28.12.2019, 18:00
Jahresrückblick: Den Kiez stets dabei

Er ist ein echtes Hamburger Original – seit einigen Jahren lebt der Fotograf Günter Zint allerdings im Landkreis Stade. Dass ihn St. Pauli nie wirklich losgelassen hat, zeigte sich bei seinem Überraschungsbesuch im Stader Kunsthaus im Februar deutlich.

Eigentlich läuft es so im Kunsthaus Stade: Das Museums-Team lädt mich als Kultur-Redakteur vor dem Start einer neuen Ausstellung zu einer Führung in kleiner Runde ein. Die Kuratoren erklären dann ihr Konzept und beantworten meine Fragen. Etwas anders lief es beim sogenannten Presse-Preview zur Foto-Ausstellung „Es war einmal“ im Februar dieses Jahres.

Diesmal gab es Details zur Einrichtung des Frauenmörders Fritz Honka zu hören, und ein ehemaliger Zuhälter fand sich im Museumsfoyer ein – der Kultfotograf und Autor Günter Zint hatte sich kurzfristig zu dem Rundgang angemeldet. Zur Info: Günter Zint ist Hamburgs bekanntester Fotograf und hätte ebenso selbst mit seinen Bildern in der Ausstellung vertreten sein können. Herbert Dombrowski, Germin und Anders Petersen – die ausgewählten Fotokünstler – kennt und kannte er persönlich.

Er hat mit ihnen gefeiert und gearbeitet. Die geballte Expertise also. Ich glaube, dass die Museumsleitung etwas nervös war. Was würde Günter Zint zu der Auswahl sagen? Der Gründer der legendären „St. Pauli Nachrichten“ ist niemand, der mit seiner Meinung hinterm Berg hält. Am Ende konnten alle aufatmen, im TAGEBLATT-Kurzinterview schwärmte Zint: „Ich bin begeistert. Die Kuratorin hat alles sehr liebevoll aufgearbeitet. Die jeweilige Bildsprache der Fotografen wird sehr deutlich.“

Zint lebt im Landkreis Stade

Von seinem St. Pauli hat sich die Hamburger Legende vor einigen Jahren verabschiedet – zumindest in Sachen Wohnort. Zint lebt auf einem Hof im Landkreis Stade, arbeitet aber weiterhin in Hamburg. Den Kiez trägt er zu jeder Zeit im Herzen mit sich – und apropos tragen: Zu dem Termin im Kunsthaus folgte ihm sogar ein Stück Rotlicht-Geschichte und schleppte ihm seine Tasche hinterher. Rolf*, ehemaliger „Puffbetreiber“, hilft seit seinem Ausstieg aus der Szene auf dem Hof aus. Typisch Zint.

Als ich den Fotografen im Februar treffe, steht die Premiere von Fatih Akins Film „Der goldene Handschuh“ kurz bevor. Auch wenn die namensgebende Kneipe selbst nicht gezeigt wird, katapultiert die Stader Ausstellung mit Szenen aus dem Elbschlosskeller und dem Lehmitz den Besucher in die Zeit, in der Fritz Honka Frauen in seine Wohnung gelockt und dann umgebracht hat. Um das Kiez-Flair der 70er Jahre authentisch zu gestalten, hat der Regisseur Fatih Akin einen Mann zurate gezogen, der diese Zeit ausgiebig dokumentiert hat: Günter Zint selbstverständlich. Der hat sich in der Filmkulisse kurz erschrocken – denn der Serienmörder hatte sich Seiten aus Zints freizügigen „St. Pauli Nachrichten“ an die Wand gehängt. Da schaudert es selbst einen abgeklärten Milieu-Kenner.

*Name von der Redaktion geändert.

Mein Moment 2019

Die exklusiven Führungen durch das Kunsthaus Stade genießt Sven Husung ohnehin – richtig spannend wurde es, als der Fotograf Günter Zint im Februar dazustieß.

Alle Artikel zum Jahresrückblick gibt es unter: www.tageblatt.de/specials/jahresrueckblick

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