppe gibt es ebenfalls, für Kinder, die liebevoll als „verhaltensoriginell“ bezeichnet werden. Dahinter steht eine höchst anspruchsvolle Betreuung, die von engagierten Kolleginnen und Kollegen mit vollem Einsatz geleistet werde, betont Geschäftsführer Lampio.

200 Mitarbeiter hat der Verein Lebenshilfe. Erzieher, Heilpädagogen, Krankenpfleger und Therapeuten sind vertreten. In Sachen Schulbegleitung ist die Lebenshilfe der größte Anbieter im Landkreis. Dazu kommen die Ehrenamtlichen, 100 an der Zahl, die seit 1995 das „Sahnehäubchen“ bilden, wie Marion Spieker es ausdrückt. So wie die pensionierte Lehrerin, die eine Betreuung übernommen und sich in dieser neuen Rolle pudelwohl gefühlt hat. „Wer Lebenshilfe-Luft eingeatmet hat, kommt nicht wieder davon los“, sagt Spiecker. Mit über 40-jährigem Engagement weiß sie, wovon sie spricht.

Frühförderung bringt Selbstständigkeit

„Unsere Betreuung erstreckt sich über das ganze Leben“, hebt Niko Lampio eine Besonderheit der Lebenshilfe hervor. Dazu gehören dann auch Wohnen und Arbeiten.

Sören Zenker ist Leiter des ambulant betreuten Wohnens. Neben der festen Einrichtung in Campe mit 24 Plätzen gibt es im Stadtgebiet verteilt sechs Wohngemeinschaften. Viele wollen nicht allein leben, aber auch nicht im Heim, erläutert Sören Zenker. Hier orientiere sich die Lebenshilfe wiederum an den Wünschen der Menschen. In den WGs geben sich die Bewohner ihre Hausordnung selbst – zum Beispiel bis mittags keinen Krach in der Wohnung zu machen – und kein Außenstehender mischt sich ein.

Eine Erfahrung über die Jahre: Wegen der Frühförderung sind viele selbstständiger geworden, kommen im Leben eigenverantwortlich besser zurecht. „Früher wären viel mehr Menschen im Heim gelandet“, sagt Zenker.  Im letzten Jahr ist die erste WG mit psychisch Kranken entstanden.

Corona hat Lebenshilfe hart getroffen

Bei der Lebenshilfe Stade ist handwerkliches Geschick gefragt.  Und zwar in den Hanse Werkstätten, die von den Lebenshilfen Stade, Buxtehude und Cuxhaven gegründet wurden. In der Kerzenwerkstatt, bei der Produktion von Anzündern oder im Blumenladen in der Kleinen Schmiedestraße, wo es um die Floristik geht. Auch hier gilt das Prinzip der Fortbildung. „Wir wollen möglichst viele in das normale Berufsleben integrieren“, nennt Geschäftsführer Lampio als Ziel. Angeleitet werden die Azubis von Handwerkern mit sozialpädagogischer Zusatzausbildung.

Das Haupthaus der Lebenshilfe Stade steht am Hohen Felde. Dort sind die Kita „Elbekinder“, die „Karawane“ und Werkstätten zu finden.

Das Haupthaus der Lebenshilfe Stade steht am Hohen Felde. Dort sind die Kita „Elbekinder“, die „Karawane“ und Werkstätten zu finden.

Corona hat auch die Lebenshilfe hart getroffen. Weil die Werkstätten zeitweise schlossen oder die Arbeit stark reduzierten, führte für manch einen der Weg in die Isolation. Mitarbeiter sprangen ein und gingen in die Wohngemeinschaften oder halfen in anderen Bereichen, um schlechte Zeiten zu überbrücken. Auf Anfrage des Landkreises wurde im Altenheim Hilfestellung geleistet.

Dass sich die Lebenshilfe einer Wandlung unterzogen hat, wird auch am Logo deutlich. Nicht mehr das Behüten und Beschützen steht im Vordergrund, sondern das Unterstützen und Helfen. Das neue Logo zeigt den Menschen im Mittelpunkt, umgeben von Menschen, die helfen – wenn es gewünscht ist.

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